Ray & Liz

Der Spielfilm porträtiert mit leisem Humor und in dokumentarischer Detailschärfe das Leben der Zu-kurz-Gekommenen im englischen „Black Country“ der Thatcher-Ära. Der Fotograf und Allround-Künstler Richard Billingham hat aus den Erinnerungen an seine Kindheit mit bescheidenen Mitteln ein kleines Gesamtkunstwerk geschaffen, das mit einer originellen Stil- und Formgebung beeindruckt. Das ist alles andere als Massenware, sondern ein artifizieller Film mit Aha-Effekt, nicht leicht zu konsumieren, nichts für Slum-Voyeure, jedoch für alle, die sich auf etwas Besonderes einlassen wollen: ein visuelles Statement, das im Gedächtnis haften bleibt.

Webseite: rapideyemovies.de/ray-liz/

Großbritannien 2018
Regie und Drehbuch: Richard Billingham
Darsteller: Ella Smith, Justin Salinger, Patrick Romer, Deirdre Kelly, Tony Way, Sam Gittins
Kamera: Daniel Landin
Filmlänge:
Verleih: Rapid Eye Movies
Kinostart: 9. Mai 2019

FILMKRITIK:

Die Hassliebe zu seinen Eltern und die Erinnerungen an eine Kindheit voller Armut und Entbehrungen bestimmen das gesamte Werk des britischen Fotografen Richard Billingham. Sicherlich waren sie mit ausschlaggebend für seine Entscheidung, sich der Kunst zuzuwenden. Mit einem Fotoband über seine Eltern wurde er bekannt und gehört seitdem zu den profiliertesten Fotokünstlern Englands. Aus einem Kurzfilm, den er 2016 über seinen Vater drehte, entwickelte er einen Spielfilm, der sich in drei unterschiedlich lange Episoden aufteilt und von einer Rahmenhandlung zusammengehalten wird, die in die dritte Episode mündet. In der Rahmenhandlung ist Ray alt und lebt allein. Zu Beginn gießt sich Ray mühsam ein großes Glas ein, das er sorgsam bis fast an den Rand füllt. Dann trinkt er, schaut er aus dem Fenster und leitet damit die Rückblende ein, in der er mit derselben Sorgfalt den Tee für Liz eingießt, ebenfalls bis beinahe an den Rand. Ein Ritual, das gleichzeitig rührend und absonderlich anmutet in dieser verwahrlosten Wohnung, wo die Tapeten in Fetzen von den Wänden hängen – eine Kunstblumenhölle mit einer verdreckten Küche. Ray sammelt Fellhaare auf, die zu einem Hund gehören, der in einem angefressenen Pappkarton schläft. Hier leben oder besser gesagt: hausen Ray und Liz mit ihren beiden Kindern. Ray ist mit dem Saufen beschäftigt, während Liz raucht und puzzelt. Ray ist drahtig und wirkt beinahe sportlich, Liz hingegen ist extrem adipös, wenn sie auf dem Sofa liegt, sieht sie aus wie ein Walfisch im Blumenkleid. Die beiden Kinder, Richard und Klein-Jason, sind weitestgehend auf sich allein gestellt.
 
Aus dieser Konstellation entwickelt sich eine Art Geschichte, in deren Mittelpunkt die beiden Kinder stehen. Die erste Geschichte beruht darauf, dass Rays debiler Bruder, Onkel Lawrence, auf die Kinder aufpassen soll, weil Ray und Liz Geld brauchen, das sie vermutlich bei der Familie erbetteln wollen. In der zweiten Geschichte ist die Familie von ihrem Reihenhaus in eine ebenfalls verwahrloste Neubauwohnung umgezogen. Jetzt steht Jason im Mittelpunkt, der inzwischen ungefähr acht Jahre alt ist. Er verlässt unbemerkt das Haus, während die Eltern – am hellichten Tage – wie bewusstlos schlafen, er erlebt ein kleines Abenteuer, das ihn fast das Leben kostet. Nach seiner Rettung trifft er auf eine Familie, wo er zum ersten Mal Liebe und Zuwendung kennenlernt. Später bekommt er Pflegeeltern. Die dritte Geschichte zeigt den alten Ray, der von Liz besucht wird. Am Anfang und am Ende steht jeweils dasselbe Foto von Ray und Liz, auf dem sie als glückliches Paar in die Kamera schauen.
 
