Schande

Der fast werkgetreu verfilmte Weltbestseller „Schande“ des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers J.M. Coetzee verliert auch auf der Leinwand nichts von seiner beklemmenden und verstörenden Wirkung. Unerbittlich spielt das explosive Drama um Rassismus, Sexualität, Schuld und Vergeltung in Südafrikas Postapartheid auf der Klaviatur kolonialer Urängste, die jene Eroberung und Unterwerfung von Anfang an begleiteten. Als zynischer Literaturprofessor, der glaubt im befreiten Land, kein Recht, keine Würde und keine Zukunft mehr zu haben, brilliert John Malkovich in der Hauptrolle.

Webseite: www.alamode.de

Australien, Südafrika 2008
Regie: Steve Jacobs
Darsteller: John Malkovich, Jessica Haines, Eriq Ebouaney, Antoinette Engel, Fiona Press, Monroe Reimers, Charles Tertiens, Scott Cooper
Länge: 120 Minuten
Verleih: Alamode Film
Kinostart: 17. September 2009
 

PRESSESTIMMEN:

Ein dichtes, fesselndes Drama um Konflikte und Aussöhnungen nach J.M. Coetzees Roman.
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Der weiße Literaturprofessor David Lurie (John Malkovich) aus Kapstadt ist eine zerrissene Existenz. Der 52jährige lebt mit Byron, Joyce, Musil gleichsam in einem abendländischen Illusionstheater. Die Außenwelt jedoch bleibt dem alternden Don Juan eher fremd. Die Sprache der Afrikaner versteht er nicht. Ihre Kultur erscheint ihm rätselhaft, ja fast abstoßend. Zugleich freilich erweckt sie Sehnsüchte und Lüste. Manchmal sogar Schamgefühle über die Destruktivkräfte der eigenen Zivilisation.

Als der selbstgefällige Homme de Lettres rücksichtslos seine Machtposition als Professor ausnutzt und eine Affäre mit einer seiner schwarzen Studentinnen Melanie (Antionette Engel) beginnt, verwandelt sich sein Leben in einen Albtraum. Lurie wird entlassen. Auf der entlegenen Farm seiner Tochter Lucy (Jessica Haines) am Ostkap sucht der zweimal Geschiedene Zuflucht. „Alles ist heute gefährlich“, erklärt ihm dort Petrus (Eriq Ebouaney), der schwarze Nachbar. Kurz darauf überfallen drei farbige Jugendliche die Farm, erschießen die Hunde und vergewaltigen die junge Frau. Lurie kann sie nicht beschützen. Eingesperrt in der Toilette übergießen ihn die Rachsüchtigen mit Brennspiritus und zünden ihn an.

In demütiger Selbsterniedrigung nimmt Lucy ihre Schändung als Sühne für die historische Schuld der Vorväter hin. Im Gegensatz zu ihrem Vater unterwirft sie sich den scheinbar neuen Machtverhältnissen. Die Vergewaltigung, meint sie, sei der Preis, den man als Weiße zahlen muss, um bleiben zu dürfen. Stillschweigend glaubt Lucy, mit ihrem Martyrium eine Art Ausgleich schaffen zu können für die Jahrzehnte der Apartheid. Um vor weiteren Übergriffen geschützt zu sein, bietet die Alleinstehende dem schwarzen Tagelöhner Petrus ihr Land an. Dafür soll er die Schwangere als „Zweitfrau“ heiraten. Lurie dagegen sucht seine Erlösung, indem er sich der geschundenen Kreatur zuwendet. Er hilft in einem Tierheim beim Einschläfern von ausgesetzten Hunden.

Im grellen, gnadenlos leuchtenden Licht des Südens legt der Film in ruhigen kontemplativ klaren Bildern schonungslos die Albträume der Südafrikaner bloß. Aber auch ihre seelischen Deformationen durch ein rassisches Kastenwesen aus der Vergangenheit. Schicht um Schicht. Mit „Schande“ erreicht der australische Regisseur Stephen Jacobs eine Ebene, unter der zunächst nur noch immer währende Trostlosigkeit zu liegen scheint. Beeindruckend gelingt es dem 42jährigen mit den Mitteln des klassischen, linearen Erzählkinos die unleugbare Kraft dieses preisgekrönten bestürzenden Monuments der literarischen Ratlosigkeit, voller Metaphern und verschiedener Erzählebenen, auf die Leinwand zu bannen.

