Radio Heimat

Die oftmals autobiografischen Kurzgeschichten des Bochumer Autors Frank Goosen genießen nicht nur unter Freunden des Ruhrgebiets Kultstatus. Als tragfähige Grundlage für einen Kinofilm galten sie aufgrund ihrer episodenhaften Struktur allerdings nicht. Der Dortmunder Regisseur Matthias Kutschmann wagte es dennoch. Seine unterhaltsame Coming-of-Age-Story bietet Lokalkolorit, ein Ensemble aus Ruhrpott-Originalen, überzeichnete BRD-Nostalgie und die Lust an durchaus derben Punchlines. Die Antwort des Ruhrgebiets auf „Sonnenallee“. Ein sehr charmaner Ausflug in die Jugend!

Webseite: www.radioheimat-film.de

D 2016
Regie & Drehbuch: Matthias Kutschmann
Nach Motiven aus „Radio Heimat“ und „Mein Ich und sein Leben“ von Frank Goosen
Produktion: Christian Becker, Martin Richter, Markus Zimmer
Darsteller: David Hugo Schmitz, Hauke Petersen, Maximilian Mundt, Jan Bülow, Milena Tscharntke, Marie Bloching, Stephan Kampwirth, Sandra Borgmann, Uwe Lyko
Laufzeit: 85 Minuten
Kinostart: 17.11.2016
Verleih: Concorde
 

FILMKRITIK:

Bochum, 1983. Ein Jahr bevor ein gewisser Herbert Grönemeyer „4630 Bochum“ veröffentlichen sollte, schlagen sich die vier Freunde Frank (David Hugo Schmitz), Mücke (Maximilian Mundt), Pommes (Jan Bülow) und Spüli (Hauke Petersen) mit ganz normalen Teenager-Problemen herum. Auslöser der pubertären Gefühls- und Hormonverwicklungen ist auch bei Frank und seinen Kumpels das andere Geschlecht. Vor allem Carola (Milena Tscharntke), das nach einhelliger Meinung schönste Mädchen der Schule, verdreht den Jungs schon lange den Kopf. Doch Franks Bemühungen, Carola auch körperlich endlich einmal näher zu kommen, bleiben bislang allesamt erfolglos. Egal ob im Freibad, im Partykeller, bei einer Nachhilfestunde oder im Tanzkurs, der Funke will trotz größter Anstrengungen nicht so recht überspringen. Allmählich dämmert es Frank, dass Carola vielleicht doch nicht die Richtige sein könnte.
 
Und wie kommt man im Pott am besten über Liebesfrust hinweg? Man begräbt diesen mit Pils, Schnaps und einer Currywurst in seinem Stammlokal. Zumindest erzählt uns „Radio Heimat“ diese vermutlich nicht nur in Bochum verbreitete Version. Das Kinodebüt des Dortmunders (!) Matthias Kutschmann basiert auf den längst zu Kult avancierten Kurzgeschichten des Ruhrpott-Autoren Frank Goosen. Der hatte die zum Teil autobiografischen Episoden zuvor in seinen beiden Büchern „Radio Heimat“ und „Mein Ich und sein Leben“ mit reichlich Wortwitz und Lokalkolorit ausgeschmückt. Auch Kutschmanns Film greift die Perspektive des Ich-Erzählers auf, in dem er Goosens Alter Ego Frank immer wieder direkt in die Kamera sprechen lässt oder  Originalzitate aus den Büchern mittels Voice Over einsetzt. Hierdurch fanden Goosens pointierte Sprache, sein trockener Humor und die zumeist im Ruhrpott-Slang ausgeschmückten Alltagsbeobachtungen ungefiltert Einzug in den Film.
 
„Radio Heimat“ ist zunächst eine klassische, manchmal etwas derbe Coming-of-Age-Geschichte und erst an zweiter Stelle ein sehr charmanter Ruhrpott-Film. Das zeigt sich insbesondere im letzten Drittel, wenn Kutschmann den Schauplatz wechselt und sein hormonell unausgeglichenes Quartett auf Klassenfahrt an die Ostsee schickt. Während die erste knappe Stunde hauptsächlich aus Sketchen, 80er-Jahre- Nostalgie und Pott-Anekdoten besteht, legt das Drehbuch später immer mehr seine episodenhafte Struktur ab. Dabei bleibt „Radio Heimat“ auch ganz ohne Zechenromantik eine unterhaltsame Zeitreise in die „gute alte BRD“. Bereits der Soundtrack, der von Schlager über die Neue Deutsche Welle bis hin zu Funk und Rock’n’Roll drei Jahrzehnte Musikgeschichte abdeckt, funktioniert wie eine Zeitmaschine.
 
Goosen erzählt von einem Arbeiter-Milieu, das heute so nicht mehr gibt und von zwei unterschiedlichen Generationen, die in den 1960ern und 1980ern sozialisiert worden sind. Er verzichtet dabei weder auf die klassischen Ruhrpott-Themen wie Fußball und Frikadellen, noch auf das Spiel mit Stereotypen und Klischees. Jede Figur mit Ausnahme von Frank bewegt sich in „Radio Heimat“ stets an der Grenze zur Karikatur. Und manche wie der von Herbert Knebel-Erfinder Uwe Lyko portraitierte „Laberfürst“ sind direkt als solche angelegt. Selbst für kleinste Nebenrollen konnte Kutschmann Ruhrpott-Originale wie Ralf Richter, Peter Lohmeyer, Elke Heidenreich und Ingo Naujoks gewinnen, denen der Spaß am Overacting deutlich anzumerken ist. Ebenso offensichtlich ist, dass „Radio Heimat“ einer Sammlung an losen Kurzgeschichten entspringt. Egal. Denn ab sofort hat auch die alte BRD endlich ihre eigene „Sonnenallee“.
 
Marcus Wessel