Rudolf Thome – Überall Blumen

Eine Art Dokumentation über einen Film, der nie gedreht wurde, ist Serpil Turhans "Rudolf Thome – Überall Blumen", in dem der Regisseur und Autor auf seinem Hof in Brandenburg beim Versuch beobachtet wird, noch einmal einen Film zu drehen. Das scheitert zwar, doch die Einblicke, die Turhan durch ihre langjährige Freundschaft zu Thome gewinnt, machen ihren Film zu einem ganz besonderen, sehr persönlichen Porträt.

Webseite: www.fsk-kino.peripherfilm.de

Deutschland 2016 – Dokumentation
Regie: Serpil Turhan
Buch: Serpil Turhan, Eva Hartmann
Länge: 84 Minuten
Verleih: peripher
Kinostart: 15. September 2016

FILMKRITIK:

"Rote Sonne" heißt Rudolf Thomes berühmtester Film, 1970 entstanden, mit Marquard Bohm und Uschi Obermeier in den Hauptrollen, einer der essentiellen Filme des Neuen Deutschen Kinos. Es war Thomes zweiter Film, dem in schöner Regelmäßigkeit weitere folgten, kaum einmal drei Jahre vergingen ohne einen neuen Thome, die von einem kleinen Kreis Liebhaber geschätzt wurden. 2011 entstand sein bis dato letzter Film "Ins Blaue" – und schon damals hatte Serpil Turhan mit dem Gedanken gespielt, einen Film über Thome zu drehen, für den sie einige Male vor der Kamera gestanden und anschließend als Kameraassistentin gearbeitet hatte.

Als sie Ende 2013 erfährt, dass Thome sich im nächsten Jahr noch einmal an ein neues Drehbuch setzen würde, nimmt ihr Film seinen Lauf, der sich nun als Vermächtnis erweist und dabei doch ganz und gar nicht traurig ist. Immer wieder besucht Turhan Thome im Laufe des Jahres auf seinem Hof in Brandenburg, der inzwischen vom Wochenenddomizil zum Lebensmittelpunkt geworden ist. Hier verbringt Thome seine Zeit, auch mit Schreiben – noch ganz altmodisch per Hand in ein Heft – nicht zuletzt aber mit Gartenarbeiten, dem Beobachten der Landschaft und dem Führen seines Blogs.
Seit Jahren läßt Thome eine kleine, treue Leserschaft an seinem Leben und Wirken teilhaben, stellt Fotos, kleine Filme und Beobachtungen online, verfolgt die Klickzahlen, die verraten, dass das Interesse an einem der Väter des Neuen Deutschen Kinos nur noch gering ist. Die Zeiten ändern sich, die Filmindustrie ebenso, das Vergangene ist Vergangen und lagert im Fall von Thome in der Scheune: Kostüme und Gegenstände aus zahllosen Filmen sind dort aufbewahrt und verstauben zusehends, vor allem aber Dutzende langsam vor sich hin rostende Filmrollen, die eigentlich in einem Filmarchiv aufbewahrt werden müssten.

Im Laufe des Jahres schreibt Thome an einem neuen Film, doch früh wird deutlich, dass aus diesem letzten Versuch, noch einmal Regie zu führen, nichts werden wird. Doch betrübt oder gar verzweifelt ist Thome darüber nicht, so sehr er das Filmemachen geliebt hat, so wichtig sind ihm inzwischen andere Dinge. Wenn er da ein kleines Nest in der Speisekammer entdeckt und es ihm mit versteckter Kamera gelingt, die darin wohnenden Vögel zu filmen, die Fütterung des Nachwuchs einzufangen, dann wirkt das fast ebenso beglückend.

Thomes Selbstreflexion und das Vertrauen, dass er Turhan entgegenbrachte, machen "Rudolf Thome – Überall Blumen" zu so einem besonderen, ungewöhnlichen Porträt. Über Thomes Leben und seine Filme erfährt man Nichts, was man nicht auch mit fünf Minuten googeln herausfinden könnte. Statt dessen fokussiert Turhan ihren Blick auf den meist zutiefst entspannten Thome, der ihr bisweilen zu sehr zu denken scheint: Immer wieder entstehen kleine Kabeleiben vor und hinter der Kamera, wenn Thome seine "Regisseurin" fragt, was er nun machen soll, diese aber nur möchte, dass er ganz normal und natürlich agiert. Es sind solche kleinen Momente, die Turhans Film seinen besonderen Reiz verleihen und ihn zu einem sehr persönlichen Porträt machen, vor allem aber zu einem ruhig beobachteten, sensiblen Film ganz im Geist von Thomes eigenen Filmen.

Michael Meyns