Return of the Atom

Viele Staaten auf der Welt wollen weg von der Atomkraft – nicht so Finnland. Nach der Katastrophe von Tschernobyl ist Finnland der erste Staat in Europa, in dem der Neubau eines Reaktors genehmigt wird. 2004 beginnt das milliardenschwere Mega-Bauprojekt. Die fesselnde Doku „Return of the Atom“ begleitet den Bau des Meilers und das Leben in der betreffenden Gemeinde. Sachlich und ohne Partei zu ergreifen, beleuchtet der Film alle Facetten des Baus – und fordert den Zuschauer zur kritischen Reflexion auf.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Deutschland, Finnland 2015
Regie & Drehbuch: Jussi Eerola, Mika Taanila
Darsteller: Petri Hämäläinen, Juha Jaakkola, Heikki Jaakkola, Ritva Junkkari, Heikki Kares
Länge: 110 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 10. August 2017

FILMKRITIK:

Fast überall in Europa will man von der Kernenergie wegkommen, in Finnland hingegen wird der Ausbau der Atomkraft vorangetrieben. Die Dokumentation „Return of the Atom“ lässt Fürsprecher und Gegner des Megaprojekts in der Gemeinde Eurajoki zu Wort kommen: von der Betreiberfirma über die Bewohner der Gemeinde, von denen viele auf der Baustelle arbeiten, bis hin zu ehemaligen Mitarbeitern des Betreibers. Einige von ihnen haben sich zu entschiedenen Atomkraft-Gegnern entwickelt. Sie warnen vor einer naiven Technikgläubigkeit.

Der finnische Dokumentarfilmer Mika Taanila begann 2005 mit der Arbeit an seinem Film – viele Jahre vor Fukushima und dem Ausstieg Deutschlands aus der Atomkraft. Als er und Jussi Eerola den Film 2015 fertig stellten, befand sich der Reaktor noch immer im Bau. Während die Kosten weiter unaufhaltsam ansteigen. 2018 soll er nun ans Netz gehen.

Zu Beginn des Films veranschaulichen antiquiert wirkende Videoeinspielungen u.a. die Wirkungsweise eines Atomreaktors. Es sind Erklärvideos aus den 50er- oder 60er-Jahren. Das alles wirkt reichlich verspielt, ein bisschen wie in einem Einspieler aus der „Der Sendung mit der Maus“, wenn komplexe Vorgänge aus Wissenschaft und Technik, mit Hilfe von Animationen oder Experimenten kindgerecht erklärt werden. Diese bunten, kindlich anmutenden Videos bilden einen krassen Widerspruch zu den von der Kernenergie ausgehenden Gefahren und muten bizarr an.

Kurz eingeblendete Original-Bilder von der Tschernobyl-Katastrophe folgen auf diese Videos und verstärken den bedrückenden Kontrast, der nachhaltig in Erinnerung ruft, für was Kernenergie auch steht: Strahlung, Radioaktivität, die Möglichkeit nuklearer Unfälle und die Gefahr von Kernschmelzen. Dies alles schließt der im Film zu Wort kommende Mitarbeiter der Betreiberfirma kategorisch aus. Der in Eurajoki gebaute Reaktor sei der sicherste der je gebaut wurde und befinde sich auf dem allerneuesten Stand der Technik und aktuellen Technologien, sagt er.

Der Titel der Dokumentation – „Return of the Atom“ – ist wortwörtlich zu nehmen. Er bezieht sich auf die beunruhigende Rückkehr zur Atomkraft. Zumindest in Finnland. Die beiden Regisseure nehmen aber keine Wertung der Ereignisse vor. Sie wollen den Zuschauer selbst entscheiden lassen, was er vom Bau des enorm leistungsstarken, modernen Atommeilers hält, der ein Fünftel des jährlichen Energiebedarfs im Land abdeckt. Um eine sachliche, möglichst objektive Darstellung der Geschehnisse zu liefern, dürfen sich demnach auch beide Seiten – Gegner und Befürworter des größten Bauprojekts in der Geschichte Finnlands – ausgiebig äußern.

Positiv stehen dem Bau dabei auch die Einwohner der Gemeinde gegenüber. Da ein Großteil der Menschen auf irgendeine Weise an dem Projekt mitwirkt und viele Jobs daran gekoppelt sind, stellen sie sich auf die Seite der Betreiber. „Säge nicht an dem Ast, auf dem du sitzt“, begründet eine Frau ihre positive Einstellung gegenüber dem Bau. Andererseits aber ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Energiebedarf der Menschen weiter kontinuierlich steigt und keine andere Energiequelle so leistungsstark und effizient ist, wie die Atomenergie.

Aber „Return of the Atom“ lässt auch der Gegenseite Raum. Allen voran in Form eines ehemaligen Mitarbeiters der Betreiberfirma, der seit acht Jahren vor den Gefahren der Nuklearenergie warnt. Filmaufnahmen von Fragestunden zwischen Bürgern bzw. Anwohnern und den Betreibern veranschaulichen eindrucksvoll, wie er die „Experten“ mit den richtigen Fragen gehörig ins Schwitzen bringt. Am Ende  muss der Zuschauer für sich selbst bewerten und entscheiden, was er vom Gezeigten hält. Das zwingt ihn, sich eingehender mit der Thematik zu befassen, was der Hauptverdienst des Films ist.

Björn Schneider