Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit

Nicht erst seit der Corona-Krise steht der Fleischproduzent Clemens Tönnies in der Kritik. Schon 2015 waren die Arbeitsbedingungen diskutiert worden, nachdem eine rumänische Angestellte ihr Baby ausgesetzt hatte. Diesen Vorfall war Ausgangspunkt für Yulia Lokshinas ambitionierten, essayistischen Dokumentarfilm „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“.

Website: jip-film.de/regeln-am-band-bei-hoher-geschwindigkeit

Deutschland 2019 – Dokumentation
Regie: Yulia Lokshina
Länge: 92 Minuten
Verleih: jip Film & Verleih
Kinostart: 22. Oktober 2020

FILMKRITIK:

Ein haarsträubender Vorfall: Am 14. Juni 2015 wurde auf einem Parkplatz in Gütersloh ein Neugeborenes gefunden, eingepackt in die rote Tüte eines Supermarktes. Ausgesetzt hatte das Baby seine Mutter, Michaela C., eine damals 39 jährige Rumänin, die seit anderthalb Jahren beim Fleischproduzenten Tönnies gearbeitet hatte. Unter offenbar katastrophalen Bedingungen, sowohl bei der Arbeit, als auch in dem winzigen Zimmer, wo sie für 200 Euro im Monat eine Matratze mietete, was ihren ohnehin geringen und deutlich unter dem Mindestlohn liegenden Lohn, noch reduzierte. Für einen kurzen Moment ließ dieser Fall die Arbeitsbedingungen bei Tönnies ins Licht der Öffentlichkeit rücken, dann war der Trubel vorbei, ein nächster Skandal war für einen Moment Thema, die Bedingungen bei Tönnies veränderten sich wohl kaum.

Die Münchner Filmstudentin Yulia Lokshina nahm den Fall jedoch zum Anlass für ihren Diplomfilm „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“, der sich der vielschichtigen Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven nähert. Zum einen stehen da Beobachtungen von Betroffenen, von Arbeitern aus meist osteuropäischen Ländern wie Rumänien, Polen oder Litauen, die oft der deutschen Sprache nicht mächtig sind und somit erst recht kaum Möglichkeiten haben, sich gegen die miserablen Arbeits- und Lebensbedingungen zur Wehr zu setzen. Private Initiativen bemühen sich zwar, gegen die Ausbeutung zu kämpfen, doch da Tönnies sich via Subunternehmer aus der Verantwortung zieht, gestaltet sich das schwierig.

Als Gegenpol zur Situation vor Ort, schneidet Lokshina immer wieder zu einer Münchner Schulklasse, die Bertold Brechts Stück „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ probt. Schon in dem 1931 geschriebenen Stück prangerte der deutsche Dramatiker die Ausbeutung der Arbeiter an, Parallelen zur Gegenwart sind unübersehbar, doch die Schulklasse agiert weitestgehend lethargisch. Was im Ansatz eine interessante Idee war, die zu einer spannenden Gegenüberstellung unterschiedlicher Lebenswelten hätte werden können, wird so zu einer Leerstelle.

Die hellsichtigeren Momente des Films geschehen dagegen vor Ort, nicht in den Fabriken selbst, denn dort konnten Lokshina und ihr Team wenig überraschenderweise nicht filmen, sondern im Gespräch mit den osteuropäischen Arbeitern. Wie gleichberechtigte Kollegen werden sie nicht behandelt, weder beim Deutschunterricht, der wohl eher pro forma angeboten wird, schon gar nicht bei der Frage, wo sie denn wohnen sollen.

Grundsätzlich ist ein Arbeitgeber natürlich nicht dafür verantwortlich, wo seine Angestellten wohnen, aber wenn ein Unternehmen wie Tönnies so bewusst auf Niedriglohn setzt, auf Angestellte, die Umstände akzeptieren, die deutsche Angestellte ablehnen würden, sieht die Sache fraglos anders aus. Juristisch ist dieser Ausbeutung offenbar nicht beizukommen, per Auslagerung der Verantwortung an Subunternehmen bleibt Tönnies Weste zumindest oberflächlich rein.
Wie der jüngste Tönnies-Skandal im Zuge der Corona-Krise gezeigt hat, hat sich in den vergangenen Jahren an der Situation nichts geändert. Doch das liegt nicht nur an Tönnies oder dem Staat, sondern an jedem einzelnen, der Billigfleisch kauft. Verzicht ist nie leicht, aber dringend notwendig, wie Yulia Lokshina in ihrer Dokumentation eindringlich zeigt.

Michael Meyns