Sarahs Schlüssel

Die Schatten der Vergangenheit lasten in diesem soliden französischen Drama auf der Journalistin Julia, die im Frankreich der Gegenwart eine tragische Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg aufdeckt. Viele Aspekte versucht Regisseur Gilles Paquet-Brenner in seiner Bestsellerverfilmung anzureißen, die er mit einer wuchtigen, betont emotionalen Inszenierung zu einem geschlossenen Film verbinden will.

Webseite: www.sarahsschluessel-film.de

Frankreich 2010
Regie: Gilles Paquet-Brenner
Buch: Serge Joncour, Gilles Paquet-Brenner nach dem Roman von Tatiana De Rosnay
Darsteller: Kristin Scott Thomas, Melusine Mayance, Niels Arestrup, Frederic Pierrot, Michel Duchaussoy
Länge: 104 Minuten
Verleih: Camino Filmverleih
Kinostart: 15. Dezember 2011

PRESSESTIMMEN:

"Sarahs Schlüssel" ist die Verfilmung eines französischen Bestsellers – aber viel besser als der Roman: ein feinfühliges und stilsicheres Drama um ein jüdisches Mädchen.
DIE ZEIT

FILMKRITIK:

Nur ein paar Wochen vor „Sarahs Schlüssel“ startet „Die verlorene Zeit“. Zwei Filme, einer aus Frankreich, der andere aus Deutschland, die sich auf fast identische Weise mit der Judenverfolgung während des Zweiten Weltkriegs und ihren späten Folgen beschäftigen. Beide Filme erzählen auf zwei Ebenen – während des Krieges und in der Gegenwart – und beide haben ähnliche Stärken und Schwächen.

„Sarahs Schlüssel“, die Verfilmung des Bestsellers von Tatiana De Rosnay, nimmt als Ausgangspunkt dabei kein Verbrechen der Deutschen, sondern einen berüchtigten Akt der französischen Kollaboration, der Jahrzehnte verschwiegen wurde: Im Juli 1942 verhaftete die französische Polizei im Zuge einer Razzia tausende französische Juden, die tagelang unter unmenschlichen Bedingungen in der Halle einer Radrennbahn ausharren mussten, bevor sie deportiert wurden. Die Bilder dieser Verhaftungswelle – für die sich der damalige Präsident Jacques Chirac erst 1995 entschuldigte – stehen am Anfang des Films und sind so eindrucksvoll, dass nichts des folgenden an sie heranreicht.

Auch die Familie Starzynski befindet sich unter den Verhafteten: Mutter, Vater und die Tochter Sarah. Allerdings nicht Sarahs kleiner Bruder. Den hatte Sarah während der Razzia geistesgegenwärtig in einem Schrank versteckt und mit dem Titel gebenden Schlüssel abgeschlossen, der unbeabsichtigt zum Menetekel wird. Denn als es Sarah endlich gelingt sich zu befreien und in die Stadt zurückzukehren, findet sie nur noch die Leiche ihres Bruders vor. Ein Unglück, das Sarah Zeit ihres Lebens belastet.

Doch zu diesem Zeitpunkt ist der Fokus des Films längst in der Gegenwart angekommen, wird das Schicksal Sarahs nur noch in bruchstückhaften Rückblenden zu Ende erzählt, die weniger mit Sarah selbst, als mit den Nachgeborenen zu tun haben. Vor allem die amerikanische Journalistin Julia Jarmond (Kristin Scott Thomas), die mit einem Franzosen verheiratet ist und zufällig bald in eben jene Wohnung ziehen soll, in der einst Sarah und ihre Familie wohnte. Ein etwas forcierter Zufall, zumal Julia gerade an einem Artikel recherchiert, das die lange zurückliegenden Ereignisse in der Radsporthalle thematisiert. Zunehmend erkennt sie nun, wie die Familie ihres Mannes auf unfreiwillige Weise mit den damaligen Ereignissen verknüpft ist, wie die Vergangenheit auf die Gegenwart einwirkt.

Vielfältige Fragen reißt der Film an, wobei er im Laufe seiner recht kurzen Spieldauer manche Aspekte allzu rasch streift. Dabei aber nur selten seine größte Stärke vernachlässigt: Keine eindeutigen Schuldzuweisungen zu machen. Wozu er sich einiger plakativer Figuren bedient: Besonders zwei junge Kollegen Julias fallen da eher unangenehm auf, ist ihre historische Unwissenheit, ihre nur scheinbar klare, eindeutige Position doch vor allem Gelegenheit für Julia, sie darauf hinzuweisen, dass die Dinge oft komplizierter sind, als sie mit dem Abstand von Jahrzehnten erscheinen. Doch gerade Kristin Scott Thomas überzeugt als nachdenkliches Zentrum des Films, die im Laufe ihrer Recherche erkennen muss, dass uneigennütziges Verhalten leichter eingefordert als gegeben werden kann. Dass „Sarahs Schlüssel“ oft etwas in seine Einzelteile zerfällt, die vielen Zeitsprünge dem Fluss der Geschichte nicht immer gut tun, so notwendig sie andererseits auch sind, liegt an seiner literarischen Vorlage. Aus der destilliert Gilles Paquet-Brenner ein anfangs etwas sprunghaftes, mit zunehmender Dauer aber durch seine moralische Ambivalenz doch packendes Drama.

Michael Meyns