Remedy

Eine junge Frau beginnt in einem New Yorker SM-Studio zu arbeiten. Sie nennt sich Mistress Remedy. Zunächst arbeitet sie als Domina, später auch auf der submissiven Seite. Obwohl sie merkt, dass dieser Teil ihrer Arbeit ihr zusetzt, macht sie weiter. In improvisierten Szenen schildert REMEDY offen und einfühlsam die skurrilen, aufregenden und auch unangenehmen Begegnungen, die Remedy im Lauf ihrer Arbeit macht und die emotionalen Hochs und Tiefs, die sie dabei durchlebt.

Webseite: www.dejavu-film.de

USA 2013
Buch und Regie: Cheyenne Picardo
Darsteller: Kira Davies, Ashlie Atkinson, Monica Blaze Leavitt, Tim Bohn, Chris “Flambeaux” Reilly
Länge: 119 Minuten
Verleih: déja-vu Filmverleih
Kinostart: 22. Januar 2015

 

FILMKRITIK:

Ein Club in New York. Eine junge Frau, deren Namen man nicht erfahren wird, sieht einer SM Performance zu. „Kennst du jemand, der das macht?“ fragt sie einen Freund. „Das ist nichts für dich“ antwortet der. Das ist der Anfang: eine Herausforderung, ein Spiel. Die Frau nimmt Kontakt zu einem professionellen Studio auf, nennt sich Mistress Remedy, lernt die Kolleginnen kennen, bekommt Abläufe, Geräte und No-Gos erklärt: Die Frauen ziehen sich nicht aus und haben – zumindest offiziell – keinen Sex mit den Kunden. Prostitution ist in den USA verboten.
 
Basierend auf eigenen Erfahrungen als professionelle Switcherin, also als jemand, der sowohl die dominante als auch die submissive Rolle einnimmt, erzählt Cheyenne Picardo von den Begegnungen die Remedy macht und den Gefühlen, die sie dabei empfindet. Einige Szenen sind ziemlich skurril. Gleich der erste Kunde möchte beispielsweise eine Zahnbehandlung mit Narkose von Remedy, die ihn lieber mit einer Fußmassage zum Einschlafen bringt. Ein anderer lässt sich gerne nackt als Möbelstück benutzen während zwei Frauen Kette rauchen und sich über ihr Beziehungsleben unterhalten. Anders als in unzähligen Stern-TV- und RTL-Pseudo-Dokus geht es in REMEDY aber eigentlich gerade nicht darum, besonders krasse Fantasien auszustellen, sondern um das Zwischenmenschliche, um das, was sich unsichtbar zwischen Remedy und ihren Kunden abspielt. Mit einem Klienten gerät sie zum Beispiel in einen Wettbewerb, wer am meisten Schmerz ertragen kann, ein Spiel, das Remedy entspricht und Spaß macht. Ein anderer bringt ihr das professionelle Fesseln bei und verpackt sie, nachdem er ihre lausige Technik bemerkt hat, zunächst einmal selbst zu einem formschönen Paket. Auf dem Heimweg, in einem der ganz wenigen Momente, die außerhalb des Studios spielen, sieht man Remedy in der U-Bahn vor sich hin träumen. Sie beschließt, auch als Sub zu arbeiten, sich von Kunden dominieren zu lassen. Das  bringt auch mehr Geld. Damit, wie intensiv und verstörend diese Erfahrung für sie werden wird, hat sie nicht gerechnet.
 
REMEDY erzählt von den emotionalen Reisen seiner Hauptdarstellerin in einer verführerischen Low-Budget-Indie-Optik, die ein bisschen an Cinema verité und ein bisschen an Wong Kar-Wai erinnert (Picard nennt Leigh, Cronenberg und Lizzie Borden als Vorbilder), auf jeden Fall aber meilenweit entfernt ist von erotischen Hochglanzinszenierungen à la EYES WIDE SHUT. In der Ecke eines der eher schäbigen Spielzimmer stehen Eimer und Besen, ein Thron mit Holzkreuz ist schlecht an der Wand befestigt und droht mehrfach umzukippen. Der emotionalen Intensität der erzählten Szenen tut das keinen Abbruch, was auch an Kira Davies liegt die Remedy glaubwürdig als neugierig, offen und klug aber auch als unerfahren und zur Selbstüberschätzung neigend spielt.
 
Remedys Selbsterfahrungsversuch überfordert sie zum Schluss. Cheyenne Picardo inszeniert das weder als Desaster, noch macht sie die BDSM-Szene für Remedys Zusammenbruch verantwortlich. REMEDY erzählt auch davon, wie wertvoll, unterhaltsam, manchmal auch schmerzhaft aber auf jeden Fall interessant es ist, Erfahrungen mit anderen Menschen zu machen.
 
Hendrike Bake