Porträt einer jungen Frau in Flammen

Ein Kostümdrama über die Liebe zweier Frauen, das vor allem von gesellschaftlichen Diskursen und kunsttheoretischen Überlegungen der Gegenwart erzählt, das ist Céline Sciammas „Porträt einer jungen Frau in Flammen“, eines der Highlights des diesjährigen Wettbewerbs von Cannes.

Webseite: www.PortraetEinerJungenFrauInFlammen.de

Portrait de la jeune fille en feu
Frankreich 2019
Regie & Buch: Céline Sciamma
Darsteller: Noémie Merlant, Adèle Haenel, Valeria Golino
Länge: 119 Minuten
Verleih: Alamode/Wild Bunch
Kinostart: 31. Oktober 2019

Pressestimmen:

“Reicher, klüger und beglückender ist Kino selten gewesen.” (Der Spiegel)

“Einer der überwältigendsten und schönsten Filme der vergangenen Jahre. Kein Mann hätte ihn so drehen können.” (Stern)

„Ein Meisterinnenwerk.“ (Süddeutsche Zeitung)

FILMKRITIK:

Per Ruderboot wird Marianne (Noémie Merlant) an eine abgelegene Küste der Bretagne gebracht. Wir schreiben das Jahr 1770, die Französische Revolution liegt noch etliche Jahre in der Zukunft, die Rolle der Frau in der Gesellschaft ist festgeschrieben. Umso ungewöhnlicher ist Mariannes Metier: Sie ist Portraitmalerin und hat nun einen neuen Auftrag angenommen. Eine verwitwete italienische Gräfin (Valeria Golino) beauftragt sie, dass Bild ihrer Tochter Héloïse (Adèle Haenel) zu malen. Dieses Bild ist dringend notwendig, um die geplante, arrangierte Ehe von Héloïse zu bestätigen. Diese ist einem ihr unbekannten Mann im fernen Mailand versprochen, der sie nie gesehen hat.
 
Doch Héloïse sträubt sich gegen diese arrangierte Verbindung, weigert sich, für das Portrait Modell zu sitzen. So muss Marianne im Geheimen, aus dem Gedächtnis malen und blickt Héloïse während gemeinsamer Spaziergänge an der rauen Küste umso eindringlicher an. Unweigerlich verlieben sich die beiden jungen Frauen und beginnen während der kurzzeitigen Abwesenheit der Mutter eine Affäre. Doch trotzt der Intensität der gemeinsamen Momente ist beiden klar, dass diese Verbindung nicht von Dauer sein kann.
 
Bekannt wurde Céline Sciamma als Autorin und Regisseurin von Filmen wie André Téchinés „Mit Siebzehn“ oder ihrem eigenen „Mädchenbande“, zeitgenössischen Filmen, die moderne Rollenverhältnisse thematisierten. Da überrascht es auf den ersten Blick ein wenig, dass sie sich für ihren neuen Film 250 Jahre in die Vergangenheit begibt und sich dem oft ein wenig angestaubten Genre des Kostümdramas annimmt. Doch „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ ist weniger ein Film über eine vergangene Zeit, als ein Film über die Gegenwart, erzählt zwar vordergründig von längst überholten Traditionen, die jedoch auf den zweiten Blick viel über die Rolle der Frau in der Gegenwart verraten.
 
Unabhängig und frei wirkt Marianne zunächst, einen selbstständigen, künstlerischen Beruf ausübend, nicht den Zwängen der Gesellschaft unterworfen. Doch bald zeigt sich, dass diese vermeintliche Freiheit nur bedingt existiert: Mit einem Portrait wie dem von Héloïse, dass in einer Zeit vor der Photographie notwendig ist, um fernmündliche arrangierte Ehen zu bestätigen, trägt sie zur Aufrechterhaltung der Konventionen bei. Ihr weiblicher Blick auf ihre Subjekte ersetzt sozusagen den männlichen Blick.
 
Über den wird in Bezug auf das Kino seit langem diskutiert, gerade weil es in der Filmgeschichte meist Männer waren, die hinter der Kamera standen und die vor der Kamera stehenden Frauen filmten. Bei Sciamma herrschst nun ein dezidiert weiblicher Blick, die Kamera führte eine Frau, vor der Kamera treten praktisch nur Frauen auf, bis auf eine kurze Sequenz zu Beginn kommen Männer noch nicht einmal zu Wort. Und dennoch ist „Portrait einer jungen Frau in Flammen“ keineswegs ein dogmatischer, ideologischer Film.
 
