Rubinrot

Es muss nicht immer „Harry Potter“ sein. Auch Fantasy made in Germany vermag zu verzaubern. Die Bestseller-Verfilmung nach Vorlage von Kerstin Gier erzählt die Geschichte der sechzehnjährigen Heldin Gwendolyn, die plötzlich entdeckt, dass sie durch die Zeit reisen kann. Damit nicht genug, soll sie gemeinsam mit dem Schnösel Gideon auch noch ein uraltes Familiengeheimnis lösen. Zwischen den Teenagern fliegen die Fetzen – aber natürlich funkt es alsbald auch gehörig zwischen den beiden. Starke Story, ein hübsches Figurenkabinett aus garstigen Fieslingen und smarten Sympathieträgern sowie eine unangestrengt flotte Dramaturgie sorgen für einen vergnüglichen Jugendfilm in der clever gestrickten Fantasy-Klasse.

Webseite: www.rubinrot-der-film.de

Deutschland
Regie: Felix Fuchssteiner
Darsteller: Maria Ehrich, Jannis Niewöhner , Laura Berlin, Jennifer Lotsi, Josefine Preuß, Florian Bartholomäi, Kostja Ullmann, Veronica Ferres, Uwe Kockisch, Katharina Thalbach, Gottfried John, Gerlinde Locker, Rüdiger Vogler
Filmlänge: 122 Minuten
Verleih: Concorde
Kinostart: 14.3.2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Die sechzehnjährige Gwendolyn Shepard ist eigentlich ein ganz normaler Teenager. Etwas ungewöhnlicher verhält es sich mit ihrer Familie. Dort nämlich soll es ein Gen für Zeitreisen geben und Cousine Charlotte wird schon seit Kindertagen darauf vorbereitet, an ihrem 16ten Geburtstag das hehre Erbe der Übersinnlichkeit anzutreten und gemeinsam mit ihrem hochnäsigen Freund Gideon ein uraltes Familiengeheimnis aufzuklären. Doch das Schicksal macht einen Strich durch die Rechnung: Nicht Charlotte, sondern Gwen ist die Auserwählte – der gute alte Isaac Newton hatte sich einst wohl etwas verrechnet mit seinen Prognosen. Die junge Heldin nimmt die neue Gabe eher widerwillig an. Dass sie bei ihrer Mission von dem überheblichen Gideon begleitet wird, bessert die Stimmung kaum auf und sorgt zudem für reichlich Eifersucht bei der entthronten Cousine. Immerhin findet Gwen in Tante Maddy (superb schrullig: Katharina Thalbach) eine Verbündete und auch der längst verstorbene Opa (Axel Milberg) zeigt sich bei einem Kurztrip der Heldin in die Vergangenheit verständnisvoll: „Ist das deine erste Zeitreise? Aber es ist ja erst 1994“ beruhigt er die Enkelin.

Der märchenhafte Stoff bietet alles, was ein Jugendfilm braucht. Die Ich-Erzählerin sorgt gleich zum Auftakt für das notwendige Identifikationspotential mit dem Geständnis, dass alle sie für einen Trottel halten. Mit der zickigen Cousine bekommt sie eine passende Gegenspielerin und mit dem hochnäsigen Gideon ein hübsches Objekt der Begierde, das freilich erst noch geknackt werden musst, bis es zum Happy End mit Küsschen kommt. Last not least müssen allerlei Abenteuer mit unterschiedlichen Zeitreisen bestanden werden, um das mysteriöse Geheimnis der Familie zu lüften. Die Heldin wider Willen ist zunächst nicht begeistert von ihrer Mission, „Kann man denn gar nichts dagegen tun?“ fragt sie entsetzt, als sie erfährt, dass sie die letzte verbliebene Zeitreisende ist. Und auch ein drohender Benimmkurs steigert kaum die Stimmung. Mit Mut, Cleverness sowie der Hilfe von Freunden, Familie und einem Smartphone (!) besteht Gwen alle Gefahren mit Bravour.

Genregemäß hat das Spektakel für Augen und Ohren einiges zu bieten. Der wabernde Soundtrack von Philipp Kölmel sorgt gleich zum Auftakt für die passende Atmosphäre, der eingängige Song „Faster“ von Newcomerin Sofi De La Torre bringt später beim großen Tanzfinale für die popige Stimmung. Die üppige Ausstattung bietet den richtigen Rahmen für Fantasie und auch die Londoner Schauplätze faszinieren: Ein Dreh auf der geschäftigen Millennium Bridge ist allemal eine imponierende Leistung für eine deutsche Produktion – und eine hübsche Reverenz an „Harry Potter“.

