Schattenwelt

Ein RAF-Terrorist wird nach 22 Jahren Haft entlassen. Ein vergessenes Opfer seiner damaligen Taten stellt ihm nach. Entgegen vieler Filmbeiträge zum Thema „RAF“, befasst sich Connie Walthers „Schattenwelt“ nicht mit der unmittelbaren Gewalt der terroristischen Vereinigung, sondern vielmehr mit der Frage, was diese über Generationen hinweg anrichtet. Ein intensiver und aufwühlender Film mit zwei beachtlichen Hauptdarstellern.

Webseite: www.schattenwelt-der-film.de

Deutschland 2008
Regie: Connie Walther
Darsteller: Franziska Petri, Ulrich Noethen, Eva Mattes, Uwe Kockisch, Tatja Seibt, Christoph Bach, Mehdi Nebbou, Gottfried Breitfuss, Rino Zepf, Andrea Löwl, Udo Lange
Laufzeit: 92 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 25.06.2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Eine halbe Ewigkeit ist es her, dass Volker Widmer, genannt „Saul“, als führendes RAF-Mitglied der zweiten Generation aktiv war. Damals war er an der missglückten Entführung des Bankpräsidenten von Seichfeld beteiligt, bei dem sowohl die Zielperson als auch sein Gärtner ums Leben kamen. Mehr noch. Widmer selbst soll die tödlichen Schüsse abgegeben haben. 22 Jahre hat er dafür im Freiburger Gefängnis eingesessen. Eine lange Zeit, die sicherlich manches verändert, aber doch nicht alles ungeschehen macht. Zu dieser Erkenntnis soll der Ex-Knacki schneller gelangen als ihm lieb sein kann. Denn wenngleich er nach seiner Entlassung in der Anonymität versinken möchte, die sich ihm durch die neue Wohnung bietet, wird er ganz unvermittelt mit der Vergangenheit konfrontiert.

Wie es das Schicksal so will, erfährt die junge Mutter Valerie, dass der ehemalige RAF-Terrorist entlassen wird und wo seine Anwältin ihn einzuquartieren gedenkt. Auch Valerie wird durch die Anwältin vertreten, nachdem sie ihren fünfjährigen Sohn krankenhausreif prügelte und ihr das Sorgerecht entzogen wird. Ein harter Schlag, der jedoch den Weg ebnet, Rache zu üben und eine 22 Jahre alte Rechnung zu begleichen. Die damalige Gärtnertochter und heutige Nachbarin des vermeidlichen Mörders will jedoch nichts überstürzen. Denn selbst wenn es ihr schwerfallen mag, soll zunächst geklärt sein, wer tatsächlich zur Waffe griff und den Vater in ihrem Beisein erschoss. War es „Saul“, oder doch seine Ex-Frau Marita, genannt „Pocke“? Welche Rolle spielt der Ermittler Decker, genannt „Fisch“ und was ist aus Widmers Sohn Samy geworden, den er mit Beginn der Haft im Alter von acht Jahren zurückließ? Wer sind die Täter? Und wer die Opfer? Fragen, deren Antworten tief in der Welt der Schatten verborgen liegen und die sich ihren Weg ins Licht erst noch bahnen müssen.

Die filmische Aufbereitung des deutschen Kapitels „RAF“ ist bereits mehrfach unternommen worden. Dabei haben sich die meisten Filme, wie zuletzt auch „Der Baader Meinhof Komplex“, mit dem Innenleben der Roten Armee Fraktion und den Ambitionen ihrer Mitglieder befasst. Filme über die Täter und ihre Taten. Im Fokus von Connie Walthers „Schattenwelt“ hingegen geht es um die Opfer. Weniger um die berühmten Toten, als um die in Vergessenheit geratenen Hinterbliebenen. Es geht nicht um die unmittelbare Auswirkung von Terror und Gewalt, sondern um die Frage, was nach Jahren davon bleibt und wie weit der Schatten einer Gewalttat fällt. Konsequent verzichtet die Regisseurin auf Rückblenden, welche die ursächliche Geschichte zu beleuchten vermögen, und bleibt stattdessen bei ihren Figuren im Jetzt und Hier. Eine Erzählweise, die sich positiv auf die Dramaturgie der Handlung und ihren Spannungsbogen auswirkt.

