Rojo – Wenn alle Schweigen ist keiner unschuldig

Benjamin Naishtat befasst sich in seiner Mischung aus Film-Noir, Thriller und beißender Satire mit den von Gewalt und wirtschaftlichem Niedergang geprägten Jahren seiner argentinischen Heimat. Die Kunst dabei: Der Regisseur verzichtet auf allzu offenkundige politische Botschaften und einfach zu entschlüsselnde Kommentare zur aufkeimenden Diktatur. Stattdessen setzt er auf Zweideutigkeiten und Andeutungen. Sein kühl und clever inszenierter, von einer hypnotischen Atmosphäre geprägter sehenswerter Film handelt von einem Mann, der aufgrund einer falschen Entscheidung in einen Strudel aus Lügen und Kriminalität gerät.

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Argentinien, Frankreich, Brasilien,
Niederlande, Deutschland 2018
Regie: Benjamín Naishtat
Drehbuch: Benjamín Naishtat
Darsteller: Dario Grandinetti, Andrea Frigerio,
Alfredo Castro, Susana Pampin
Länge: 109 Minuten
Kinostart: 15. Oktober 2020
Verleih: Cine Global

FILMKRITIK:

Argentinien, 1975. Der erfolgreiche Anwalt Dr. Claudio Mora (Dario Grandinetti) lebt ein sorgenfreies und angesehenes Leben mit seiner Familie in der Provinz. Von den politischen Unruhen, die das Land immer heftiger erfassen, spürt er nicht viel. Doch dies ändert sich, als er nach einem Restaurantbesuch mit seiner Frau unerwartet von einem Fremden attackiert wird. Als sich der Angreifer wenig später mit der eigenen Waffe selbst in den Kopf schießt und verletzt vor Mora liegt, trifft dieser eine schwerwiegende Entscheidung: Er lässt den Attentäter in der nahegelegenen Wüste zum Sterben zurück. Mit der Zeit wird Mora von seiner Schuld und den moralischen Bedenken aufgefressen. Und auch die vorgeblich friedvolle Welt in der Provinz mit all ihren (nur scheinbar) unauffälligen Bewohnern erweist sich als gefährlicher Sumpf aus Intrigen, Betrügereien und Lügen.

Argentinien liegt Mitte der 70er-Jahre wirtschaftlich am Boden, die Inflation befindet sich auf dem Höhepunkt und Präsidentin Isabel Perón ist unfähig, den Staat zu führen und politisch zu einen. Es ist der Vorband der Katastrophe: Denn ab 1976 wird eine ultrarechte, autoritäre Militärdiktatur Argentinien für sieben Jahre mit systematischem Staatsterror und brutaler Gewalt überziehen. In diese Zeit der Unsicherheit und Destabilisation, eine Phase der tiefen gesellschaftlichen Spaltung, entführt der Argentinier Benjamin Naishtat in seinem vierten abendfüllenden Film. Von Beginn an vernimmt man ein Gefühl der Anspannung und subtilen Bedrohung, das sich in den Gesichtern der Figuren, allen voran in jenem von Hauptfigur Mora, widerspiegelt.

Naishtat beweist sein Talent für das Herausarbeiten von Widersprüchlichkeiten und einer verstörenden Ambivalenz, wenn er Mora und seine Familie einerseits in sorgenfreien, privaten (und fragilen) Momenten des Glücks zeigt. Nur um Mora kurz darauf bei seinen zum Scheitern verurteilten Bemühungen zu beobachten, das Geschehene zu vergessen. Mora versucht, die Verantwortung von sich zu weisen und verdrängen, notfalls mit Gewalt. All diese Szenen sind von einem beachtlichen atmosphärischen Feinsinn geprägt. Die Message hinter all dem, und darauf verweist bereits der Untertitel des Films: Selbst wer schweigt und wegsieht, macht sich auf eine gewisse Art schuldig.

Nicht alles erschließt sich in diesem wendungsreichen, fast modular aufgebautem Mix aus Krimimalfilm, Thriller und Noir sofort. Man muss dem Treiben auf der Leinwand aufmerksam folgen, auf Blicke, Zwischentöne und Gesten achten. Nicht zuletzt was den Umgang Moras mit einem mysteriösen TV-Detektiv betrifft, der ihm in der Provinzstadt einen Besuch abstattet und unangenehme Fragen stellt. All die Skepsis und das Misstrauen der Menschen zu jener Zeit, gerade hinsichtlich des Umgangs miteinander, spiegeln sich letztlich im Zusammenspiel dieser beiden Männer, die von Dario Grandinetti und Alfredo Castro präzise und hingebungsvoll verkörpert werden.

Die insgesamt düstere, schwere Stimmung bricht Naishtat darüber hinaus mit stellenweise pechschwarzen Dialogfetzen („Es ist ein Segen, in diesem Argentinien geboren zu sein“) sowie beißender, meist beiläufig eingestreuter Ironie. Führt man sich vor Augen, was dem Land und seiner Bevölkerung nur ein Jahr später bevorsteht, wirken diese Sätze noch beklemmender, noch zynischer.

Björn Schneider