Public Enemies

Auf den ersten Blick wirkt „Public Enemies“ wie ein typischer Film von Michael Mann: Zwei Gegenspieler, ein Gangster, ein Polizist, hyperstilisierte Action, Machoposen. An die Qualität von „Heat“ oder „The Insider“ kann Mann nur selten anknüpfen, wie schon in „Miami Vice“ scheint er weniger an einer überzeugenden Geschichte interessiert zu sein, als am experimentieren mit den Möglichkeiten des digitalen Kinos. Ästhetisch ist „Public Enemies“ bisweilen revolutionär, inhaltlich dagegen wenig interessant.

Webseite: www.public-enemies-film.de

USA 2009
Regie: Michael Mann
Buch: Ronann Bennett, Ann Bidermann, Michael Mann
Kamera: Dante Spinotti
Schnitt: Jeffrey Ford, Paul Rubell
Musik: Elliot Goldenthal
Darsteller: Johnny Depp, Christian Bale, Marion Cotillard, Stephen Dorff, Billy Crudup, Giovanni Ribisi, Rory Cochrane
140 Minuten, Format: 1:2,35
Verleih: Universal
Kinostart: 6. August 2009
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Die Filme von Michael Mann leben von einer Dialektik von zwei Männern, die ethischen Kodices folgen, die ihr Handeln bestimmen und oft in den Tod führen. Oft sind es ein Krimineller und ein Polizist bzw. ein Zivilist, die sich so gegenüberstehen, die die Professionalität des Gegenübers bewundern, seine berufliche Ethik, seine Konsequenz. Je besser diese Paare von Typen austariert sind, desto besser funktionieren Manns Filme. Nahezu makellos gelang das in „Heat“ und „The Insider“, zwei der besten amerikanischen Filme der 90er, gleichzeitig Basis des Ruhmes, von dem Mann seitdem zehrt und den er zunehmend verspielt. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Mann mit dem folgenden Film „Ali“ – in dem die starke Figur des Schwergewichtsboxers kein funktionierendes Gegengewicht hatte – seine Experimente mit digitalen Kameras begann. In „Ali“ kamen die besonders lichtempfindlichen digitalen Kameras nur in zwei, drei Nachtszenen zum Einsatz, der folgende „Collateral“ war schon in weiten Teilen Digital gedreht und „Miami Vice“ schließlich komplett. Das Ergebnis waren teilweise atemberaubend flirrende Bilder, gestochen scharf, reich an Textur und Klarheit. Nur hatte man den Anschein, dass Mann zunehmend vergaß, um die innovativen Bilder herum interessante Geschichten zu formen. Gerüchteweise verbrachte er während der Dreharbeiten endlose Zeit mit der Perfektionierung der Bilder, ließ die Produktionskosten sprunghaft ansteigen, aber er ignorierte zunehmend das wichtigste Element eines Films: interessante Charaktere, eine involvierende Geschichte.

Diese Diskrepanz steigert sich bei „Public Enemies“ noch. Johnny Depp spielt den Gangster John Dillinger, der im Amerika der Großen Depression zahllose Banken überfiel und zum Staatsfeind Nr.1 wurde. Auf der anderen Seite steht das gerade neu geschaffene FBI, vor allem der Agent Melvin Purvis (Christian Bale), der mit der Jagd auf Dillinger beauftragt wird. Eigentlich eine offensichtliche Michael Mann-Dialektik, die allerdings von Anfang an hakt. Was Purvis antreibt, wie er tickt, was er über die Methoden seines Bosses Edgar Hoover (Billy Crudup) denkt, man erfährt es nicht. Bale bleibt blass und im Hintergrund, der Film gehört viel zu sehr Depp und seinem Dillinger. Der bekommt mit Marion Cotillards Hutmädchen Billie eine Geliebte an die Seite gestellt, die wenig mehr tut als Dillinger mit weit aufgerissenen Augen voller Bewunderung anzustarren. Der Film reiht nun Gefängnisausbrüche und Banküberfälle aneinander und endet zwangsläufig mit dem Tod Dillingers vor einem Kino. Weder als Charakterstudie, noch als Thriller ist das besonders spannend, selbst die ausufernden Setpieces erinnern oft allzu sehr an frühere, bessere Michael Mann-Filme.

