Ruf der Wildnis

Die zeitlosen Geschichten von Jack London haben von jeher zu Verfilmungen eingeladen. Sein „Ruf der Wildnis“ wird in schöner Regelmäßigkeit verfilmt, so vor gut 20 Jahren mit Rutger Hauer in der Rolle, die nun sein „Blade Runner“-Kollege Harrison Ford übernommen hat. Erzählt wird die Geschichte eines Mischlingshundes, der nach Alaska kommt und es mit bösen und guten Herren zu tun hat. Der Clou am neuesten Film: Die Tiere sind alle computeranimiert. Das Problem: Allzu überzeugend sieht das nicht aus.

Website: www.fox.de/call-of-the-wild-1

Call of the Wild
USA 2020
Regie: Chris Sanders
Darsteller: Harrison Ford, Dan Stevens, Omar Sy, Cara Gee, Karen Gillan
Länge: 95 Minuten
Verleih: 20th Century Pictures
Kinostart: 20. Februar 2020

FILMKRITIK:

Der Mischlingshund Buck wird seinem Herrn gestohlen und nach Alaska verfrachtet, wo er als Schlittenhund verkauft wird. Anfangs stellt er sich bei den Postzustellern, die mit dem Schlitten tausende Meilen zurücklegen, nicht gar so gut an, dann findet er jedoch seinen Platz im Rudel – und damit ein hohes Maß an Zufriedenheit. Doch Leben heißt auch immer Veränderung und so gerät Buck in die Hände anderer Herren. Nicht jeder ist dabei so freundlich wie der Postzusteller, aber in Jack Thornton (Harrison Ford) hat der treue Hund einen Freund gefunden, der für ihn fast alles tun würde.

„Ruf der Wildnis“ ist die erste Produktion, die unter dem neuen Label 20th Century Films erscheint. Disney hat „Fox“ gestrichen, da man in den USA jedwede Verwandtschaft zum rechtslastigen Fernsehsender Fox News unterbinden möchte. Der Film ist auch in anderer Beziehung ein Debüt, nämlich für Chris Sanders. Der war bisher ganz und gar auf Animationsfilme spezialisiert und inszenierte u.a. „Lilo & Stitch“ und „Die Croods“. Dass er nun mit „Ruf der Wildnis“ sein Realfilm-Debüt gegeben hat, ist irgendwie sinnig, denn ein reinrassiger Realfilm ist dies auch nicht. Alle Tiere wurden am Computer animiert, was jedoch die Frage aufkommen lässt, wieso man den Stoff nicht als Ganzes zum Animationsfilm gemacht hat. Die Verquickung von Realszenen und CGI-Tieren ist nämlich nur bedingt überzeugend.

Man merkt dem Haupthund, aber auch allen anderen an, dass sie nicht real sind. Es liegt an den Bewegungen, aber auch am Gesamtbild. Irgendetwas stimmt nicht, das springt sofort ins Auge. Mit den grandiosen Effekten von „Der König der Löwen“ kann „Ruf der Wildnis“ nicht mithalten. Entsprechend braucht man schon ein paar Minuten, um sich an den ungewöhnlichen Look zu gewöhnen. Schafft man das, erweist sich der Film jedoch als prächtige Unterhaltung für die ganze Familie.

Schon vorlagenbedingt ist die Geschichte etwas episodisch gestaltet, wenn Buck einen Herrn nach dem anderen hat. Dass das aber nicht holprig erscheint, ist einem guten Drehbuch zu verdanken. Dazu kommen eine gute Inszenierung und der gelungene Einsatz der tollen Landschaften, in denen dieser Film spielt. Er macht Lust darauf, selbst wieder mal die Wälder zu erkunden. Anders als hier gibt es aber keine unberührten Flecken Natur mehr. Der Film schafft es jedoch, dieses Gefühl der Sehnsucht nach einem einfacheren Leben zu bedienen. Dafür steht auch die Figur von Harrison Ford. Sein Thornton ist ein gebrochener, von der Welt abgewandter Mann, der Buck braucht, um langsam heilen zu können. Daraus ergibt sich eine wundervolle Freundschaft, denn Buck ist nicht Thorntons Hund. Sie sind beide praktisch gleichberechtigt, was sich in einer amüsanten Szene widerspiegelt, als der Hund das Trinken des Menschen missbilligt. Der Film zerrt da ordentlich an den Grenzen dessen, was einem Tier möglich ist. Buck wird hier schlauer, empathischer und weiser dargestellt, als ein echter Hund wäre. Aber es macht Spaß, ihm dabei zuzusehen. Jeder Hundebesitzer träumt im Grunde davon, einen Buck zuhause zu haben.

„Ruf der Wildnis“ überdreht in der Vermenschlichung seiner Hauptfigur, bietet aber mit ihr ein spannendes Abenteuer für die ganze Familie, das von Kopf bis Fuß namhaft besetzt ist (ganz toll: Omar Sy; verschwendet: Karen Gillan) und vom Respekt vor Mensch und Tier, aber auch der Natur getragen wird. Das macht der Film so gut, dass man nur zu gern diesen Ruf der Wildnis folgen will.

Peter Osteried