Rückkehr ans Meer

Keiner wechselt die Genres so gekonnt wie der französische Starregisseur François Ozon. In seinem jüngsten Film „Le Refuge“ überzeugt der große Stilist und Frauenregisseur nach Kostümfilm, Thriller, Melodram und seinem gewagten Mix aus Sozialdrama und Fantasy („Ricky“) mit einem zärtlich schwebendem Kammerspiel. Erneut fasziniert den 42jährigen das Wunder um Schwangerschaft und Geburt samt ungewöhnlicher Liebesbeziehungen.

Webseite: www.arsenalfilm.de

OT: LE REFUGE
Frankreich 2009
Regie: François Ozon
Buch: François Ozon, Mathieu Hippeau
Darsteller: Isabelle Carré, Melvil Poupaud, Louis-Ronan Choisy, Pierre Louis-Calixte, Claire Vernet, Jean-Pierre Andréani, Marie Rivière, Jérôme Kircher, Nicolas Moreau, Emile Berling
Länge: 88 Minuten
Verleih: Arsenal
Kinostart: 9. September 2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Paris bei Nacht. Mousse und Louis lieben sich. Gefangen im Rausch der Drogen führen die beiden Kinder reicher Eltern ein ausschweifendes Leben auf der verzweifelten Suche nach dem erlösendem Kick. Der letzte Schuss, gestreckt mit Valium, endet für Louis tödlich. Die junge Frau bleibt verzweifelt zurück. Sie erwartet ein Kind von ihrem verstorbenen Freund. Auf Louis Beerdigung verlangt seine Mutter indigniert eine Abtreibung. Doch Mousse lässt sich nur zum Schein darauf ein. Sie will das Kind behalten.

Hals über Kopf verlässt sie Paris und zieht sich in ein leerstehendes Landhaus an der Côte Atlantique zurück. Dort an der silbernen Atlantikküste erhält sie bald Besuch von Louis’ homosexuellen Bruder Paul (Louis-Ronan Choisy), der die Ansichten seiner Eltern nicht teilt. Obwohl Mousse dem sympathischen Beau vorerst die kalte Schulter zeigt und Paul nebenher eine Affäre mit ihrem Nachbarn Serge (Pierre Louis-Calixte), beginnt, kommen sich die beiden doch langsam unwillkürlich näher. Fasziniert beobachtet Paul ihre Schwangerschaft. Während Mousse noch mit ihrer veränderten Situation kämpft und die Mutterrolle ihr eher seltsam fremd vorkommt.

In der Hauptrolle präsentiert François Ozon die tatsächlich schwangere Schauspielerin Isabelle Carré und begleitet die zarte Sommersprossen-Frau mit faszinierender Feinfühligkeit durch ihre erste Schwangerschaft. Dabei erzählt der subtile Frauenregisseur eine zärtlich-melancholische Liebesgeschichte. Und so löst sich im südlichen Licht, federleicht inszeniert, was eigentlich als Stoff eines sperrigen Sozialdramas beginnt. Trotz persönlicher Tragödien behalten Leichtigkeit und Lebensmut die Oberhand. Wenn gleich freilich das Ende seiner Geschichte überrascht. Trotzdem scheint der 44jährige, der wie einst sein Vorbild Fassbinder durch alle Genre reist, nun seine ganz persönliche und unprätentiöse Form gefunden zu heben Filme zu machen im Rahmen einer minimalistischen Geschichte, wie in Unter dem Sand (Sous le sable, 2000), ganz ohne postmoderne Auswüchse.

Betörend schön wirkt dabei vor allem die fragile Isabelle Carré in ihrer zunehmend üppigeren Körperlichkeit. Ihre fast durchscheinende Blässe, die strahlenden Augen als wäre sie Botticelli aus der Leinwand gefallen. Trotzdem besitzt die Tochter eines Designers eine extreme Durchlässigkeit für alles Tragische. Mit ihrer Fähigkeit, ihr Gesicht als Projektionsfläche für Emotionen frei zu schalten und ihm trotzdem ein Geheimnis zu bewahren, wirkt die Pariserin bei ihrer Flucht nach innen fast wie ein Idealtyp des Stummfilms. Wie den großen Stummfilmdiven haftet ihren Zügen etwas Dramatisches und gleichzeitig etwas seltsam Entrücktes an, eine Unnahbarkeit, die zwischen kühler Eleganz und trotzig sinnlicher Arroganz changiert. Dabei scheint sie manchmal wie in Trance. Eine postmoderne Mystikerin.

Luitgard Koch

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