Queen & Slim

Selten war ein Film so weit entfernt von der bundesdeutschen Realität wie „Queen & Slim“, eine Art schwarzer „Bonnie & Clyde“, die Geschichte eines schwarzen Paares auf der Flucht, verfolgt vom weißen System, von alltäglicher Polizeigewalt, von Rassismus und Diskriminierung. Ist das ein rundum gelungener Film? Nein. Doch jeder, der sich für die gesellschaftlichen Zustände Amerikas interessiert sollte Melina Matsokas Film sehen.

Webseite: www.facebook.com/QueenSlim.DE/

USA 2019
Regie: Melina Matsoukas
Buch: Lena Waithe
Darsteller: Daniel Kaluuya, Jodie Turner-Smith, Bokeem Woodbine, Chloë Sevigny, Flea, Sturgill Simpson, Indya Moore, Benito Martinez
Länge: 132 Minuten
Verleih: Universal
Kinostart: 9. Januar 2020

FILMKRITIK:

Ein erstes Date: Angela (Jodie Turner-Smith) und Ernest (Daniel Kaluuya) sitzen im Diner in Ohio. Essen, erzählen und dann will er sie nach Hause fahren. Doch ein kleiner, unbedachter Schlenker mit dem Auto setzt Ereignisse in Kraft, die einem weißen Europäer unglaublich erscheinen, für einen schwarzen Amerikaner jedoch allzu real sind: Ein Polizist hält sie an, nicht ganz zu unrecht, aber doch zu aggressiv, die Situation eskaliert, am Ende liegt der Polizist erschossen auf der Erde. Ob man das Notwehr nennen kann? Mord war es jedenfalls nicht. Und da Angela eine Anwältin ist, die genau weiß, was ihnen, als Schwarzen in Amerika blüht, wenn sie sich der Polizei stellen, gibt es für das unfreiwillige Paar nur eine Möglichkeit: Die Flucht.
 
Zunächst geht es nach New Orleans, wo ein Onkel Angelas sie mit Geld und einem neuen Auto versorgt, dann weiter über die Südstaatenhochburg Savannah, Georgia, mit dem Ziel Florida, von wo das Paar nach Kuba ins Exil fliehen will. Auf dem Weg realisieren sie, das sie längst zu einem Symbol des schwarzen Widerstands gegen allzu alltägliche Polizeigewalt geworden sind, dass ihre Tat als Manifest betrachtet wird, als Aufruf zur Revolution. Viele Menschen helfen ihnen auf dem Weg, Schwarze, aber auch Weiße, doch nicht nur weiße Polizisten jagen sie, auch manche Schwarze haben mehr Interesse an der hohen Belohnung, die auf das Duo ausgesetzt ist, und am Ende steht der unweigerliche Tod.
 
Filme spiegeln immer die Realität, in der sie entstehen, doch selten war dies so wahr wie bei „Queen & Slim“. Man kann dieses von Lena Waithe geschriebene, von Melina Matsokas inszenierte Road Movie nicht verstehen, wenn man nicht weiß, wie dramatisch die Situation der schwarzen Amerikaner ist: Millionen sitzen im Gefängnis, immer wieder werden Schwarze von Polizisten unter oft fragwürdigen Umständen getötet, in der Mitte- und Oberschicht existiert zwar weitestgehend Gleichheit, zumindest auf dem Papier, aber in den darunter liegenden Klassen und Schichten sieht die Situation ganz anders aus.
 
Ein politischer Film ist „Queen & Slim“ also, der seine Intentionen selten verhehlt, der oft unverhohlen zum Widerstand aufzurufen scheint, der dadurch seine Helden aber auch in einem Maße verklärt, der bedenklich erscheint. Je länger ihre Reise dauert, desto deutlicher realisieren Angela und Ernest, wie sie zu Symbolen werden, zu Legenden, zu Menschen, die endlich das getan haben, was schon lange nötig war. Doch hier fängt es an ideologisch, moralisch schwierig zu werden: So richtig die Kritik an alltäglichem (Polizei-)Rassismus auch ist, Gegengewalt als Lösung anzubieten wirkt nicht wie der richtige Weg, sondern vor allem wie ein Akt der Verzweiflung.
 
Steht es so schlecht um Amerika, dass eines der gravierendsten Probleme der Nation tatsächlich nicht friedlich zu lösen ist? Zwar bemüht sich „Queen & Slim“ immer wieder, differenziert zu erscheinen, lässt auch Weiße dem Paar helfen, Schwarze sie kritisieren, doch dies sind nur durchschaubare Versuche, die wahre Intention zu kaschieren, die vielleicht aus reiner Verzweiflung geboren ist. So verfahren wirkt die Situation, dass nur noch Gewalt, dass nur noch ein Wiederaufleben der in den 60er Jahren als Black Power bekannten Bewegung zu helfen scheint. So zumindest ein Film, dessen Moral man als weißer Europäer kaum zustimmen kann, aber wer ist man als weißer Europäer, schwarzen Amerikanern zu sagen, wie sie nach Jahrhunderten der Unterdrückung zu fühlen haben?
 
Moralisch, ideologisch ist „Queen & Slim“ bei aller stilistischen Brillanz, bei aller filmischen Wucht ein nur schwer zu verteidigender Film, aber als Beispiel dafür, welche entflammten Reaktionen das festgefahrene Verhältnis der Rassen in Amerika provoziert, ist es einer der wichtigsten Filme seit Jahren. Jeder, der Amerika verstehen will, sollte diesen Film sehen.
 
Michael Meyns