Sauvage

Nach zwei Kurzfilmen schaffte es der französische Drehbuchautor und Regisseur Camille Vidal-Naquet mit der unprätentiösen Stricher-Milieustudie „Sauvage“ ins Festivalprogramm von Cannes. Dort erhielt der ausdrucksstark agierende Newcomer Félix Maritaud („120 BPM“), der das auf den Spuren der Nouvelle Vague wandelnde Charakterdrama trägt, den Nachwuchspreis „Rising Star Award“.

Webseite: www.salzgeber.de/sauvage/

Frankreich 2018
Drehbuch & Regie: Camille Vidal-Naquet
Darsteller/innen: Félix Maritaud, Eric Bernard, Nicolas Dibla, Philippe Ohrel, Lionel Riou, Lucas Bléger, Laurent Berecz, Joël Villy
Laufzeit: 97 Min.
Verleih: Edition Salzgeber
Kinostart: 29. November 2018

FILMKRITIK:

Léo (Félix Maritaud) lebt ohne festen Wohnsitz in Straßburg. Der Anfang 20-jährige verkauft seinen Körper als Stricher, pennt im Park oder in einem besetzten Haus, streift durch die Stadt, nimmt Drogen, tanzt im Club. Seine Zuneigung zu Ahd (Éric Bernard), mit dem er gemeinsam Freier bedient und dem er nah sein will, bleibt unerwidert.
 
Der im Film namenlose Einzelgänger Léo ist der Fixpunkt des Dramas. Seine Sehnsucht nach menschlicher Nähe treibt den Plot an und führt den Drifter von einer Station zur nächsten. Der intime, teils explizit gezeigte Sex mit den Kunden und der harte Alltag auf der Straße strukturieren die Handlung.
 
Schnell wird klar, dass Léo weicher ist als die anderen Straßenjungs, die im Streit schon mal grob handgreiflich werden. Der von Armut und Gewalt umgebene Léo küsst seine Kunden und sucht bei ihnen nicht nur das schnelle Geld, sondern Geborgenheit. Bei einer Umarmung steht die Zeit still – nur das zählt für Léo.
 
Die von Jacques Girault versiert geführte Handkamera blickt über die Schultern des Protagonisten ins Milieu wohnungsloser Stricher und zoomt immer wieder auf das Gesicht des Hauptdarstellers Félix Maritaud. Auch weil kaum Musik vorkommt, erwecken die präzise auf den Punkt montierten Beobachtungen (Editor: Elif Uluengin) eine dokumentarische Wirkung.
 
Für sein Skript ließ sich Camille Vidal-Naquet von Gesprächen mit echten Strichern inspirieren. Wenn Léo im Müll nach Essen stöbert oder eine Crackpfeife anzündet, geschieht das beiläufig, wertfrei und ohne forcierte Dramatisierung. Die nüchterne Inszenierung und die lebensnahe Performance von Félix Maritaud ermöglichen ein empathisches Einfinden in das Porträt eines Außenseiters, den es nach Liebe dürstet.
 
Christian Horn