Schändung

Mit „Schändung“ folgt nun die zweite Kinoadaption eines Jussi Adler-Olsen-Romans um das Sonderdezernat Q und seinen eigensinnigen Ermittler Carl Mørck, der dieses Mal in einem 20 Jahre zurückliegenden, nur scheinbar geklärten Mordfall recherchiert. Dabei stößt er schon bald auf neue Spuren und Verdächtige, die bis in die höchsten Kreise der dänischen Gesellschaft führen. Auch wenn „Schändung“ den naheliegenden Vergleich mit den Verfilmungen der Stieg-Larsson-Romane nicht gewinnen kann, so bietet er doch solide skandinavische Thrillerkost.

Webseite: www.schaendung-derfilm.de

OT: Fasandræberne
Dänemark 2014
Regie: Mikkel Nørgaard
Drehbuch: Nikolaj Arcel, Rasmus Heisterberg nach dem Roman von Jussi Adler-Olsen
Darsteller: Nikolaj Lie Kass, Fares Fares, Pilou Asbæk, David Dencik, Danica Curcic, Johanne Louise Schmidt
Laufzeit: 119 Minuten
Kinostart: 15.1.2015
Verleih: NFP
 

Pressestimmen:

"Ein gnadenlos spannender Skandinavienthriller."
Cinema

"Ein richtig guter, klassischer Kriminalfilm, hervorragend erzählt und noch besser gespielt."
Brigitte

FILMKRITIK:

Auf „Erbarmen“ folgt „Schändung“. Die zweite Verfilmung eines Jussi Adler-Olsen-Romans baut auf vielem auf, was das Kinodebüt von Sonderermittler Carl Mørck (Nikolaj Lie Kass) und seines Kollegen Assad (Fares Fares) noch eher im Schnelldurchgang anriss. Wieder steht ein schreckliches Verbrechen am Beginn der mysteriösen, skandinavisch-düsteren Geschichte, die den Zuschauer tief in menschliche Abgründe und pervertierte Seelen eintauchen lässt. Der brutale Doppelmord an einem Geschwisterpaar im Umfeld eines renommierten Eliteinternats beschäftigt dieses Mal Mørck und Assad, die im neu gegründeten Sonderdezernat Q eigentlich nur ungeklärte Altfälle nach Aktenlage abarbeiten sollen. So wollen es zumindest ihre Vorgesetzten. Insofern fällt das scheinbar längst aufgeklärte Verbrechen an den Geschwistern nicht so ganz in den Aufgabenbereich der beiden Ermittler. Als jedoch der Vater der Ermordeten Mørck darum bittet, sich den Fall noch einmal anzusehen – man habe damals letztlich einen Unschuldigen zum Sündenbock gemacht – und dieser am nächsten Tag tot in seiner Wohnung aufgefunden wird, weckt das die Neugier des erfahrenen Kommissars.
 
Film wie Roman erkunden daraufhin mit hohem Tempo und noch größerer Intensität die seltsame Parallelwelt einer selbsternannten Elite, in der Gesetze augenscheinlich nicht für jeden gelten. Wer Geld und somit Macht besitzt, kann auch außerhalb gesellschaftlicher Spielregeln agieren und seine pervertierten Wünsche ausleben. Dabei schrammt das Skript von Nikolaj Arcel und Rasmus Heisterberg mehrmals an der Grenze zur Karikatur entlang. Was schon bei Adler-Olsen manchmal ziemlich merkwürdig und dick aufgetragen wirkt, wenn man die sehr plastischen Beschreibungen seines Romans in die eigene Fantasie übersetzt, driftet im Film mitunter ins Plakative ab. Das betrifft nicht nur die Persönlichkeiten des grundsympathischen Ermittlerduos, welches eigentlich nur aus Überzeichnungen ihres eigenen Berufsstands besteht, sondern auch die Seite der Täter. Menschen mit Geld und Einfluss ist generell zu misstrauen, zumindest im Universum des Adler-Olsen, der die Mächtigen in Politik und Wirtschaft als gewissenlose Raubtiere darstellt.
 
„Schändung“ arbeitet mit vielen solcher Zerrbilder, die genüsslich nach dem Vorbild amerikanischer Mainstream-Thriller ausgeschlachtet werden. Die Mechanismen sind dabei leichter zu durchschauen und weniger komplex als zum Beispiel bei Adler-Olsens leider verstorbenem Kollegen Stieg Larsson, der mit unglaublicher Akribie und noch größerem Rechercheaufwand hinter saubere, skandinavische Fassaden blickte. Adler-Olsen liebt den Pulp und damit auch den Exzess, was weder das Drehbuch von Arcel und Heisterberg als auch Mikkel Nørgaards routinierte Regie zu verstecken suchen. Im Ergebnis wirkt so manche Wendung nur bedingt glaubwürdig und so manches Geheimnis eher komisch als schockierend. Das Gefühl, der Film bleibe etwas zu brav auf der von den Larsson-Romanen vorgezeichneten Erfolgsspur, drängt sich insbesondere bei manchen Figuren wie der von Danica Curcic verkörperten Kimmie auf, die als dunkler Racheengel praktisch wie eine zweite Lisbeth Salander auftritt. Dass „Schändung“ diesen Vergleich am Ende kaum gewinnen kann, überrascht allerdings nicht.
 
Und doch kann man sich auch in Adler-Olsens Welt verlieren. Das gilt mehr für die Romane als für die bislang zwei Verfilmungen, die ihre Möglichkeiten nur zum Teil ausschöpfen. Immerhin erlaubt Nørgaard seinem Ermittlerduo nun einen größeren Aktionsradius. Die Schauplätze sind abwechslungsreicher, die Figuren interessanter. Die zusätzliche halbe Stunde, die „Schändung“ seinem Vorgänger voraushat, ist somit größtenteils gut investiert, auch weil sich trotz aller Polizeiklischees allmählich eine Beziehung zwischen Mørck und dem Zuschauer zu etablieren scheint. Vielleicht waren die ersten beiden Adler-Olsen-Verfilmungen im Rückblick nur das Warm-up für einen kriminalistischen Marathon, bei dem noch mindestens drei weitere Teile auf uns warten.
 
Marcus Wessel