Was den Film letztlich interessant und sehenswert macht, ist dann doch die digitale Ästhetik. Besonders im hellen Licht, bei direkter Sonneneinstrahlung drohen die Kontraste zwar immer wieder völlig aus dem Ruder zu laufen, auch bei schnellen Bewegungen zeigen sich die Schwächen, die Digitalkameras (noch) haben. Aber welche Detailreichtum mit ihnen möglich ist zeigen andere Momente. Jede Pore der Haut, jede Unebenheit ist zu erkennen, auch berühmte Stars sehen angesichts dieser unerbittlichen Klarheit der Bilder aus wie normale Menschen. Und das ist wohl Manns Raison d’aître: Ein Realismus der Bilder, wie er im gewöhnlichen Hollywood-Kino unerhört erscheint. Keine Stilisierung, kein Übertünchen etwaiger Mängel. In solchen Momenten wirkt „Public Enemies“ so echt wie man es wohl noch nie gesehen hat, als wäre der ganze Apparat des Kinos, der zwischen Aufnahme und Projektion steht, verschwunden. Ob sich diese Ästhetik durchsetzt wird sich zeigen, zumindest für bestimmte Geschichten eröffnet sie völlig neue Möglichkeiten. Ganz abgesehen von der Möglichkeit, Nachtaufnahmen zu drehen, die von kaum vorstellbarer Brillanz sind, jedes Detail, jeden Schatten zeigen, ohne künstlich beleuchtet zu wirken. Schade nur, dass „Public Enemies“ inhaltlich nicht ähnlich aufregend ist, dass Mann bei all seiner ästhetischen Experimentierlust offenbar die Geschichte seines Films, ganz zu Schweigen von historischer Genauigkeit, die angesichts des dokumentarisch anmutenden Realismus der Bilder angebracht gewesen wäre, deutlich weniger wichtig war.

Michael Meyns

Der Bankräuber John Dillinger war in den USA lange so etwas wie eine Legende. Und wenn sein Mythos mit der Zeit auch verblasste, so ist er heute doch immer noch einen Film wert, wie Michael Mann ihn mit „Public Enemies“ gedreht hat.

1933/34. Dillinger hat eine Haftstrafe abgesessen und macht sich jetzt an seinen „Beruf“, den Bankraub. Er ist kein Gewerkschaftschef oder Mafia-Boss wie etwa Al Capone, sondern einfach – mit seinen Komplizen – ein Bankräuber, aber ein guter.

Es ist die Zeit der wirtschaftlichen Depression, von den Banken verursacht wie heute. Schon deshalb bringen die Menschen eine gewisse Sympathie für Leute wie Dillinger auf, die sich den Banken entgegenstellen.

Der Mann geht radikal vor. Schwere Maschinenpistolen, keine Rücksicht auf Tote, Geiselnahmen, schnellstes Handeln, verschwinden.

Jedes Mal hat die Polizei, auch wenn es zahlreiche Schießereien mit ihr gibt, das Nachsehen. Zum Teil liegt es daran, dass zwischen den Bundesstaaten keine übergeordnete Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen besteht. Dillinger und seine Gesellen haben deshalb leichtes Spiel. Sie fahren nach einem Raub ganz einfach in einen anderen Bundesstaat.

Langsam bildet sich das FBI heraus. J. Edgar Hoover, noch jung, später legendär, tritt auf. Melvin Purvis wird zur Jagd auf Dillinger abgestellt.

Ein Bankraub nach dem anderen. Insgesamt werden nach heutigem Wert in kürzester Zeit 4,8 Millionen Dollar erbeutet.

Billie Frechette ist Johns Freundin. Er liebt sie unverbrüchlich.

John Dillinger wird zwischendrin verhaftet. Doch er hat Komplizen, den nötigen Wagemut, ein wenig Glück, aber auch ein brutales Durchsetzungsvermögen. Er kann fliehen – mit dem Auto des Sheriffs fährt er davon.

Das gilt auch für das mehrfache Zusammentreffen mit Purvis und seinen Beamten. Ausführliche Feuergefechte, im Wald, an entlegenen Orten. Immer wieder entkommt Dillinger.

Aber langsam zieht sich der Kreis dann doch zusammen. Dillingers Helfer sind bereits tot. Er ist jetzt allein. Purvis erhält Verstärkung. Verräter kommen hinzu. Ende in Chicago.

Ein gutes Jahr lang zog Dillinger seine Kreise. In dem Film wird das minutiös rekonstruiert: die Überfälle, die Verfolgungen, die Beratungen der Polizei, die Verstecke, die Stunden mit Billie, der Ausbruch aus dem Gefängnis, die vielen heftigen Feuergefechte, die verschiedenen Orte des Geschehens, der Verrat, das Scheitern.

Aber auch die Waffen, die Autos, die Straßenzüge, die damalige Kleidung, die Frisuren.

Beachtliche Arbeit von fast dokumentarischem Charakter.

Dass Dillinger ein Verbrecher war, dass er raubte, dass er rücksichtslos zu töten bereit war, wird durch den Film ignoriert. Er ist hier eher der Held. Das ist ein Manko. Eine zweifelhafte Anschauung der Dinge.

Für die Rolle der Hauptperson wurde Johnny Depp verpflichtet, für die der Billie die Französin Marion Cotillard („La vie en rose“), für die des Melvin Purvis Christian Bale. Keine Frage, dass die drei den Wert des Films erhöhen.

Thomas Engel