Schauspielerisch überzeugen die beiden Hauptdarsteller Maria Ehrich und Jannis Niewöhner mit charismatischem Charme und bieten reichlich Projektsflächen für ein junges (weibliches) Zielpublikum. Als darstellerisches Sahnehäubchen kommen prominente Gastauftritte hinzu, die von Katharina Thalbach und Veronica Ferres bis Gottfried John und Axel Milberg reichen.

Dass Fantasy für Jugendliche auch aus heimischen Landen bestens funktioniert hat Cornelia Funkes „Tintenherz“ in Buch und Film eindrucksvoll bewiesen. Ihre Bestseller-Kollegin Kerstin Gier konnte mit „Rubinrot“ ähnliche Erfolge feiern: 54 Wochen lang stand das Werk auf der „Spiegel“-Bestsellerliste, wurde in 26 Sprachen übersetzt und rund 1 Million Exemplare des Romans gingen hierzulande über den Ladentisch. Das Kinopotenzial des Stoffes witterte schon frühzeitig der findige Produzent Philipp Budweg, der im Vorjahr für seine „Wintertochter“ mit einer Lola ausgezeichnet wurde. Dieser Fantasy-Streich könnte ihm durchaus einen zweiten Filmpreis bescheren. Mit einer filmischen Fortsetzung der Roman-Trilogie dürfte bei dem zu erwartenden Erfolg zu rechnen sein. Die Basis für „Smaragdgrün“ wird nach dem Abspann jedenfalls gelegt…

Dieter Oßwald

Die Shepherds sind eine Londoner Familie, allerdings keine gewöhnliche. Denn in ihrem Blut vererbt sich ein Gen, das jeweils ein männliches oder weibliches Familienmitglied immer wieder in Zeitreisen versetzt. Derzeit meint man, Charlotte sei betroffen. Sie ist ein schönes aber hochmütiges Mädchen, das seine Schwester Gwendolyn zu sehr von oben herab behandelt.

Dann jedoch stellt sich heraus, dass es Gwendolyn ist, die in unerwarteten Augenblicken auf Zeitreise geschickt wird: in das London des beginnenden 20. Jahrhunderts beispielsweise oder in die Rokoko-Zeit.

Gwendolyn wird in eine Art Freimaurer-Loge zitiert. Dort sitzen die Herren, die, in zeremoniell feierlicher Weise, wahrscheinlich um das Gen- und Zeitreisegeheimnis, sein Versteck und seine Beurkundung wissen und es auch zu verwalten scheinen. Gwendolyn erlebt in den Zeiten ihrer Abwesenheit von der realen Welt viel: Überraschendes, Gefährliches, Schönes.

Bei der von ihr definitiv gewollten Erkundung des Mysteriums ist sie an den jungen Gideon gebunden, der ihr zunächst alles andere als zuvorkommend begegnet. Aber dann führen die gemeinsam bestandenen Abenteuer doch zur Liebe.

Grundlage ist der erfolgreiche Jugend- und Familienroman „Liebe geht durch alle Zeiten“ von Kerstin Gier – und zwar hier der erste Teil einer Trilogie. Man muss höllisch aufpassen, um allem rasch folgen zu können (es wird leider auch viel genuschelt statt artikuliert), aber filmisch und kinomäßig ist eine Menge zu genießen:

. . . der allgemeine Aufwand, die schönen Schauplätze, die prächtige Ausstattung, die den geschilderten Epochen angepassten Kostüme und anderen Ausschmückungen, die Landschaften, die vielschichtige Handlung, die Stunts und anderes mehr.

Das Schauspielerteam umfasst illustre und gern vernommene Namen: Veronika Ferres, Katharina Thalbach, Gottfried John, Axel Milberg, Gerlinde Locker, Sibylle Canonica, Rüdiger Vogler oder Kostja Ullmann.

Dann die beiden führenden Protagonisten: Maria Ehrich ist nicht nur eine hübsche, sondern auch eine sehr gut spielende Gwendolyn. Und das gilt letztlich auch für die Rolle des Gideon, die von Jannis Niewöhner verkörpert wird.

Trotz einiger (vor allem verbaler) Schwächen immerhin ein farbenfreudiges, lebendiges Stück Kino.

Thomas Engel