Rocketman

Ein gutes halbes Jahr nach dem Freddie Mercury-Biopic „Bohemian Rhapsody“ betritt der nächste musikalische Superstar die Bühne des Kinos: Elton John, dessen wildes, in jeder Hinsicht exzessives Leben Dexter Fletcher in „Rocketman“ als grell-buntes Musical inszeniert. Weniger Biographie als Collage von Momenten, Songs und Impressionen, etwas oberflächlich, aber unterhaltsam und manchmal auch mitreißend.

Webseite: www.rocketman-derfilm.de

GB/USA 2019
Regie: Dexter Fletcher Eddie Eagle
Buch: Lee Hall (Billy Elliot)
Darsteller: Taron Egerton, Richard Madden, Bryce Dallas Howard, Stephen Graham, Jamie Bell, Harriet Walter, Gemma Jones
Länge: 121 Minuten
Verleih: Paramount
Kinostart: 30. Mai 2019
 

PRESSESTIMMEN:

 “Die Musikszenen sind mitreißend und sehenswert… Auf dem Cannes-Festival wackelte so manche Sitzreihe, weil die Zuschauer im Takt mitwippten.” ZDF

“…voller Energie und mitreißend inszeniert. Während der Cannes-Premiere gab es spontanen Szenenapplaus…” Süddeutsche Zeitung

FILMKRITIK:

„Du wirst niemals wirklich geliebt werden", bekommt Elton John von seiner Mutter zu hören, als er ihr endlich gesteht, dass er schwul ist. Die Suche nach Liebe ist der rote Faden, der sich durch einen sehr lose biographischen Film zieht, der vor allem eines will: Den Mensch, Musiker und Entertainer Elton John feiern.

In gewisser Weise folgt das Drehbuch von Lee Hall dabei dem geradezu klassischen Muster biographischer Filme über bekannte Musiker wie etwa „Ray“ über Ray Charles oder „Walk the Line“ über Johnny Cash: Nach einer schwierigen Kindheit folgen erste musikalische Gehversuche, die bald zu großem Erfolg führen, der wiederum unweigerlich in Exzesse mit diesen oder jenen Betäubungsmitteln führt. Nach dem Absturz folgt die Läuterung, das Überwinden der Dämonen, die Ausnüchterung und erst dadurch das Finden von Stabilität und Glück.

Dass auch Elton Johns Leben diesem Muster folgte, darf man getrost bezweifeln, allzu viel Mühe, diesen Lebensweg glaubwürdig darzustellen gibt sich Dexter Fletcher dann auch nicht. Eingerahmt von Johns Besuch eines Treffens der Anonymen Alkoholiker wird in loser Rückblendenstruktur das Leben des als Reginald Wright geborenen Engländers erzählt. Der Vater verließ die Familie früh und überließ seinen Sohn der Mutter (Bryce Dallas Howard), die das musikalische Talent ihres Sohns vor allem deswegen förderte, um ihn einen zusätzlichen Nachmittag los zu sein. Nach ersten Gehversuchen als Pianist einer Band traf John mit Anfang 20 (nun gespielt von Taron Egerton) Bernie Taupin (Jamie Bell), der die Texte zu den meisten Hits Johns schreiben sollte. Der Erfolg kommt schnell und mit ihm die Verfügbarkeit von Unmengen an Alkohol und Drogen.

In bunten Bildern handelt Fletcher all dies ab, verlässt sich dabei vor allem auf die Songs von Elton John, die dank ihrer prägnanten Texte fast ein Drehbuch von Elton Johns Leben sind. In dem es – aus dramaturgischer Sicht – bedauerlicherweise keinen Live Aid-Moment gegeben hat, den „Bohemian Rhapsody“ auf so brillante Weise (wenn auch in Leugnung der Realität) zum kathartischen Moment in Freddie Mercurys Leben stilisierte. Das Dexter Fletcher nach der Entlassung des ursprünglichen Regisseur dabei Regie führte, merkt man „Rocketman“ oft an: Ähnliche Montagen beschreiben den Aufstieg, ähnliche Kreisfahrten umschwirren den ähnlich exaltierten Sänger auf der Bühne, allein die schwulen Sexszenen sind hier ein ganz kleines bisschen expliziter.

Doch auch „Rocketman“ wagt es nicht wirklich, sein Sujet als komplexen, auch ambivalenten Charakter ernst zu nehmen, der lange mit sich und seiner Sexualität rang, bis er sich selbst akzeptierte. Wenige Momente der Selbstzweifel gönnt der Film seinem engagierten Hauptdarsteller Taron Egerton, der sogar selbst singt und tanzt, angesichts der sketchartigen Erzählweise jedoch keinen wirklichen Zugriff auf seine Figur bekommt. So lebt „Rocketman“ vor allem von der Musik Elton Johns, Songs von „I Want Love“ bis „Your Song“, „Don’t Go Breaking My Heart“ bis zum finalen „I’m Still Standing.“ Mehr als ein oberflächlicher Blick auf einen der erfolgreichsten Musiker aller Zeiten ist das zwar nicht, bunt und unterhaltsam ist „Rocketman“ aber dennoch.

Michael Meyns