Zwar zeigt Sciamma Mechanismen der Unterdrückung auf, deutet die Schwierigkeit für eine Frau wie Marianne an, in einer von Männern dominierten Welt wirklich unabhängig zu leben, doch didaktisch wird sie nie. Am Ende erzählt sie in brillanten Bildern, mit zwei hervorragenden Schauspielerinnen von einer unmöglichen Liebe, einer Verbindung, die auch dann noch existiert, als die beiden Frauen zumindest räumlich schon lange getrennt sind.
 
Michael Meyns

Im Frankreich des späten 18. Jahrhunderts soll eine Künstlerin das Porträt einer Frau anfertigen, die sich eigentlich nicht porträtieren lassen will – weil das Bildnis im Grunde nur dafür da ist, ihrem künftigen Mann zu zeigen, was er sich ins Haus holt. Auf einer Insel vor der Bretagne entsteht dieses Bild aber doch, während die Malerin und die Porträtierte ihre Gefühle füreinander entdecken. In Cannes mit mehreren Preisen ausgezeichnet, ist dies ein optisch durchaus ansprechender Film, aber auch einer, bei dem man sich des LGBT-Themas kaum traut, etwas Negatives zu sagen. Dabei ist „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ ein Werk, das wohl nicht jedem zusagen wird.
 
Es ist das Jahr 1770. Die Künstlerin Marianne (Noemie Merlant) wird von Héloïses Mutter auf eine einsame Insel vor der Küste der Bretagne eingeladen. Sie soll ein Porträt der jungen Frau anfertigen, die den Platz ihrer durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen Schwester einnehmen und einen Mann heiraten soll, den sie gar nicht kennt. Um es dem wiederum schmackhaft zu machen, soll ihm ein Porträt der jungen Dame geschickt werden. Aber Héloïse hat nicht vor, für ein Porträt still zu sitzen, weswegen Marianne ihr folgt und versucht, genug von ihr zu sehen, um ihr Wesen in einem Bildnis erfassen und zum Ausdruck bringen zu können. Doch der erste Versuch scheitert – vielleicht auch und gerade, weil die Künstlerin selbst sich nicht einbringt. Doch als sie beginnt, Héloïse mit den Augen einer Liebenden zu sehen, verändert sie auch, was sie auf die Leinwand bringen kann.
 
„Porträt einer jungen Frau in Flammen“ ist ein bewusst langsamer Film. Er bietet wunderschöne Landschaftsaufnahmen rauer Küsten, und er verharrt mehr als einmal auf dem lieblichen Gesicht der zu Porträtierenden. Was Cèline Sciamma hier abliefert, ist eine Übung in Langsamkeit, ein zwei Stunden langer Film, der das Äquivalent zu einer Porträtsitzung darstellt. Um ein Porträt zu fertigen, muss die zu Porträtierende über Stunden hinweg stillsitzen – und das über Tage hinweg. Dieses Gefühl überträgt der Film auf den Zuschauer, weil er auf eine sehr entschleunigte Art und Weise erzählt, aber auch in Langsamkeit erstarrt ist.
 
Wenn man jemals mit dem Gedanken gespielt hat, sich aus dem Leben herauszunehmen, eine spirituelle Ruhepause oder Rückzug von der gewohnten Umgebung zu erleben, dann ist dieser Film das, was dem vermutlich am nächsten kommt. Weil er so still und unscheinbar ist. Die musikalische Untermalung ist subtil. Sie fällt fast nie auf, die emotionale Wirkungsweise von Musik lässt der Film damit aber auch gänzlich außen vor – bis zu der vielleicht schönsten, weil auch tragischsten Szene des Films, die zum Ende kommt und in einer Oper spielt.
 
„Porträt einer jungen Frau in Flammen“ ist extrem langsam erzählt. Die Inszenierung ist weit von dem entfernt, was man als modern bezeichnen würde. Sciamma verzichtet auf Schnitte, wo es geht. Sie positioniert die Kamera und lässt die beiden Hauptdarstellerinnen minutenlang reden. Das mag man als mutige Entscheidung sehen können, es ist jedoch die Geduld strapazierend, weil die Schauspielerinnen zwar glänzen, die Dialoge aber nicht das nötige Gewicht haben, um diese Szenen erhebend werden zu lassen.
 
Der Film erscheint letztlich als Verrat an sich selbst, weil er zwar eine LGBT-Geschichte erzählt, dies aber extrem zurückgenommen macht und jegliche Sinnlichkeit außer Acht lässt. Es ist, als würde etwas fehlen, das nicht nur die beiden Protagonistinnen, sondern auch der Zuschauer immens vermissen: die Wucht sich freibrechender Emotion.
 
Peter Osteried