Remember

Auf sehr dünnem Eis bewegt sich der kanadische Regisseur Atom Egoyan in seinem neuen Film "Remember", der beim Filmfest Hamburg seine Deutschlandpremiere erlebte und das gewagte Unterfangen unternimmt, eine Holocaust-Geschichte mit Motiven des Exploitation-Kinos zu mischen und dabei doch Fragen nach Erinnerung und dem Umgang mit lange zurückliegenden Verbrechen stellt.

Webseite: www.tiberiusfilm.de

Kanada 2015
Regie: Atom Egoyan
Buch: Benjamin August
Darsteller: Christopher Plummer, Bruno Ganz, Jürgen Prochnow, Dean Norris, Heinz Lieven, Martin Landau
Länge: 95 Minuten
Verleih: Tiberius
Kinostart: 31. Dezember 2015
 

FILMKRITIK:

Vor ein paar Tagen ist Ruth gestorben, die geliebte Frau des 90jährigen Zev (Christopher Plummer), da erinnert sein Freund Max (Martin Landau) ihn an ein Versprechen: Nach dem Tod seiner Frau wollte Zev sich aufmachen, den Mörder von seiner und Max Familie zu finden, die beide Auschwitz überlebt haben. Dieser gesuchte Mann lebt unter dem Namen Rudy Kurlander irgendwo in Amerika. Dummerweise tragen vier Personen diesen Namen und so macht sich Zev auf eine lange Odyssey, an deren Ende er für sich und Max Gerechtigkeit erhofft.

Es gibt jedoch ein Problem: Zev leidet an zunehmender Demenz, so dass er nach jedem Aufwachen verwirrt ist und nicht weiß, wo er ist. So hat ihm Max – der im Rollstuhl sitzt und daher die Reise nicht mitmachen kann – einen langen Brief mit auf den Weg gegeben, in dem jeder Schritt minutiös dargelegt ist. Der erste Rudy (Bruno Ganz) erweißt sich zwar als Altnazi, der aber nachweislich nicht in Auschwitz war, ein anderer Kanditat ist schon verstorben. Und so geht die Suche weiter, die Zev schließlich zum richtigen Rudy führt bei dem er jedoch auf ein lange verdrängtes Geheimnis stößt, das ihn wie ein Schlag trifft.

Mit Filmen wie "Das süße Jenseits" oder "Ararat" wurde der armenischstämmige Atom Egoyan berühmt und auch wenn sein jüngster Film "Remember" nie die stilistischen Qualitäten und die inhaltliche Vielschichtigkeit dieser Werke erreicht merkt man doch in jedem Moment, was Egoyan an diesem Stoff interessierte. Inszeniert ist "Remember" über weite Strecken wie ein Thriller, in dem minutiös geschildert wird, wie ein Mann sich auf eine Reise macht, an deren Ende ein Racheakt stehen soll, wie er sich eine Waffe beschafft und einen möglichen Täter nach dem anderen aufsucht. Dass dieser Mann an zunehmendem Gedächtnisschwund leidet, sich gar Hinweise auf die Arme schreibt, lässt nicht nur an den verblüffend ähnlichen "Memento" denken, sondern führt zu den interessantesten Aspekten des Films.

2015, 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, 70 Jahre nach der Befreiung Auschwitz und der anderen Vernichtungslager gibt es nur noch wenige Überlebende, sowohl auf Opfer- als auch auf Täterseite. Sehr alte Menschen sind dies, deren Erinnerung oft nachlässt, die aber meist dennoch von diesen lange zurückliegenden Ereignissen geprägt sind. Wie mit solch einer Erinnerung umgegangen werden kann, wie sich die Erinnerung im Lauf der Jahre verändert, all das sind Themen, die Egoyan im Lauf seiner Karriere immer wieder beschäftigt hat, ebenso wie der Wunsch nach Rache, der oft zu unvorhergesehenen Katastrophen führt.

In früheren Filmen hatte Egoyan diese Themen in offensichtlich anspruchsvollen Filmen behandelt, mit einem ernsten Tonfall und stilistisch ausgefeilten Bildern. Davon ist hier wenig zu spüren, oft wirkt "Remember" wie ein Exploitation-Film aus den 70ern, wie einer jener Filme, in denen skandalträchtige Themen auf besonders plakative Weise inszeniert wurden. Vor allem dank der oft anrührenden Darstellung von Christopher Plummer behält "Remember" jedoch immer genug Bodenhaftung, um als auf den ersten Blick reißerisches, unter der Oberfläche aber doch vielschichtiges Drama zu überzeugen.
 
Michael Meyns