Rosemari

Mit ihrem Drama „Rosemari“ eröffnete die norwegische Regisseurin und Drehbuchautorin Sara Johnsen („Unschuld“) 2016 die Nordischen Filmtage in Lübeck. Ihr Roadmovie lebt vom Beziehungsgeflecht der Figuren, die Johnsens Drehbuch nuancenreich zeichnet. Die fesselnden schauspielerischen Darbietungen intensivieren den lebensnah inszenierten Film, wobei die furios aufspielende Newcomerin Ruby Dagnall als Herzstück des aus weiblicher Perspektive erzählten Selbstfindungsdramas in Erinnerung in bleibt.

Webseite: www.rosemari-film.de

Norwegen, Dänemark, Deutschland 2016
Regie & Drehbuch: Sara Johnsen
Darsteller: Ruby Dagnall, Tuva Novotny, Kristian Fjord, Laila Goody, Helga Guren, Tommy Kenter
Laufzeit: 95 Min.
Verleih: Farbfilm Verleih
Kinostart: 20. April 2017

FILMKRITIK:

Unn Tove (Tuva Novotny) weiß schon am Tag ihrer Hochzeit, dass sie den falschen Mann heiratet. Eigentlich liebt sie nämlich Klaus (Tommy Kenter), doch die Affäre mit diesem führt zu nichts. Auf der Hochzeitsfeier rücken die Sorgen der Fernsehjournalistin in den Hintergrund, als sie auf der Restaurant-Toilette ein zurück gelassenes Neugeborenes findet und den Behörden übergibt. Sechzehn Jahre später ist Unn Tove kinderlos geschieden und das Baby von damals bei Pflegeeltern zur Teenagerin Rosemari (Ruby Dagnall) herangewachsen. Mithilfe von Krankenhausakten macht Rosemari Unn Tove ausfindig, die sie irrtümlich für ihre leibliche Mutter hält. Trotz der Einwände ihrer besten Freundin und Kollegin Hilde (Laila Goody) begleitet Unn Tove die Suche nach Rosemaris Mutter mit der Kamera. Unterwegs decken die Frauen eine tragische Lebensgeschichte auf und stellen sich ihren eigenen, konfusen Gefühlswelten.
 
Der Fixstern von „Rosemari“ ist die Newcomerin Ruby Dagnall. Die Verletzungen der Titelfigur, die ihre eigene Herkunft und Identität klären will, macht Dagnall in vielen nonverbalen Gesten und stechenden Blicken deutlich. Wenn sie auftritt, gehört ihr die Bühne, doch vor allem das nuancierte Zusammenspiel mit Tuva Novotny (bekannt aus „Eat Pray Love“ und „Jalla! Jalla!“) macht das Drama im Wesentlichen aus. Unn lotet im Verlauf ihre mütterlichen Gefühle für Rosemari aus und reibt sich an der Frage nach dem, was hätte sein können. Bis heute knistert es zum Beispiel gewaltig, wenn sie ihre große Liebe Klaus sieht. Doch zu einer Beziehung kam es nie, denn Unn findet Klaus zu unstet. Begehren und Bedauern gehen Hand in Hand.
 
Während Rosemari und Unn per Flieger und Auto durch Norwegen reisen, macht die elliptische Erzählweise von Sara Johnsen viele Deutungsspielräume auf. Der Arbeitstitel des Films lautete „Framing Mom“ und entsprechend stellt Rosemari ihre Mutter auf ein Podest, auch wenn diese sehr fragwürdige Entscheidungen getroffen hat. Mit ironischen Wortwechseln und einer stilvoll geführten Handkamera, die den Figuren ganz nah kommt, avanciert der Schauspielerfilm zur gefühlvollen Tragikomödie mit zwei spannenden Frauenfiguren.
 
Christian Horn