Bestechend verkörpert dabei Oscarpreisträger John Malkovich die tragische Hauptfigur, den in Ungnade gefallenen, der alle seine Rollen verliert und verzweifelt nach neuen sucht. Unerbittlich raubte ihm das Alter seinen Nimbus als Frauenverführer, aber auch seine Vater-Tochter-Beziehung trägt nicht. Seine vielschichtige Ästhetik des Scheiterns vor der atemberaubenden Kulisse der südafrikanischen Landschaft gleicht einer emotionalen wie intellektuellen Tour de Force – für den Protagonisten ebenso wie für den Zuschauer.

„Es ging mir“, verrät Jessica Haines, „um ihren elementaren Kampf zwischen Gefühl und Vernunft“. Obwohl die Newcomerin mit diesem komplexen Epos ihr internationales Leinwanddebüt feiert, spielt die 30jährige Südafrikanerin neben der Ikone Malkovich unglaublich professionell. Bravourös meistert die Theaterschauspielerin ihren Auftritt vor der Kamera. Ihre Mimik und Gestik wirken jederzeit überzeugend und perfekt in Szene gesetzt.

Coetzee selbst aber, der zweiflerische Philologe und Schriftsteller, war mit der Drehbuchfassung seines preisgekröntem Romans, der ihm einst vom ANC (African National Congress) den Vorwurf des Rassismus einbrachte, sofort einverstanden. Der Bure verließ inzwischen Südafrika. Seit 2002 lebt der 69jährige in Adelaide in Australien und lehrt dort sowie an der Universität von Chicago Literaturwissenschaft.

Luitgard Koch

Professor Lurie ist ein Feingeist und Literaturlehrer in Kapstadt. Lord Byron ist seine Spezialität. Aber auch sein Sexleben blüht. Melanie, eine seiner Studentinnen, wird sein erotisches Opfer. Das Mädchen lässt alles nur über sich ergehen, zeigt keinerlei Gefühle oder Interesse. Melanies Vater ist empört. Lurie verliert seine Stellung.

Er fährt aufs Land zu seiner Tochter Lucy. Sie ist lesbisch veranlagt, wurde von ihrer Freundin verlassen und wohnt weit draußen in der südafrikanischen Steppe. Sie baut Gemüse an und verkauft es auf dem Markt. Unterstützt wird sie dabei von dem Schwarzen Petrus, der in der Nähe lebt und dem sie ein Stück Land abgetreten hat.

Südafrika: drei Morde pro Stunde, drei Vergewaltigungen pro Minute. Auch Lucy und Lurie werden von drei jungen Kerlen überfallen und übel zugerichtet. Lucy wird mehrere Male vergewaltigt.

Lurie drängt seine Tochter zum Verlassen ihres einsamen Hauses. Sie könnte zu Bev gehen, ihrer Freundin, die als Tierpflegerin arbeitet. Doch Lurie richtet nichts aus. Lucy ist anders eingestellt als ihr Vater. Für sie ist die Aufarbeitung der Apartheid-Zeit wichtig, das Zurechtkommen mit den gegenwärtigen Lebensbedingungen, die Verständigung mit den Farbigen, das Zurücklassen der Vergangenheit und das Vorausschauen.

Lurie hat dafür wenig Verständnis. Er will die Polizei, die Aufklärung, die Strafverfolgung, vor allem nachdem er erkannt hat, dass einer der Vergewaltiger Pollux ist, ein Neffe von Petrus.

Lucy geht sogar noch weiter. Sie tritt mehr Land an Petrus ab, lässt ihn ein Haus bauen, ist sogar bereit, seine „Zweitfrau“ zu werden.

Lurie reist gelegentlich nach Kapstadt zurück, tröstet sich sexuell mit Bev, bittet Melanies Familie um Vergebung, kommt wieder zu Lucy zurück. Doch eine Verständigung mit ihr ist noch weit.

Eine hochdramatische Geschichte über eine ungelöste Auseinandersetzung zwischen Vater und Tochter, zwischen Weiß und Schwarz, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen älterer und jüngerer Generation, zwischen der Epoche der verwerflichen Apartheid und der immer noch äußerst problematischen Zeit danach.

Die Regie präsentiert Geschehen und Umgebung episch, das Hauptaugenmerk aber fällt auf John Malkovich, den Darsteller des Professor Lurie. Er bringt diesen Verlust seines äußeren und gefühlsmäßigen Standortes, seine momentane Existenz zwischen Gewesenem und Kommendem mit einer Fülle von Abstufungen und einer schauspielerischen Reife zum Ausdruck, die sehenswert sind.

Thomas Engel