Precious – Das Leben ist kostbar

„Precious“ erzählt vom harten Leben eines übergewichtigen schwarzen Teenagers, die im Harlem der späten 80er Jahre eine persönliche Emanzipationsgeschichte erlebt. Lee Daniels Film ist ein bewegendes Drama, etwas dick aufgetragen und doch erstaunlich frei von Kitsch und Sentimentalität. In seiner schonungslosen Darstellung bisweilen schwer zu ertragen, aber enorm kraftvoll und mitreißend.

Webseite: www.das-leben-ist-kostbar.de

USA 2009
Regie: Lee Daniels
Drehbuch: Geoffrey Fletcher, nach dem Roman Push von Sapphire
Darsteller: Gabourey Sidibe, Mo’niique, Paula Patton, Mariah Carey, Sherri Shpherd, Lenny Kravitz
Länge: 109 Min.
Verleih: Prokino
Kinostart: 25. März 2010
 

PRESSESTIMMEN:

Ein düsterer Film, wohl wahr, aber auch eine sensible, hoffnungsvolle und herausragend gespielte Charakter- und Milieustudie.
STERN

FILMKRITIK:

Precious – Kostbar. So wird die Hauptfigur in Lee Daniels Film genannt. Reine Ironie, denn Precious ist zu Beginn des Films für niemanden wertvoll, niemand behandelt sie liebevoll, niemandem bedeutet sie etwas. Als stark übergewichtiges, eher unattraktives Mädchen hat sie es ohnehin schwer, ihre Mutter aber macht ihr das Leben zur Hölle. In einer Sozialwohnung hausen die beiden, die Mutter lebt von Sozialhilfe, sitzt den ganzen Tag vor dem Fernsehen und betrachtet ihre Tochter als ihr Eigentum. Zumal diese lange Jahre vom Vater vergewaltigt und geschwängert wurde, schon ein mongoloides Kind zur Welt gebracht hat und nun mit einem weiteren Kind schwanger ist. Weswegen Precious von ihrer Schule verwiesen wird, in der sie als Legasthenikerin und etwas dumm galt. Erst als sie die Möglichkeit bekommt, auf eine private Schule zu gehen, in der man sich um sie kümmert und fördert, beginnt Precious’ stark gebrochene Emanzipationsgeschichte.

Subtil ist es wahrlich nicht, mit welcher Anhäufung von Schicksalsschlägen Lee Daniels seine Hauptfigur zeichnet. Man kann sich kaum ausmalen, was Precious noch alles zustoßen könnte, und wundert sich umso mehr, dass der Film dennoch funktioniert, dass die Emanzipationsgeschichte von Precious nicht wie ein typisches Hollywoodmärchen wirkt. Zu Beginn des Films flüchtet sich Precious immer wieder in Fantasiewelten, in der sie die Rolle der Prinzessin einnimmt, bewundert von erfolgreichen, schönen Männern, eben den Verheißungen der Traumfabrik folgend. Mit zunehmendem Verlauf werden diese Tagträume – die sich mit alptraumhaften Rückblenden zu Szenen des Missbrauchs abgewechselt hatten – immer seltener, bis sie schließlich ganz verschwinden.

Einmal mehr wird auch hier die Kraft der Bildung betont, werden Wissen und Bücher als Weg aus dem Elend aufgezeigt. Das mag ein Klischee sein, ein wahres zwar, aber doch eine Formel, die schon viele Filme mehr oder weniger erfolgreich benutzt haben. In „Precious“ funktioniert dieses Muster perfekt, was vor allem der außerordentlichen Leistung der Hauptdarstellerin Gabourey Sidibe zu verdanken ist. Wirkt sie zunächst gar nicht wie eine Schauspielerin, sondern mit ihrem massigen Körper, ihrer bisweilen kaum verständlichen Sprache, wie ein perfekt besetzter Typ, zeigt sich mehr und mehr die Subtilität ihrer Darstellung. Mit zunehmendem Selbstvertrauen wagt sie es, sich ihrer Mutter entgegenzustellen, sie herauszufordern und in die Schranken zu weisen. Dass dies nicht wie ein verklärtes Hollywood-Happy-End wirkt, ist bemerkenswert und dem zwar stilisierten, aber doch authentischen Blick zu danken, der den Film prägt. So schafft es Lee Daniels am Ende, eine mitreißende Emanzipationsgeschichte zu erzählen, die in keiner Weise beansprucht, universell zu sein, deren singuläre Figur aber dennoch für eine von vielen Möglichkeiten steht, sich aus dem Elend zu befreien.

Michael Meyns

„Precious“ ist ein 16jähriges Mädchen aus Harlem. Dass sie schön sei, kann man beim besten Willen nicht sagen; sie ist nämlich weit über 300 Pfund schwer. Doch nicht nur das. Seit ihrer Kindheit wurde sie vom eigenen Vater missbraucht, zweimal geschwängert. Von der Mutter, Mary, wird sie deshalb gehasst, weil Precious, so die perverse Argumentation, ihr den Mann weggenommen habe. Das Mädchen kann weder lesen noch schreiben.

Precious lebt unter unvorstellbaren Bedingungen: in einer Wohnung, die man sich verwahrloster nicht vorstellen kann; von der Mutter wird sie zudem ständig gedemütigt.

Sie geht in eine Sonderschule. Dort bekommt sie zum ersten Mal in ihrem Leben etwas Positives mit. Ihre Lehrerin Mrs. Rain baut sie auf. Auch die Welfare-Beamtin Mrs. Weiss will ihr helfen – zum Teil gegen Precious’ Widerstand. Und noch einen Freund gewinnt sie, als sie ihr zweites Kind bekommt: John, den Krankenpfleger.

Precious macht Fortschritte.

Die Mutter rückt eines Tages reumütig an, will ihre Tochter und Enkelkinder zurück und bei sich haben. Doch es ist zu spät. Aus Precious wird eine emanzipierte, mutige, selbstbewusste Frau.

Die literarische Vorlage zu diesem Film liefert die Beschreibung der schrecklichen Zustände in Harlem noch während der 80er Jahre. Der Film übernimmt sie in unerbittlicher, sozial durchaus einsichtiger Weise. Das hinterlässt einen tiefen schmerzlichen Eindruck. Eine Aufhellung bringen nur die Wunsch- und Traumsequenzen. Bei den übrigen Szenen wurde fast dokumentarisch vorgegangen.

Wie Gabourey Sidibe als Precious und Mo’Nique als Mutter Mary ihre Rollen spielen, wird man so schnell nicht vergessen. Precious’ triste Unbeholfenheit und später ihren Sieg darüber sowie Marys abgrundtiefe Bosheit und ihre spätere Reue, das sollte man gesehen haben.

Ein Sozialstück, das lange nachwirkt. Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

Preise für die Regie, den besten Film und die beiden Darstellerinnen gab es schon.

Für Cineasten ein Muss.

Thomas Engel