Rewind: Die Zweite Chance

Hoch ambitioniertes Genrekino ist „Rewind: Die Zweite Chance“, der erste Spielfilm von Johannes F. Sievert, der zusammen mit Dominik Graf zwei Dokumentationen über das schwierige Verhältnis der Deutschen zum Genrekino gedreht hat. Was daran schwierig ist bestätigt unfreiwilligerweise auch dieser Film: Inhaltlich oft faszinierend und spannend, handwerklich dagegen oft hölzern und träge.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Deutschland 2017
Regie & Buch: Johannes F. Sievert
Darsteller: Alex Brendemühl, Sylvia Hoeks, Maximilian von Pufendorf, Idel Üner, Andreas Nickl
Länge: 106 Minuten
Verleih: RealFiction
Kinostart: 3. Mai 2018

FILMKRITIK:

Ein Schmetterling steht im Mittelpunkt der ersten Szenen von Johannes F. Sieverts „Rewind: Die Zweite Chance“, wodurch der mit der Materie bewanderte Zuschauer sofort an Chaostheorie, den Schmetterlingseffekt oder etwas einfacher: den Zufall denkt. Gerade so, eben aus Zufall, entwickeln sich die Ereignisse der ersten Minuten, die den Kommissar Richard Lenders (Alex Brendemühl) und seine Frau Beatrice (Idel Üner) zeigen, die vor einer lang geplanten Auszeit stehen. Doch der Zufall, ein kleiner Unfall, verursacht durch Kinder, die dem Schmetterling hinterherlaufen, der durch den Windhauch eines Radfahrers aufgewirbelt wurde, greift schicksalhaft in ihr zukünftiges Leben ein.
 
Während Richard zusammen mit seinem Partner Marc (Maximilian von Pufendorf) zu einem Einsatz gerufen wird, bei dem Marc fast umkommt, geht Beatrice in eine Bank – die genau in diesem Moment überfallen wird. Ein Schuss fällt, Beatrice ist tot. Monate später ermittelt Richard in einem anderen Todesfall: Daniel Tiede (Anderas Nickl) heißt das Opfer, der einen Chip implantiert hat, auf dem sich merkwürdige Formeln befinden. Ein Besuch bei der Physikerin Sophia (Sylvia Hoeks) bringt Licht ins Dunkel: Es handelt sich um Formeln der Quantenphysik, hoch komplizierte Zahlenfolgen, die schier phantastisches andeuten: Ist Tiede möglicherweise durch die Zeit gereist? Ist er gar nicht der, für den er sich ausgab? Ist es vielleicht möglich, die Vergangenheit zu ändern, sein Schicksal selbst zu bestimmen? Wäre es dann nicht auch für Richard möglich, Beatrice zu retten?
 
Zu einem der beliebtesten Spielfelder der Physik hat sich die Quantenmechanik entwickelt und hält zunehmend auch Einzug in die Populärkultur. Grob gesagt existieren Quanten in unterschiedlichen Zuständen, die sich erst dann offenbaren, wenn man genau hinschaut. Was in praktischer Hinsicht die Möglichkeit von Computern entstehen lässt, die um ein Vielfaches schneller sind, als konventionelle, in theoretischer Hinsicht aber die spannende Idee einer schier unendlichen Anzahl paralleler Universen, in denen das gleiche passiert wie in unserem, nur mit jeweils minimaler Abweichung.
 
Dass das eine ebenso spannende wie verkopfte Idee ist, liegt auf der Hand. Die Crux für Filmemacher liegt nun also darin, diese Ideen in Geschichten einzubauen, die zwar komplex, aber nicht konfus sind, die bei aller wissenschaftlichen Präzision doch vor allem emotional fesseln. Als ausgewiesener Experte für das Genrekino, der zusammen mit Dominik Graf die beiden Dokumentationen "Verfluchte Liebe deutscher Film" und "Offene Wunde deutscher Film" gedreht hat, kennt Johannes F. Sievert die Vorbilder, von „Der Zufall möglicherweise“ bis „Donnie Darko“, natürlich auch einen der wenigen erfolgreichen deutschen Genrefilme der letzten Jahrzehnte, Tom Tykwers „Lola Rennt.“ Dessen Energie und Emotionalität, dessen filmische Wucht erreicht „Rewind: Die zweite Chance“ jedoch nur selten. Eher behäbig entwickelt sich hier das Geschehen, angesichts der Thematik notwendigerweise sehr redselig und theoretisch, was bald zu einer bemerkenswerten Komplexität führt, aber filmisch allzu lange allzu dröge wirkt. Ein ambitionierter Versuch, Genre-Konventionen mit phantastischen Elementen zu verknüpfen ist „Rewind: Die zweite Chance“ ohne Frage, als überzeugender Genre-Film jedoch nur bedingt gelungen.
 
Michael Meyns