Saint Amour – Drei gute Jahrgänge

Die bevorzugte filmische Form des französischen Regie-Duos Benoit Delépine und Gustave Kervern ist das Roadmovie, das mit seiner episodischen Struktur ihren Stärken entgegenkommt und ihre Schwächen oft kaschiert. Denn auch "Saint Amour" erzählt nur eine lose Geschichte, die oft auseinanderzufallen droht, aber vor allem durch schöne Einzelszenen und ein tolles Hauptdarsteller-Trio zusammengehalten wird.

Webseite: www.saintamour-film.de

Frankreich/ Belgien 2015
Regie & Buch: Benoit Delépine & Gustave Kervern
Darsteller: Gérard Depardieu, Benoit Poelvoorde, Vincent Lacoste, Céline Sallette, Michel Houellebecq, Chiara Mastroianni
Länge: 101 Minuten
Verleih: Concorde
Kinostart: 13. Oktober 2016
 

FILMKRITIK:

In "Mammuth" ließen Benoît Delépine und Gustave Kervern Gérard Depardieu auf einem Motorrad durch Frankreich fahren, dass unter dem massigen Körper Depardieus fast zu verschwinden schien. Und auch "Saint Amour" spielt ein ums andere Mal mit der schieren körperlichen Präsenz Depardieus, der wie kaum ein anderer berühmter Schauspieler in der Öffentlichkeit steht, sich aber offensichtlich nicht darum schert, was über ihn geschrieben oder gedacht wird. Eskapaden der letzten Jahre – Urinieren im Flugzeug, Bekenntnis zum exzessiven Alkoholkonsum, Freundschaft mit Putin – werden breit ausgewalzt und machen es noch schwieriger, auf der Leinwand eine Figur zu sehen und nicht Depardieu.

Manche Regisseure machen sich dies zunutze und nennen die von Depardieu gespielten Figuren kurzerhand "Gérard", wie unlängst Guillaume Nicloux in "Valley of Love". In "Saint Amour" spielt Depardiau zwar eine Figur namens Jean, doch hinter dem Bauern, der bei einem Agrarfestival unbedingt einen Preis für den besten Zuchtbullen gewinnen möchte, scheinen immer wieder Teile von Depardieus Persönlichkeit durch oder zumindest von dem, was man dafür hält. Wenn sich Jean mit seinem Sohn Bruno (Benoit Poelvoorde) auf eine Wein-Tour durch die französische Provinz begibt, kann man sich denken, dass auch der Teilzeit-Winzer Depardieu schon manches Mal ähnliche Touren unternommen hat, ähnliche Erlebnisse durchlebt hat wie seine Figur, ähnlich alkoholgeschwängerte Gespräche geführt hat.

Loser roter Faden der Weintour ist Brunos Suche nach einer Frau, die den auch nicht mehr jungen Bauern zunehmend verzweifeln lässt. Immer wieder begegnet das Vater-Sohn-Gespann – vervollständigt durch den jungen Taxi-Fahrer Mike (Vincent  Lacoste) – auf seiner Reise Frauen, die sich unweigerlich in den ein oder anderen unserer Helden vergucken und eine Nacht mit ihm verbringen. Ein wenig chauvinistisch mutet diese Struktur an, zumal die Frauenfiguren allesamt unterentwickelte Charaktere sind, die eher einer männlichen Phantasie entsprungen zu sein scheinen als der Realität.

Nicht nur hier zeigt sich besonders, dass Benoit Delépine und Gustave Kervern im französischen Fernsehen in erster Linie für ihre Sketch-Formate bekannt sind, kurze Vignetten, die sich über dies oder jenes lustig machen. In diesem Fall ist das die französische Provinz und ihre Eigenarten, die allerdings nicht mit dem ach so eleganten Paris verglichen wird, sondern trotz aller Eigenheiten und Macken stets liebenswürdig erscheint. Einen besonders bizarren Gastauftritt hat dabei Romanautor Michel Houllebecq als Herbergs-Besitzer, der für seine Gäste samt Familie in die Garage umzieht. Einen relevanten Bezug zur losen Geschichte hat so eine Szene zwar nicht, lustig ist sie dennoch. Und da Delépine und Kervern immer wieder solche Momente gelingen, mag man gerne verschmerzen, dass am Ende von "Saint Amour" eigentlich nicht wirklich Relevantes erzählt wurde. Doch allein Depardieu und Kollegen beim entspannten Reisen und Trinken durch Frankreich zuzuschauen bereitet erhebliches Vergnügen.
 
Michael Meyns