Power to the Children

Was passiert, wenn Kinder selbst für ihre Rechte kämpfen? Wenn sie sich in Kinder-parlamenten organisieren und die dringlichsten Probleme des Landes eigenständig debattieren? Die nachdrückliche Dokumentation „Power to the children“ geht genau diesen Fragen nach. Der mit anschaulichen, liebenswert-verspielten Animationen garnierte Film zeigt, wie indische Kinder und Jugendliche mit Mut und Kreativität Einfluss auf wichtige politische Prozesse nehmen.

Webseite: www.powertothechildren-film.com

Deutschland 2017
Regie & Drehbuch: Anna Kersting
Darsteller: Shaktivel, Sri Priya, Swarna Lakshmi u.a.
Länge: 85 Minuten
Kinostart: 20. September 2018
Verleih: Anna Kersting Filmverleih

FILMKRITIK:

In Indien gibt es mittlerweile über 50.000 Kinderparlamente, in denen die Jüngsten ihre Interessen durchzusetzen versuchen. Das Konzept der Kinderparlamente wurde von einer südindischen Hilfsorganisation entwickelt. Es wurde anschließend von lokalen Menschenrechtsorganisationen übernommen und in die Dörfer getragen. Dort klärt man die Kinder über ihre Rechte und demokratisches Basiswissen auf. Dann wählen die Kinder ihre eigenen Minister und führen Parlamentstreffen durch. Bei den Treffen geht es unter anderem um die Wasserversorgung, Bildung, Umweltprobleme, Kinderheirat und Kinderarbeit. Filmemacherin Anna Kersting besuchte ein solches Kinderparlament und begleitete die Mitglieder bei ihren Treffen und Reisen.

Anna Kersting führte bei „Power to the children“ nicht nur Regie. Sie schrieb auch das Drehbuch, produzierte den Film und zeichnete für den Verleih verantwortlich. Auf die Idee zu ihrer Dokumentation kam die in Berlin lebende Kersting 2011, als sie in Indien zum Thema Kinderarbeit recherchierte. Sie war fasziniert von der Thematik und besuchte einen dreitägigen Kinderparlaments-Kongress in Südindien.  Danach war die Entscheidung über eine filmische Umsetzung gefallen.

Kersting erzählt ihren Film aus der Perspektive der Kinderminister Swarna Lakshmi (15), Shaktivel (15) und Sri Priya (14) und folgt ihnen bei ihrem Kampf um Recht und Gerechtigkeit. Sie ist bei Parlamentstreffen dabei, bei Kongressen und intensiv geführten Debatten zwischen den Ministern, in der Schule und begleitet die Kinder sogar bis nach New York. Dort setzen sie sich bei den Vereinten Nationen für die Schaffung eines Weltkinderparlaments ein. Beeindruckend ist, wie selbstsicher und eloquent Swarna vor den gestandenen Politikern auftritt und über die Not von indischen Kindern aufklärt. Sie ist die Premierministerin aller Kinderparlamente Indiens und fest entschlossen, die Situation in ihrer Heimat zu verbessern.

Eine Thematik, die Swarna besonders am Herzen liegt und für die sie seit ihrem zehnten Lebensjahr kämpft: Inklusion. Sie selbst ist blind und weiß aus eigener Erfahrung, wie sehr Menschen mit gesundheitlicher Einschränkung um Gleichstellung kämpfen müssen. Swarna und die anderen Minister äußern sich in Diskussionen und Interviews dabei jederzeit sehr nüchtern und sachlich, sie wissen wovon sie sprechen. Und: Sie lassen jederzeit die Nähe der Kamera zu und fassen Vertrauen zu Kersting und ihrem Team.

So ist es möglich, ungezwungen und offen Einblicke in die Arbeit der Kinder zu gewähren. Eine Arbeit, die durchaus von Erfolg gekrönt ist. Auch das dokumentiert Kersting ausführlich. So weist die Innenministerin einen Bürgermeister immer wieder auf seine Pflichten hin, die Müll- und Wasserproblematik in seinem Dorf zu lösen. Mit Erfolg, da sich die Situation dort allmählich bessert. Außerdem führte der Einsatz des Kinderparlaments dazu, dass die Kinderheirat vor Ort abgeschafft wurde.

Für (optische) Abwechslung sorgen einige liebevoll umgesetzte Zeichentrick-Animationen, die ausgewählte Informationen und Inhalte immer wieder gekonnt visualisieren. Und damit auch für jüngere Zuschauer verständlich und anschaulich aufbereiten. Die vermutlich bedeutendste Leistung des Films aber ist, auf eines der größten gesellschaftlichen Probleme in Indien hinzuweisen. Ein Missstand, der medial bislang kaum oder gar nicht aufgegriffen wurden: die hohe Anzahl an alkoholkranken Vätern und die damit einhergehende häusliche Gewalt. In einigen Dörfern konnten die Kinderparlamente bereits dafür sorgen, dass einschlägige Alkoholshops geschlossen werden.

Björn Schneider