Samsara

Eine Doku, die allein von der Kraft ihrer Bilder und der begleitenden Musik lebt. Ohne Worte, ohne Kommentar. Eine Experimental-Dokumentation also? Diese Genre-Bezeichnung ließe eine verkopfte und anstrengende Kino-Sitzung erwarten. Dabei verlangt „Samsara“ das Gegenteil vom Zuschauer: Er soll sich den Bildern völlig hingeben. Für die Filmemacher Ron Fricke (Kameramann von "Koyaanisqatsi") und Mark Magidson handelt es sich um eine „geführte Meditation“. Sie lassen ein faszinierendes Kaleidoskop des menschlichen Lebens auf diesem Planeten entstehen – und erschaffen Kino in seiner reinen Form.

Webseite: www.barakasamsara.de

USA 2011
Regie: Ron Fricke
Konzept: Ron Fricke, Mark Magidson
Kamera: Ron Fricke
Länge: 100 Minuten
Verleih: Busch Media Group, Vertrieb: Central
Kinostart: 23. August 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Balinesische Tänzerinnen in Nahaufnahme. Dann eine Schnittfolge: ein ungeborener Fötus; eine Moorleiche; die Goldmaske eines Pharaos. Schon der Vorspann von „Samsara“ etabliert das Montagekonzept, das Regisseur Fricke und Produzent Magidson im Laufe des Films ausarbeiten. Fünf Jahre lang bereisten sie 25 Länder, drehten unter anderem in Indien, Japan, der Türkei, China, Myanmar, Äthiopien und Frankreich. Das Sanskrit-Wort Samsara wollen sie mit ihrem Film bebildern, also das sich unaufhörlich drehende Rad des Lebens, den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Dazu filmten sie in einem buddhistischen Kloster, in christlichen Kirchen, in chinesischen Fleischfabriken und afrikanischen Dörfern.

Eigentlich ist ein solches Unterfangen zum Ethno-Kitsch verdammt. Und tatsächlich scheint der Film in eine fatale Schieflage zu geraten, wenn zu Beginn opulente Naturaufnahmen übergehen in dramatisch beleuchtete Kirchen-Innenräume. Doch „Samsara“ erstarrt keinesfalls in sakraler Erfurcht. Schon bald schleichen sich düstere Zwischentöne ein. So steht inmitten der Kirche auch der aufgebahrte, einbalsamierte Leichnam eines Kindes. Tod und Vergehen nehmen langsam immer mehr Platz ein und werden zu einer festen Größe im Bedeutungsraum von „Samsara“. Bald verlässt der Film die archaische Natur ganz und zeigt in langen, beeindruckenden Zeitraffer-Sequenzen den Irrsinn der modernen Zivilisation und ihrer Produktionsprozesse. Maschinen scheinen das Leben zu verschlingen: zerlegen Schweine, köpfen Hühner, melken Kühe in einer unaufhörlich sich drehenden Anlage. Menschen stehen an Fließbändern, bauen Autos, Computer, Sexpuppen, Waffen und werden uniformer Bestandteil eines scheinbar unaufhaltsamen Prozesses. Das Rad des Lebens, hier rast es in unkontrollierbarer Geschwindigkeit dahin. „Samsara“ verdichtet die Arbeitswelten moderner Gesellschaften in einer Eindringlichkeit, die „Metropolis“ und „Moderne Zeiten“ nur erahnen konnten.

Regisseur Ron Fricke begann seine Karriere als Kameramann für den Klassiker „Koyaanisqatsi“ (1982). Zweifellos diente der Klassiker der Zivilsationskritik als Vorbild für seine eigene Arbeit. Wie sein Regie-Debüt „Baraka“ (1992) fotografierte Fricke auch „Samsara“ auf 70mm, ein Format, das wegen seiner Kosten und komplizierten Handhabung sehr selten eingesetzt wird. Dafür ermöglicht der breite Filmstreifen große Bildschärfe und -tiefe und damit unerreichtes Detailreichtum. Die Bilder wurden dann gescannt und auf ein digitales Projektionssystem mit 4K-Auflösung übertragen. Ein kostspieliger und langwieriger Prozess, der aber mit spektakulären Bildern belohnt, besonders bei den kristallklaren Zeitraffer-Aufnahmen. Der Pilgerstrom von Gläubigen in Mekka, der die Kaaba umrundet, wird so zu einem wundersamen, gleichsam von innen heraus strahlenden Kometenschweif. Das Ornament der Masse, hier in immer wiederkehrenden Kreisbewegungen – selten zuvor wurde es so atemberaubend eingefangen.

Dass „Samsara“ aber mehr zu bieten hat als Schauwerte, ist nicht den Bildern, sondern ihrer Montage zu verdanken – zumindest dann, wenn die Filmemacher, wie Eingangs beschrieben, assoziativ arbeiten und Bedeutung nicht erzwingen wollen. Das gelingt ihnen nicht immer. Wenn Fleischproduktion und Fettleibigkeit verschränkt werden, wirkt der zivilisationskritische Ansatz zu platt. Meist aber widerstehen Fricke und Magidson solcher Direktheit und erschaffen ein genuin filmisches Universum, das nicht mit Sprache erklärt oder wiedergegeben werden kann. Ein dunkle Magie geht von diesem Film aus, die das Leben in seiner ganzen schrecklichen Schönheit zeigt.

Oliver Kaever

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