Qissa – Der Geist ist ein einsamer Wanderer

Seit 2007 schon besteht ein deutsch-indisches Filmabkommen. Der erste gemeinsam produzierte Film ließ allerdings bis jetzt auf sich warten. Das aber hat sich gelohnt. „Qissa“ erzählt von der Teilung Indiens und Pakistans und von der Stellung der Frau in der indischen Gesellschaft – allerdings nicht als Sozialdrama, sondern in der Form einer Fabel. In der Hauptrolle spielt Irrfan Khan, bekannt durch „Slumdog Millionaire“ und „Lunchbox“.

Webseite: www.caminofilm.com

Deutschland/Indien/Niederlande/Frankreich 2013
Regie: Anup Singh
Drehbuch: Anup Singh, Madhuja Mukherjee
Darsteller: Irrfan Khan, Tisca Chopra, Tillotama Shome, Rasika Dugal
Länge: 109 Minuten
Verleih: Camino Filmverleih
Kinostart: 10. Juli 2014

FILMKRITIK:

Im Punjab 1947: Das Dorf von Sikh Umber Singh (Irrfan Khan) wird nach der Abspaltung Pakistans von Indien von muslimischen Kämpfern überfallen. Er muss mit seiner Familie die geliebte Heimat verlassen. Vier Jahre später hat er es in Indien zu Wohlstand gebracht und lebt in einem palastartigen Haus. Aber sein Glück ist noch nicht perfekt, denn seine Frau Mehar (Tisca Chopra) hat ihm bisher zwar drei Töchter, aber noch keinen Sohn geschenkt. Auch die vierte Schwangerschaft bringt ein gesundes Mädchen hervor. Aber Umber weigert sich, die Realität anzuerkennen und zieht Kanwar (Tillotama Shome) als Jungen auf. Jahre später ist aus ihr ein vom Vater verwöhnter, in seiner Identität gespaltener „Sohn“ geworden. Als Kanwar die schöne Neeli (Rasika Dugal) heiratet, mündet die jahrelange Verdrängung in einer Katastrophe.
 
Innerhalb Bollywoods ist nicht viel Platz für die Verarbeitung nationaler Traumata wie der Trennung Indiens und Pakistans. Kino dient in Indien noch mehr als in anderen Teilen der Welt dem Eskapismus, der Flucht aus einer oft schwierigen Wirklichkeit. Regisseur Anup Singh lernte das Kino unter dramatischen Umständen auf einem Schiff kennen, das ihn als Flüchtling von Bombay nach Daressalam brachte. Ein Erlebnis, das ihn geprägt hat. Er nutzt die Magie der Filmsprache für sehr persönliche Geschichten, die sein eigenes Schicksal und das seiner Familie als Ausgangspunkt nehmen. Es sind Geschichten, die Indien dringend braucht und die in Europa die Augen öffnen für eine mythische Form des Erzählens. Eine religiös inspirierte Erzählform mithin, die in den säkularisierten europäischen Gesellschaften fast verloren gegangen ist.
 
„Qissa“ wurde zwar zu großen Teilen mit einem deutschen Team gedreht, aber Erzählperspektive, Tempo und die gleichnishafte Struktur sind für Europäer ungewohnt. Anup Singh nutzt eine hohe Bildsprache mit vielen Panorama-Einstellungen und Totalen, gleitenden Kamerafahrten und Farbfiltern, die das Geschehen in die Sepiatöne der Erinnerung tauchen. Die langen Einstellungen und das meditative Erzähltempo betonen ebenfalls den überhöhenden Charakter der Geschichte. „Qissa“ entwickelt sich langsam, aber der Film fesselt mit der Zeit immer stärker.
 
Die Geschichte ist eine Parabel mit Rahmenhandlung, die ihr Geheimnis glücklicherweise bis zum Ende nicht preisgibt und rätselhaft bleibt. Sie spricht deswegen nicht weniger offen die Verheerungen an, die die indische Geschichte und gesellschaftliche Normen an den Seelen der Menschen hinterlässt. „Qissa“ kritisiert weniger die patriarchalisch geprägte Gesellschaft, Anup Singhs Geschichte zeigt vielmehr, wie deren Auswüchse zustande kamen und wie sie von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. Die Geschichte von „Qissa“ will mehr erfahren als verstanden werden – auch das eine Form des Erzählens, die uns Europäern zunächst fremd erscheint, dann aber umso stärker in Bann schlägt.
 
Oliver Kaever