Robert Doisneau – Das Auge von Paris

Jeder, der schon einmal Photos von Paris gesehen hat, kennt die Aufnahmen von Robert Doisneau, der mit seinem besonderen Blick auf seine Heimatstadt, die er Zeit seines langen Lebens kaum einmal verlassen hat, das Bild der französischen Hauptstadt geprägt hat wie kein Zweiter. Seine Nichte Clémentine Deroudille zeichnet Leben, Werk und Wirkung in ihrer Dokumentation nun auf stimmungsvolle Weise nach.

Webseite: www.filmkinotext.de

OT: Robert Doisneau, Le Révolté du Merveilleux – Dokumentation
Frankreich 2016
Regie: Clémentine Deroudille
Länge: 77 Minuten
Verleih: Film Kino Text
Kinostart: 17. August 2017

FILMKRITIK:

Es ist eins dieser ikonischen Bilder, die wohl jeder kennt: Ein Paar, das sich küsst, fotografiert aus der Perspektive eines in einem Café sitzenden Beobachters, der die scheinbar spontane Szene zufällig eingefangen hat. Als „Kuss vor dem Hotel de Ville“ wurde dieses 1950 gemachte Photo von Robert Doisneau bald weltberühmt, zierte als Poster unzählige Wohnungen und festigte den Ruf von Paris als Stadt der Liebe.

Und auch den seines Photographen als Chronist der französischen Metropole, in der Robert Doisneau 1912 geboren wurde und in der er 1994 starb. Verlassen hat er Paris in den dazwischenliegenden Jahrzehnten kaum einmal, photographiert hat er außerhalb seiner Heimat kaum, so dass man bei den Photos von Robert Doisneau ebenso unmittelbar an Paris denkt, wie bei Helmut Newton an nackte Frauen oder bei Mario Tesino an Hochglanzphotos.

Inzwischen gilt Robert Doisneau als Künstler, werden seiner Bilder in großen Ausstellungen in Museen aller Welt gezeigt, teure Kunstbände verlegt, Originalabzüge für viel Geld verkauft. Doch als er in den 20er Jahren begann, zu photographieren, sah er sich selbst keineswegs als Künstler, sondern als Handwerker, vielleicht noch als Chronist einer Welt und ihrer Menschen. Im Lauf der Jahre entstanden zehn-, ja hunderttausende Photos, die inzwischen in einem riesigen Archiv gelagert sind und von unschätzbarem, auch historischen Wert sind.

Als Nichte Doisneau hat Clémentine Deroudille natürlich einen besonders privilegierten Zugang zum Vermächtnis ihres Großvaters, kann in ihrer Dokumentation daher auch Aufnahmen zeigen, die bislang noch nie zu sehen waren, vor allem aber auch Wegbegleiter vor die Kamera bekommen, die von ihrer Bekanntschaft und Freundschaft mit Doisneau berichten. In kurzen Kapiteln lässt Deroudille das Leben ihres Großvaters Revue passieren, von seiner Kindheit, über eine Anstellung als Hausfotograf in einem großen Renault-Werk, über die Zeit des Zweiten Weltkriegs bis in die späteren Jahre, als Doisneau längst eine Berühmtheit war und andere Berühmtheiten sich vor seiner Kamera präsentierten.

Doch nicht diese Bilder sind es, die Doisneau so besonders machen, sondern die fast immer schwarz-weiß gehaltenen Aufnahmen von Paris, dabei dezidiert nicht nur des schönen, bei Millionen Besuchern beliebten Postkarten-Paris, sagen wir im Stil von „Amélie“, sondern vor allem auch dem normalen, gewöhnlichen, auch hässlichen Paris, dass der Wochenendbesucher kaum zu Gesicht bekommt.

Nichts Menschliches war Doisneau fremd, kein Winkel der Stadt blieb ihm verschlossen, zahlreiche Bewohner, auch Freunde und Verwandte, wurden im Lauf von Jahrzehnten zu seinen Modellen, die das Bild von Paris prägten wie nur wenig anderes. Unterlegt mit zahlreichen Photos zeichnet Clémentine Deroudille Leben und Werk ihres Großvaters in ihrer stimmungsvollen Dokumentation nach, die sich allein schon deswegen lohnt, die Photos Robert Doisneau auf der großen Leinwand sehen zu können.
 
Michael Meyns