Rememory

Was wäre, wenn wir all unsere Erinnerungen für immer aufbewahren könnten? Und zwar nicht in Form von Social-Media-Nachrichten, sondern als Video, das uns nach Belieben immer wieder zu einem und demselben Zeitpunkt in unserem Leben versetzt? In seinem erst zweiten Spielfilm „Rememory“ spielt Regisseur Mark Palansky dieses Szenario durch – mit tödlichen Konsequenzen!

Webseite: www.kinostar.com/filmverleih/rememory/

CAN/USA 201
Regie: Mark Palansky
Darsteller: Peter Dinklage, Matt Ellis, Jordana Largy, Martin Donovan, Evelyn Brochu, Anton Yelchin
Länge: 111 Minuten
Verleih: Kinostar
Kinostart: 8. November 2018

FILMKRITIK:

Dem berühmten Wissenschaftler Gordon Dunn (Martin Donovan) ist der absolute Durchbruch gelungen: mit einem kleinen Gerät, das dazu in der Lage ist, menschliche Erinnerungen zu speichern und abzuspielen. Doch noch bevor er sein bahnbrechendes Produkt überhaupt an die Öffentlichkeit bringen kann, wird Dunn tot aufgefunden. Die Todesursache gibt Rätsel auf und so macht sich der vom Schicksal gebeutelte Sam Bloom (Peter Dinklage) auf die Suche nach den Gründen für Dunns plötzliches Ableben. Bloom hat selbst großes Interesse daran, das Gerät in seinen Besitz zu bringen, denn seit kürzlich sein Bruder bei einem Autounfall ums Leben kam, kreisen seine Gedanken nur noch um dessen letzte Worte, an die sich Bloom einfach nicht mehr erinnern kann… 
 
Die Frage nach den Vor- und Nachteilen einer solchen Erfindung streift „Rememory“ im Laufe seiner knappen zwei Stunden immer wieder mal, doch angetrieben wird der Plot vor allem durch die Frage, wer den Wissenschaftler und Visionär Gordon Dunn nun eigentlich auf dem Gewissen haben könnte. Da das Skript von Mark Palansky („Penelope“) und Mike Vukadinovich („Marvel’s Runaways“) aber von Anfang an den von „Game of Thrones“-Star Peter Dinklage aufopferungsvoll verkörperten Sam in den Fokus rückt, folgen sie zur Aufklärung des Todesfalls einer Art Schnitzeljagd-Dramaturgie: Im Laufe seiner Untersuchungen lernt Sam nach und nach das persönliche und berufliche Umfeld des Verstorbenen kennen und kann sich mit der Zeit ein Bild von Gordon Dunn machen, auch ohne dass es dafür ausführliche Rückblenden benötigen würde. So kommt der von Martin Donovan („Inherent Vice – Natürliche Mängel“) einprägsam gespielte Wissenschaftler zwar nur ganz zu Beginn im Film vor, doch neben Bloom prägt seine Figur das Geschehen klar am meisten.
 
Das Setting wirkt ein wenig entrückt von der Realität, obwohl es eigentlich nur eine einzige Sache gäbe, die tatsächlich nicht dem technischen Zeitgeist entspricht: Die Rememory-Technologie verlagert den gleichnamigen Film klar in eine nicht näher definierte Zukunft. Gleichzeitig bettet sie Regisseur Palansky so zurückhaltend und in ihrer audiovisuellen Aufmachung auch absolut authentisch in die Szenerie ein, dass man sich die alleinige Existenz des Mikrochips in seiner hier dargebrachten Form durchaus vorstellen könnte. Das lässt zwangsläufig Diskussionen in Bezug auf tatsächliche technische Errungenschaften der heutigen Zeit zu, denn zwischen den (Video-)Aufzeichnungen unserer Gedanken und dem zigfachen Posting von Statusupdates und Homevideos verläuft bisweilen nur ein schmaler Grat. Wenn es dann auch noch darum geht, zu welchem Zweck die Erinnerungen der Rememory-Kunden an die Öffentlichkeit gegeben werden dürfen, macht Palansky endgültig die brandaktuelle Diskussion über Themen wie Datenschutz auf, auch wenn das den Film selbst hier und da ins Stocken bringt. Mit 10 bis 15 Minuten weniger auf der Uhr wäre „Rememory“ noch eine Spur knackiger und dynamischer geraten.
 
So aber balanciert Mark Palansky weitestgehend elegant zwischen den Genres: Sein „Rememory“ ist zu gleichen Teilen Charakterstudie (Peter Dinklage verkörpert den motivierten Hobby-Ermittler und den trauernden Bruder als ambivalente, hochsympathische Figur), WhoDunIt-Thriller und Science-Fiction-Gedankenexperiment in einem, das den Zuschauer vor allem bei der Auflösung des Kriminalfalles lange im Dunkeln tappen lässt. Das ist aber auch ganz gut so, denn je mehr falsche Fährten Palansky in seinem Film streut, desto mehr spannende Figuren tauchen in „Rememory“ auf. Unter anderem auch der auf tragische Weise verstorbene Anton Yelchin in einer seiner letzten Rollen.
 
Antje Wessels