Salt and Fire

Der episch-surreale Umweltthriller von Regielegende Werner Herzog erzählt die Geschichte eines Forscherteams, das in Bolivien eine mögliche Umweltkatastrophe untersuchen soll und dabei entführt wird. Der Film wirkt mit seiner nicht-linearen Erzählweise fast wie ein Tagtraum, der scheinbar keinen festen Regeln folgt, und spielt eigenwillig philosophisch mit dem Thema Wahrnehmung. Dazu liefert Kameramann Peter Zeitlinger atmosphärische Landschaftsbilder einer grandiosen Salzwüste am imposanten Uyani-Salzsee im bolivianischen Hochland. Doch neben den hölzernen Dialogen bleibt so manches an der schrägen Geschichte abseits herkömmlicher Sehgewohnheit arg widersprüchlich.

Webseite: www.camino-film.com

Deutschland, USA, Bolivien 2015
Regie: Werner Herzog
Darsteller: Veronica Ferres, Michael Shannon, Gael García Bernal, Lawrence Krauss, Anita Briem.
Drehbuch: Werner Herzog
Kamera: Peter Zeitlinger
Länge: 97 Minuten
Verleih: Camino Film
Kinostart: 8. Dezember 2016
 

FILMKRITIK:

Das Weltkino ist unvorstellbar ohne Werner Herzogs Gesamtwerk, das zu den aufregendsten künstlerischen Leistungen des 20. und jungen 21. Jahrhunderts zählt. Dabei behandelt der gebürtige Bayer immer wieder das Spannungsfeld von Mensch und Natur. Die majestätische und grausame Wildnis spielt bei Deutschlands berühmten Regie-Beserker schon immer eine herausragende Rolle. Das Verhältnis des Menschen zur Natur hat er wieder und wieder untersucht. Vor allem mit „Aguirre, der Zorn Gottes“ und „Fitzcarraldo“ schilderte er, so intensiv wie kein Regisseur zuvor, das Aufeinanderprallen natürlicher Erhabenheit mit menschlicher Hybris.
Und auch diesmal passen Sujet und Handlungsort auf den ersten Blick perfekt zu Herzogs Oeuvre. Selbst seine Filmsprache, die jenseits des klassischen Erzählkinos liegt, begegnet dem Zuschauer in seinem episch surrealen Umweltthriller vor der beeindruckenden Naturkulisse der größten Salzwüste in Bolivien. Doch nicht immer ist es einfach, sich auf die streckenweise hölzern-spröden, fast bleiernen und gestelzten Dialoge einzulassen. Sie erinnern stark an Herzogs erste Filme aus den 1970ern wie seinem apokalyptischen Untergangsvision „Herz aus Glas“ nach einem Drehbuch des bayerischen Enfant terrible Herbert Achternbusch. Doch freilich nun weniger subversiv.
Vulkanforscherin Laura Sommerfeld (Veronica Ferres) leitet eine dreiköpfige Delegation von Wissenschaftlern. Im Auftrag der Vereinten Nationen soll die junge Mutter in Bolivien eine Umweltkatastrophe am sich immer weiter ausbreitenden Salzsee Diablo Blanco untersuchen. Doch als die renommierte Professorin mit ihren Kollegen Dr. Cavani (Gael Garcia Bernal) und Dr. Meier (Volker Michalowski) dort landet, passieren seltsame Dinge, Der Flughafen ist menschenleer. Eine Gruppe schwer bewaffneter Guerrilleros taucht auf und entführt das Trio.
 
Verschleppt auf eine abgelegene, noble Hacienda im Hochland begegnen sie Firmenboss Matt Riley (Michael Shannon). Er steckt hinter dem Coup. Grund: Der reumütige Unternehmer ist für die Umweltsünden am Diablo Blanco verantwortlich. Er fühlt sich schuldig und will auf die Opfer der Katastrophe aufmerksam machen, auch wenn er sich dabei selbst belastet. Bald schon weichen die Fronten auf. Die erbitterten Feinde müssen zusammenarbeiten. Denn ein riesiger Vulkan droht auszubrechen und die gesamte Erde in Gefahr zu bringen. Und nur die drei können diese Katastrophe verhindern. Doch davor setzt er Laura zusammen mit zwei blinden Jungen in der Salzwüste aus.
 
„Es gibt keine Realität, nur Annahmen, Sichtweisen und kollektive Ängste, die sich in Verschwörungstheorien verdichten“, verkündet Firmenboss Riley in dem theatralisch atmosphärischen Katastrophenfilm. Die zentrale Frage nach dem Verhältnis von Wirklichkeit und Wahrnehmung treibt auch Werner Herzog um. Seine sogenannten Dokumentarfilme, die er gegen die Spielfilme gar nicht prinzipiell abgegrenzt wissen will, beantworten sie seit Jahren im Namen einer „ekstatischen Wahrheit“, die sich nicht am rein Faktischen messen lassen will. Die inszenatorische Geste übertrifft das bloß registrierende Auge, wie es ein cinema verité bevorzugt.
 
Und so wird es absolut surreal, wenn der reumütige Firmenboss Matt Riley seinem Entführungsopfer Laura Sommerfeld im römischen Kloster Santissima Trinita die fast schon meditative Erfahrung des Kreuzgangs zeigt. Mit der Bewegung der Kamera ändert sich auch das Wandbild, auf dem ein Heiliger unter einem Baum betet. Damit führt Herzog dem Zuschauer vor, dass unsere Sichtweise nicht zuletzt von unserem Blickwinkel abhängt. Die ökologische Frage rückt dabei in den Hintergrund. Ein Moment, der sich genießen lässt. Wie bereits in seiner opulenten Frauenbiografie „Königin der Wüste“ über die britische Abenteurerin Gertrude Bell stellt Herzog zum zweiten Mal eine weibliche Heldin in den Mittelpunkt seines Films.
 
Die bodenständige Veronica Ferres als zentrale Heldin schickt er dabei auch auf einen weiblichen Selbstfindungsprozess. Sie soll ihre Mutterqualitäten beweisen. Herzogs Faible für zäh entschlossene, ebenso verwegene wie fahrlässige Helden versucht sie glaubhaft als weibliche Version zu vermitteln. Die einstige Partnerin der bayerischen Regie-Legende Helmut Dietl wird bereits als Werner Herzogs neue Muse gehandelt. Doch auch die 51jährige kann freilich nicht ganz frei und authentisch agieren. Denn manches an der schrägen Geschichte abseits herkömmlicher Sehgewohnheit wirkt zu widersprüchlich.
 
Luitgard Koch