Sandstern

Die von Yilmaz Arslan („Brudermord“) inszenierte Mischung aus Coming-of-Age- und Familien-Drama folgt einem 12-jährigen türkischen Jungen, der in der BRD der frühen 80er-Jahre ein neues Leben beginnt. Doch der Weg zum individuellen Glück und zu Anerkennung  ist steinig und lang, denn: Oktay spricht kein Deutsch und hat ein schwieriges Verhältnis zu seinen Eltern. „Sandstern“ zeigt das Leben in all seinen Facetten, mit allen angenehmen aber auch negativen Seiten – konsequent aus dem Blickwinkel der charakterstarken Hauptfigur, die von einem brillanten Jungdarsteller verkörpert wird.

Webseite: www.sandstern-film.de

Deutschland, Luxemburg, Belgien 2017
Regie & Drehbuch: Yilmaz Arslan
Darsteller: Roland Kagan Sommer, Taies Farzan, Hilmi Sözer, Katharina Thalbach, Marcus Eim
Länge: 88 Minuten
Kinostart: 29. November 2018
Verleih: Camino

FILMKRITIK:

Sommer 1980: Nach Jahren trifft Oktay (Roland Kagan Sommer) seine in Deutschland lebenden Eltern wieder. Er kennt sie kaum, denn seine Kindheit hat er bei seiner Oma in der Türkei verbracht. Da diese aber  nicht mehr in der Lage war sich um ihren Enkel zu kümmern, holten die Eltern ihn zu sich. In Deutschland fällt ihm der Neustart zunächst schwer: Zugang zu anderen Menschen findet er zunächst keinen, weder zu Gleichaltrigen noch zu seinen Eltern. Nur die neue Nachbarin (Katharina Thalbach) lenkt ihn etwas ab. Sie versorgt Oktay mit gutem Essen und Lebensweisheiten. Dann aber trennen sich Oktays Eltern und eine weitere schlechte Nachricht muss der Junge verkraften: Er ist Bluter. Selbst kleine Wunden werden für ihn somit zur lebensbedrohlichen Gefahr.

Nach eigener Aussage kam Regisseur Yilmaz Arslan im Rahmen einer Recherche zu einem anderen Film in Frankreich auf die Idee zu „Sandstern“. Der türkische Filmemacher produzierte sein neuestes Werk auch und schrieb das Drehbuch. Es ist sein insgesamt vierter Spielfilm. Internationale Bekanntheit erlangte er 2005 mit  „Brudermord“. Das Drama wurde damals unterem anderem mit dem Silbernen Leoparden in Locarno prämiert.

Mit sensiblem Gespür für seine fein gezeichneten Figuren, befasst sich Arslan in „Sandstern“ mit zentralen Aspekten wie Menschlichkeit, Selbstfindung, Ausgrenzung sowie dem beständigen Kampf um Akzeptanz. Genau darum bemüht sich auch Oktay, der sich zu Beginn vor allem wegen seiner Herkunft Ressentiments ausgesetzt sieht – und dem Hass seiner Mitschüler. Die Vorurteile, die diese gegen ihn hegen, verwandeln in einer nachdrücklichen Szene den Hass gegenüber dem Unbekannten in rücksichtslose Gewalt. Die Frage nach den Auswirkungen von Befangenheit und vorgefertigten Meinungen auf das Handeln der Mitmenschen ist eine, die Arslan in „Sandstern“ häufiger aufwirft.

Daneben greift er typische Coming-of-Age-Themen auf: das erste Schwärmen für die Klassenkameradin, Streitigkeiten mit den Eltern bzw. Erwachsenen (Stichwort: Rauchen) und das allgemeine Ausloten von Grenzen. Märchenhafte und metaphorische Züge erhält „Sandstern“ durch den Umstand, dass Arslan seinen Film in eine poetische Geschichte über einen Wüstenbewohner einbettet. Ein vom Weg abgekommener Nomade, der sich durch einen hellen Stern am Nachthimmel leiten lässt. Die mystische Erzählung umschließt die eigentliche Filmhandlung wie eine Klammer und gibt ihr auf diese Weise Halt. Die Orientierungslosigkeit in der Weite der Sandlandschaft  hat der Beduine mit Oktay gemein, der noch nach seinem Platz im Leben sucht. Eine passende, bildhafte Entsprechung.

Und zu guter Letzt profitiert das Drama von seinem vorzüglichen Cast. Zum einen ist erstaunlich, wie unaufgeregt und differenziert der erst 15-jährige Roland Kagan Sommer sein Spiel anlegt. Man nimmt ihm nicht nur jede Gemütslage ab sondern fühlt sich ihm von Beginn auch sehr nahe. Ihm in nichts nach steht Katharina Thalbach als liebenswerte Nachbarin Anna, die einen entscheidenden Einfluss auf Oktays Entwicklung ausübt. Ihr ist die Figur der kauzigen, eigenbrötlerischen älteren Dame, die immer einen passenden Spruch parat hat, auf den Leib geschneidert. 

Björn Schneider