Prélude

Deutsches Kino mit großer Wucht – selten genug! Hier gelingt der Coup. Mit ihrem Debüt präsentiert Sabrina Sarabi ein packendes, atmosphärisch dichtes Drama, das dramaturgisch wie visuell zu überzeugen vermag – und mit dem ziemlich angesagten Jung-Star Louis Hofmann einen exzellenten Hauptdarsteller der Extraklasse präsentiert. Mit einer makellosen Mischung aus Verletzlichkeit und Coolness gibt der 22-Jährige den Musikstudenten David, der von der großen Pianisten-Karriere träumt. Am Konservatorium macht ihm Konkurrent Walter nicht nur am Flügel das Leben schwer, beim Flirt mit der hübschen Marie stört der Widersacher gleichfalls. Immer mehr leidet der sensible Held unter Selbstzweifeln und Leistungsdruck – und mit ihm das Publikum. Was tun? Das muss man sehen! Überzeugendes Arthaus-Kino der einfallsreichen Art.

Webseite: www.x-verleih.de/prelude

Deutschland 2019
Buch und Regie: Sabrina Sarabi
Darsteller: Louis Hofmann, Liv Lisa Fries, Johannes Nussbaum, Ursina Lardi, Jenny Schily, Saskia Rosendahl
Filmlänge: 95 Minuten
Verleih: X-Verleih
Kinostart: 29.8.2019

FILMKRITIK:

„Da ist der deutsche Wunderknabe!“ spottet der Österreicher Walter (Johannes Nussbaum) als er seinen neuen Kommilitonen David (Louis Hofmann) in der Küche von Gesangsstudentin Marie (Liv Lisa Fries) entdeckt. Mit einem demonstrativen Kuss macht der Macho gleich klar, wer hier das sagen hat. Die attraktive Sängerin indes findet den schüchternen Neuling spontan ziemlich schnuckelig. Und nimmt sich wenig später ganz selbstverständlich, was sie will. Ihrer Zärtlichkeitsoffensive kann der schwer verknallte David natürlich nicht widerstehen, was Walter wiederum wenig witzig findet. Zur Konkurrenz um die Liebe gesellt sich die Rivalität am Klavier. David hat großes Talent, um das begehrte Stipendium in New York zu bekommen, ist gut jedoch nicht gut genug. Verunsichert durch Walter, verliebt in Marie und zudem nervös, patzt der Pianist prompt bei der Prüfung. Ein etwas dubioser Mitstudent schleppt David zum Trost in eine Techno-Disco mit grellem Stroboskop-Licht. Die Ablenkung gelingt nicht lange, bald naht die erste kleine Verzweiflungstat im Herrenklo.
 
Je mehr Erwartungen und Leistungsdruck steigen, desto ohnmächtiger fühlt sich der Student. Mit Marie an seiner Seite, fühlt David sich stark. Doch die selbstbewusste Sängerin spielt gern nach ihren eigenen Regeln, derweil Walter immer wieder den bösen Buben gibt. Ein Streit um gestohlene Notenblätter eskaliert zur heftigen Schlägerei der Rivalen am idyllischen See. Die Lage scheint bedrohlich, was passiert wird hier nicht verraten. Kann auch gar nicht, denn man bleibt im Dunkeln: Ein paar Sekunden überraschendes Schwarzbild steigern die Spannung mühelos. Der kleine dramaturgische Trick kommt wiederholt zum Einsatz – und funktioniert jedes Mal erstaunlich gut.
 
Die deutsch-ungarisch-iranischen Autorin und Regisseurin Sabrina Sarabi setzt bei ihrem Langfilm-Debüt vorzugsweise auf visuelle Möglichkeiten, um ihr Drama zu erzählen. Die Kamera bleibt stets dicht am Helden dran. Kleine Gesten oder Blicke genügen, um plausibel Emotionen zu vermitteln.  
Bisweilen klebt sich David neongrelle Pupillen auf die Lider oder reißt sich im Rausch in der Disco die Klamotten vom Leib. Meist jedoch präsentiert sich Louis Hofmann im minimalistischen Weniger-ist-Mehr-Modus. Dem Berlinale Shooting Star 2017 und angesagten „Dark“-Darsteller gelingt scheinbar mühelos die Mischung aus Verletzlichkeit und Coolness. Schüchtern und introvertiert kommt er daher, zugleich wirkt er wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Mit Liv Lisa Fries („Babylon Berlin“) hat der 22-Jährige das perfekte Gegenstück an seiner Seite: So selbstsicher wie geheimnisvoll gibt sie als Sängerin stets souverän den Ton an. „Bist du echt?“ fragt der verunsicherte Held die coole Freundin gar nach einer übel durchzechten Nacht.
 
Während Klaviermusik im Soundtrack gemeinhin gern zum Geschmacksverstärker verkommt, bleibt die Wirkung in dieser Story naheliegenderweise plausibel, weil hier das Klimpern zum Handwerk gehört. Ein paar angeschlagene Tasten genügen, schon ist das Stimmungsbarometer der Musiker schön gesetzt. Für die richtigen Rhythmus-Effekte des Erzählens sorgen die Klänge gleichermaßen, bis hin zum Tischtennis-Spiel im Takt des Metronoms.
 
Die Dramaturgie wirkt gleichsam wie vom Notenblatt: von Adagio bis Andante, von Allegro bis Forte entwickelt sich die Geschichte mit souveräner Spannung. Dazwischen immer wieder gekonnte Pausen. „Das klingt mir alles zu gleich!“, empört sich der eitle Prüfer in einer Szene einmal. Für den Film gilt das keineswegs – für Louis Hofmann sowieso nicht. Bliebe zu hoffen, dass dessen Max-Ophüls-Beitrag „Lysis“ endlich auch den Weg in die Kinos findet. In diesem Vater-Sohn-Abenteuer in der heimischen Wildnis übernimmt das Schauspieltalent sogar ganz lässig noch nebenbei Hälfte der GoPro-Kameraarbeit!
 
Dieter Oßwald