Richard Billingham zeigt dieses Leben mit einer gleichzeitig faszinierenden und bestürzenden Präzision bis in die letzte – manchmal furchtbare, manchmal komische – Kleinigkeit. Seine Bilder sind von unangenehmer Wahrhaftigkeit, weil sie so überzeugend und glaubwürdig sind. Die heruntergekommenen Behausungen wirken durch die sichtbaren, aber vollkommen irrwitzigen Versuche, es sich mit Plastikblumen und Porzellanfiguren schön zu machen, beinahe mitleiderregend. In dieser Familie gibt es weder Liebe noch Gemeinsamkeiten. Es gibt aber auch keinen Schuldigen. Richard Billingham benennt weder Verantwortliche noch sucht er nach Antworten oder Lösungsmöglichkeiten. In manchmal sehr langen, beinahe quälenden Einstellungen und in extremen Close ups zeigt er Ray und Liz als weitgehend passive Bestandteile ihres eigenen Lebens. Sie wirken beinahe gefühllos. Manchmal stellt Richard Billingham aus den Bildern Tableaus, die impressionistische Fotos sein könnten, die in ihrer ureigenen Ästhetik sogar schön sind – vielleicht sind sie es auch in den Augen der Kinder, die nichts anderes kennen. Dreckige Decken werden zu sanften Gebirgslandschaften, Liz‘ Zigaretten glühen so lange, bis die Asche von allein abfällt. Diese Menschen sind wie erstarrt in ihrem Leben, sie bewegen sich kaum, sie sprechen nicht, sie haben keine Ziele, keine Aufgaben. Und als der kleine Jay von seinem Schuldirektor gefragt wird, ob er gern woanders leben möchte und er das sehr freundlich bejaht, kommt das ganz beiläufig. Und das macht die Situation dann wirklich herzzerreißend, ebenso kurz darauf Richards Reaktion beim Besuch des Sozialarbeiters zu Hause. Richard fragt, ob er nicht auch zu Pflegeeltern kommen könnte. Die Antwort lautet, er sei schon groß und solle noch ein bisschen durchhalten. Liz‘ Kommentar dazu, dass ihr der jüngste Sohn genommen wird, sind ein paar Tränen und schließlich die Bitte um eine Zigarette an Ray. Man mag die beiden irgendwie, sie sind so eindeutig neben der Spur, so hilflos und gestört, sie können nicht für sich selbst sorgen – wie dann für die Kinder? Und da ist auch ein Hauch von Humor spürbar, vielleicht übrig geblieben aus besseren Zeiten, so wie das Foto. Da muss einmal Liebe gewesen sein, sie lebt noch ein wenig in Ray weiter, der bis zum Schluss an Liz hängt.
 
Die künstlerische Positionierung ist eindeutig: Richard Billingham findet für das Leben dieses Paares verstörende Details, die Daniel Landin in oft schrecklich schöne Bilder setzt. Billinghams politische Position ergibt sich aus seinem künstlerischen Ansatz. Er muss keine konkreten Feindbilder benennen, damit klar wird, gegen wen sich seine unausgesprochene Anklage wendet: Niemand ist für diese Familie da, die sich mit Sozialhilfe irgendwie über Wasser hält. Nur durch Zufall wird die Fürsorgebehörde auf Jay aufmerksam. Mit wenig Handlung wird hier ein ganz klares Bild geschaffen. Man muss keine Vorgeschichte kennen, ein paar Außenaufnahmen genügen zur Orientierung. Diese Menschen sind wie erstarrt in ihrem Leid, das sie als Normalität begreifen. Sie haben immer weniger Kontakt nach außen. Billinghams Charaktere – herausragend dargestellt von Ella Smith als Liz, von Patrick Romer als alter Ray und von Justin Salinger als seine jüngere Ausgabe – existieren in einer eigenen Welt, die weder Gemeinschaft noch Gemeinsamkeit kennt, weder Pflichten noch Verantwortung. Die beiläufige Selbstverständlichkeit des Elends erschüttert dabei am meisten. Das wird am stärksten durch die Kinder deutlich, die ebenfalls herausragend gespielt werden. Diese Welt der Vereinzelung, der Einsamkeit und des Ausgeschlossenseins kennt nur Gewinner und Verlierer. Ray und Liz gehören eindeutig zu den Verlierern, aber das Wissen darum macht sie gefühllos und traurig statt rebellisch. Dennoch sind sie präsent, auch wenn sie sich meist verstecken. Sie sind Menschen, deren Herzen schlagen, sie haben sich vielleicht einmal sehr geliebt, sie sind Eltern und sie bleiben es. Ihr Sohn Richard hat daraus und aus den daraus folgenden Widersprüchen einer disruptiven Familie einen faszinierenden Film geschaffen.
 
Gaby Sikorski