Ricky – normal war gestern

Die Geschichte eines Sommers irgendwo in der ostdeutschen Provinz und eines Jungen, der sich in seiner Familie und im Leben behaupten muss. Eine so realistische wie poetische Geschichte um Freundschaft und Liebe und die Not, wenn man ohne diese auskommen muss.
Auch wenn der Titel in der heute üblichen Sprachverkürzung eine inhaltliche Verflachung vermuten läßt, der Film ist – zum Glück – nicht zwanghaft lustig, er karikiert die Erwachsenenwelt nicht und er ist auch nicht ständig bemüht, eine überbordende Phantasie zu demonstrieren. Stattdessen nimmt er das Erleben von Kindern und Jugendlichen ernst und bezieht daraus seinen Konfliktstoff, aber auch einen subtilen Humor. Ein echter Familienfilm.

Webseite: www.farbfilm-verleih.de

DE 2013
Regie: Kai S. Pieck
Darsteller: Rafael Kaul, Jordan Elliot Dwyer, Merle Juschka, Laszlo I. Kish, Petra Kleinert
Verleih: farbfilm Verleih GmbH
Start: 06. Feburar 2014

PRESSESTIMMEN:

"…so melancholisch, wie das Leben auch für Kinder manchmal ist – und so schön und einfallsreich gefilmt, wie man es manchen Filmen für Erwachsene wünschen würde."
Süddeutsche Zeitung

FILMKRITIK:

Ein Dorf irgendwo in der ostdeutschen Provinz. Der Konsum sieht noch genauso erbärmlich aus wie damals, in den Regalen allerdings steht jetzt das gleiche wie in jedem anderen Supermarkt hierzulande. Die Wege im Dorf sind holprig und der Bus fährt nicht oft. Muss er auch nicht, einmal zur Schule hin und zurück ist ausreichend. Die Landschaft, in die die überschaubare Ansammlung von Häusern eingebettet ist, ist hügelig und sanft, der See ist eher ein Tümpel, der Wald eben ein Wald, aber der Baum am Rande des ockerfarbenen Getreidefeldes ist Rickys geheimer Ort. Das Baumhaus, das er dort mit seinem Bruder Micha bauen wollte, ist nie fertig geworden. Dafür trainiert Ricky jetzt hier Kung Fu – allerdings mit einem Gegner, den nur er sehen kann.

Ansonsten geht es eher realistisch zu in Rickys Leben. Der Vater betreibt eine schlechtlaufende Tischlerei, die noch vom Großvater stammt, und wo die Mutter versucht, die Illusionen ihres Mannes in machbare Geschäftsideen zu verwandeln. Zwischen Rickys älterem Bruder Micha und dem Vater gibt es ständig Streit, weil Micha die Schule geschmissen hat und von einer eigenen KFZ- Werkstatt träumt, anstatt den Familienbetrieb zu übernehmen. Vorerst aber hängt er mit seinen Freunden rum, das allerdings formvollendet. Gemeinsam tuckern sie auf ihren Mofas durchs Dorf, tauschen vorm Konsum die Helme gegen schwarze Hüte, klauen als eingespieltes Team, was sie in die Jackentaschen kriegen, um später am See herumzulungern, die Beute auszutrinken und ihre schlechte Laune an Ricky auszulassen, der so gern dazugehören möchte. Die Musik unterstreicht ironisch den großen Traum von Freiheit und Abenteuer, der im kleinen thüringischen Dorf Herzfeld zwischen Wäldern und Feldern und sehr viel Langeweile einen langsamen aber sicheren Tod stirbt.

Wenn auch manchmal eine Hauswand grell leuchtend die Sonne reflektiert, diese selber sieht man hier nie. Meist ist es düster oder bewölkt, weht ein unheilvoller Wind. Es ist die mit Sehnsucht aufgeladene Atmosphäre des Spätsommers, in der die Brüder Ricky und Micha die Liebe entdecken, die Tischlerei pleite geht, das Mädchen Alex ihre Wut auf den Umzug ins Dorf, ihre Mutter und überhaupt die ganze Welt kultiviert, und wo die Dinge so schwierig sind, wie sie eben sind.

Rafael Kaul als Ricky ist ein wunderbarer Hauptdarsteller. Ganz wach und durchlässig spielt er diesen zehnjährigen Jungen, der zwar viel allein ist und sich eine eigene Welt geschaffen hat, der aber mit seinem offenen Wesen wie ein Katalysator in der Geschichte wirkt. Hier ist eine ganz außergewöhnliche Kinderfigur gelungen, – ein sensibler kleiner Mensch, den man in den Arm nehmen möchte, und der gleichzeitig ein genauer Beobachter ist, der kluge Fragen stellt, sich mutig behauptet und spürt, wenn andere seine Hilfe brauchen. Wie er um die verloren gegangene Freundschaft seines großen Bruders ringt, gehört zu den berührendsten Momenten dieses ambitionierten, aber an keiner Stelle künstlich aufgemotzten Films.

Auch wenn stellenweise ein wenig Sand im Drehbuchgetriebe knirscht, ist die Geschichte insgesamt schlüssig, weil sie konsequent aus dem Erleben der Kinder erzählt wird. Manchmal ist es nur ein langer Blick, an dessen Ende ein Lächeln aufscheint, oder eine Hand auf dem Holzgeländer, dem man ansieht, dass es noch vom Großvater getischlert wurde. Und wenn das Binden eines Schlipsknotens für den gehassten Termin bei der Bank den Vater fast verzweifeln läßt, erzählt das prägnant, wie ein Kinder die Situation emotional begreift. Dazu ist es nicht nötig, die Erwachsenen zu Karikaturen zu stilisieren. Sie sind, genauso wie die Kinder, vielschichtige Charaktere.

Die Kamera läßt dem Zuschauer Zeit, in winzigen Details Fährten zu entdecken, die zum Innenleben der Figuren führen, ohne dabei zu viel zu verraten. So bleibt es letztlich auch ein Geheimnis, woher Ricky den Mut nimmt, sich den „Halbstarken“ entgegenzustellen und schließlich sogar den Vater aus dessen Lethargie zu holen. Es passiert einfach. Ohne pathetische Attitüde.

Am Ende ist der Sommer vorbei. Manch einer ist ein bisschen erwachsener geworden oder gelassener oder zuversichtlicher. Kein Wunder ist geschehen, aber es hat auch keiner das Haus angezündet. Eine Geschichte von den Unwägbarkeiten und Herausforderungen des Lebens, wie sie jede Generation zu bewältgen hat, – ein echter Familienfilm also.

Caren Pfeil