Russland von oben

Vor einigen Jahren liefen sowohl Mehrteiler, als auch ein 90minüter von „Russland von oben“ in den deutschen Fernsehsendern, nun hat das Regie-Duo Freddie Röckenhaus & Petra Höfer aus dem Material einen Kinofilm geschnitten. Dem Bildmaterial hat der Sprung vom kleinen Fernseher auf die große Kinoleinwand zwar nicht gutgetan, doch der Ansatz der Dokumentation bleibt sehenswert.

Webseite: www.russland-von-oben.de

Dokumentation
Deutschland 2019
Regie & Buch: Freddie Röckenhaus & Petra Höfer
Länge: 120 Minuten
Verleih: Filmwelt Verleihagentur
Kinostart: 27. Februar 2020

FILMKRITIK:

Russland gehört fraglos zu den drei, vier Ländern, mit denen Deutschland durch historische Gründe besonders verbunden ist. Über kaum ein Land gehen die Ansichten in den Medien so auseinander, von Verklärung bis Verdammung reicht die Bandbreite. Grund genug also, einen etwas anderen Blick auf Russland zu werfen, keine tiefschürfende Analyse zwar, kein Blick in die politische Realität des zeitgenössischen Russlands, kein Versuch, die russische Seele zu ergründen, dafür ein Blick auf die enorme Vielfalt der russischen Landschaft.
 
Und das von oben! Auch das zwar nicht mehr unbedingt ein bemerkenswerter Ansatz, gerade das Regie-Duo Freddie Röckenhaus und Petra Höfer hat aus diesem Konzept eine Marke gemacht, hat für die ZDF-Serie Terra X schon ganz Deutschland von oben betrachtet und sich nun an Russland gewagt.
 
Also an das mit weitem Abstand größte Land der Erde, das in Europa beginnt und sich über die gesamte Fläche Asiens erstreckt, elf Zeitzonen umfasst und dabei nur 146 Millionen Einwohner hat, Tendenz fallend. Kein Wunder also, dass weite Teile Russlands menschenleer sind. Dementsprechend bestehen auch weite Teile der Dokumentation „Russland von oben“ aus Aufnahmen von schier endlosen Landschaften, in denen sich Wildtiere in besonders einsamer Wildbahn entfalten können.
 
Eisbären sind zu sehen, Antilopen, Steinböcke und manch anderes, jedoch immer nur in Momentaufnahmen, die kaum begonnen, schon wieder vorbei sind. Kaum einmal kommt der Film zur Ruhe, fast jedes Bild ist in Bewegung, stets wird zusätzlich durch die drückende Orchestermusik Pathos angemahnt, die Faszination der Landschaften beschworen.
 
Leider kann die Qualität der Bilder nicht mit den Motiven mithalten und fällt deutlich hinter den Stand der Möglichkeiten zurück. Gerade wenn man die oft allzu krisseligen Aufnahmen, die hier zu sehen sind, mit denen des unlängst im Kino gelaufenen „Aquarela“ vergleicht, der zum Teil an denselben Orten, etwa dem Baikalsee gedreht wurde und gestochen scharfe Bilder lieferte, fällt „Russland von oben“ hinter den Stand der HD-Technik zurück.
 
Das ist umso bedauerlicher, als Röckenhaus und seine Partnerin Höfer, die während des Schnitts überraschend verstarb, offenbar praktisch unbeschränkte Drehgenehmigungen hatten. Mitten in Moskau durfte ebenso mit Drohnen gefilmt werden, wie im einst gesperrten Murmansk; Baustellen von atomaren Eisbrechern sind zu sehen, aber auch eine riesige Gasförderanlage. Letzteres ist wohl einem der Finanziers des Films zu verdanken: Dem Staatskonzern Gazprom. Das angesichts solcher Partner kaum Kritik an etwaiger Umweltzerstörung oder ähnlichem Laut wird, liegt auf der Hand, immer wieder wirkt das rasante Springen von Höhepunkt zu Höhepunkt dann auch wie ein vom russischen Tourismusverband in Auftrag gegebenes Werbevideo.
 
Das „Russland von oben“ dennoch spannende Einblicke liefert, zeigt dann aber, welche Vielfalt an Flora und Fauna sich hinter den Kulissen eines Landes verbirgt, das im Westen allzu oft nur oberflächlich betrachtet wird. Der letzte Schluss ist diese Dokumentation zwar gewiss nicht, aber wenn sie manchem als Anlass dient, sich intensiver mit Russland zu beschäftigen, wäre auch schon einiges erreicht.
 
Michael Meyns