Ralph reicht’s

Was tun Videospielhelden nur, wenn sie einmal nicht im Dienst sind? Und was ist mit all den Schurken und Bösewichtern, deren einzige Aufgabe es ist, stets böse und gemein zu sein? Beiden Fragen geht Disneys Weihnachtsanimationsabenteuer „Ralph reicht’s“ auf eine ungemein verspielte, fantasievolle Art nach. Nach 30 Jahren im Dienst als der „Bad Guy“ sehnt sich Randale-Ralph nach etwas Anerkennung und Abwechslung zwischen all den Bits und Bytes. Sein Ausbruchsversuch aus dem eigenen Videospiel ist der Auftakt zu einem in buntem 3D gezeichneten Animationsspaß für Groß und Klein.

Webseite: www.disney.de/ralph-reichts

OT: Wreck-it Ralph
USA 2012
Regie: Rich Moore
Drehbuch: Jennifer Lee, Phil Johnston
Mit den Stimmen von John C. Reilly, Sarah Silverman, Jack McBrayer, Jane Lynch, Alan Tudyk
Laufzeit: ca. 98 Minuten
Verleih: Walt Disney
Kinostart: 6.12.12

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Eigentlich ist er ein guter Kerl, doch die Dramaturgie des simplen Arcade-Games „Fix-it Felix jr.“ sieht für den kräftigen Ralph (Stimme: John C. Reilly) immer nur die Rolle des Bösewichts vor. Mit seinen riesigen Fäusten muss er alles kurz und klein schlagen, was der vom Spieler gesteuerte, fleißige Handwerker Felix („30 Rock“-Mitglied Jack McBrayer) möglichst schnell wieder reparieren soll. Dafür erhält dieser nicht nur einen Orden sondern auch die Anerkennung der übrigen Videospielbewohner. Ralph lebt hingegen alleine auf einer Art Schrottplatz zwischen alten Ziegelsteinen und Bauschutt, von wo aus er das Glück seines „Arbeitskollegen“ nur aus der Ferne bestaunen kann. Doch damit soll jetzt endlich Schluss sein. Ralph beschließt, seinem Zuhause Lebewohl zu sagen und in einem anderen Spiel sein Glück zu versuchen. Einmal der gefeierte Held sein, das ist sein größer Wunsch. Eher zufällig landet er daraufhin im futuristischen Ego-Shooter „Hero’s Duty“, wo auf den größten Monsterjäger eine goldene Siegermedaille wartet.

Disneys Weihnachtsspaß „Ralph reicht’s“ greift eine einfache und doch geniale Idee auf, denkt sie weiter und entwickelt aus ihr schließlich ein durchaus vielschichtiges, sehr unterhaltsames Animationsabenteuer. Überdies ähnelt der Film von „Simpsons“- und „Futurama“-Regisseur Rich Moore einer Zeitreise zu den Anfängen der Videospielkultur. Dabei spannt die Geschichte einen gewaltigen Bogen von den ersten, noch recht simplen Arcade-Games im pixeligen 8-Bit-Modus, über kunterbunte Konsolenrennspiele bis hin zu den modernen, perfekt designten Actionabenteuern in 3D. In einer Spielhölle buhlen all diese Unterhaltungswelten um die Aufmerksamkeit eines meist jungen Publikums, das sehr zum Missfallen der alten Haudegen wie Ralph lieber die neuen Spiele spielt.

Das Herz des Films schlägt dabei ohne jeden Zweifel für die Veteranen des Genres, für die Underdogs und bösen Jungs, die eigentlich ziemlich nett sind. Man muss nicht unbedingt die 30 bereits überschritten haben, um dieser charmanten Nostalgieoffensive früher oder später zu erliegen. Allein die unzähligen Anspielungen und Verweise auf Klassiker wie „Pac-Man“, „Super Mario“ oder sogar „Pong“ – den Urvater aller Videospiele – liefern unendlich viel Augenfutter. Der bislang nur von Pixar gekannte Detailreichtum der Animationen sorgt zudem in jeder Einstellung für neue Überraschungen. Immer gibt es etwas zu entdecken, wobei in diesem Fall sogar das vermeintlich dreiste Product Placement für so manchen Lacher sorgen dürfte. Wenn Ralph plötzlich im „Nesquick-Sand“ zu ertrinken droht oder eine bekannte Keksmarke martialisch aufmarschiert, dann ist das ganz einfach ziemlich lustig. Selbst die ruckartigen Bewegungen der frühen Videospielfiguren vergisst der Film nicht, in sein Animationsdesign einzubauen.

Die technische Seite ist aber immer nur ein, vermutlich sogar untergeordneter Aspekt. Viel wichtiger erscheint, wie viel Herzblut in der Geschichte und ihren Figuren steckt. Ralph ist der liebenswerteste Bad Guy der Filmgeschichte und seine Wegbegleiter wie die freche, aufgeweckte Nachwuchsrennfahrerin Vanellope (Sarah Silverman) üben vor allem auf jüngere Zuschauer eine starke Identifikations- und Vorbildfunktion aus. Natürlich versucht auch dieser Disney, seinem Publikum gewisse Werte und Ideale an die Hand zu geben. Der Ratschlag, sich so zu akzeptieren, wie man ist und sein Anderssein nicht als Fehler oder Schwäche zu betrachten, behält wohl auf ewig seine Gültigkeit – ganz gleich ob in einer Welt aus Bits und Bytes oder im echten Leben.

Marcus Wessel