Ähnlich vorteilhaft wie der Verzicht auf die Flashbacks ist das Ausbleiben einer überflüssigen Liebesgeschichte, wie sie allzu häufig in die eigentliche Filmhandlung hineingeschrieben wird. So wird der Blick auf das intensive und aufwühlende Schauspiel der beiden Hauptdarsteller nicht unnötigerweise verklärt und die Dramatik ihrer jeweiligen Filmfigur bleibt in jeder Sekunde spürbar. Neben dieser beachtlichen Leistung können sich auch die durchweg überzeugenden Nebendarsteller behaupten. Von einer Eva Mattes hätte man allerdings gerne mehr gesehen.

Insgesamt ist Connie Walthers „Schattenwelt“ ein spannender und engagierter Beitrag zum „Mythos RAF“, der lediglich in seiner Optik aufgrund der enormen Farbreduzierung im wahrsten Sinne blass erscheint. Dieses wie auch das abrupte Ende bleiben Ausdruck künstlerischer Freiheit.

Gary Rohweder

 

Volker Widmer kommt aus dem Gefängnis. 22 Jahre musste er verbüßen. Er war Terrorist, tötete einen Menschen.

Er hat noch eine Rechnung offen. Denn seine Komplizin Marita setzte sich damals ab, lebt im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms unter anderem Namen. Widmer will sie unbedingt ausfindig machen. Er dürfte ihre Adresse eigentlich nicht erfahren, erhält sie von einer Anwältin aber doch. Maritas Sohn ist Samy, damals acht, heute 30. Der Vater: Widmer. Unzählige Briefe schrieb er während der Haft an seinen Sohn. Marita händigte keinen einzigen aus. Den letzten Brief will er Samy unbedingt selbst überreichen.

Die Haft hat bei Widmer Spuren hinterlassen. Er ist aufgeschreckt, aufbrausend, unsicher, ängstlich geworden.

Doch warum verfolgt seine Wohnungsnachbarin Valerie jeden seiner Schritte? Langsam stellt es sich heraus: Sie ist die Tochter eines Mannes, der damals getötet wurde, weil er Zeuge des terroristischen Angriffs auf das Hauptopfer war – ein „Kollateralschaden“. Valerie will endlich herausfinden, wie alles war, wer geschossen, wer ihren Vater getötet hat.

Sie ist noch heute traumatisiert. Ihren Buben Robbi behandelte sie deshalb so schlecht, dass man ihr das Sorgerecht entzog.

Rastlos verfolgt Valerie ihr Ziel, die Wahrheit unter „lauter Lügen“ herauszufinden. Dazu dringt sie schließlich sogar mit vorgehaltener Pistole ausgerechnet an deren Geburtstag bei Marita ein. Und auch Widmer zwingt sie zum Geständnis. Er war es, der seinerzeit ihren Vater „ausschalten“ musste, ihn ermordete. „Es war wie im Krieg, es war nicht geplant“, kann Widmer nur noch sagen.

Ihre letzte Sympathie für Volker Widmer ist jetzt dahin.

Da der Terrorismus ein gefährliches Phänomen unserer Zeit geworden ist, behält auch dieser Film eine gewisse Aktualität. Leben wurde ausgelöscht, etwas, was nie wieder gut zu machen ist. Die Täter blieben, in welchem mentalen Zustand auch immer, zurück. Doch was ist für die Opfer noch zu tun?

Valerie musste wohl so handeln, wie sie es tat. Etwas anderes als Gewissheit gewonnen zu haben, bleibt ihr allerdings nicht.

Nüchtern, in einer fast düsteren monochromen Farbgebung, in einer Stimmung, wie sie dem Thema angemessen erscheint, wird dies alles dargestellt. Eine „Schattenwelt“ im wahrsten Sinne des Wortes. Wie gesagt der Terrorismus ist heute gegenwärtig, der Kampf gegen ihn angesagt, doch auch seine Bewältigung ist wichtig. „Schattenwelt“ ist eine Facette in dieser Realität.

Franziska Petri ist eine unbeirrbare Valerie, Ulrich Noethen zeigt sein kaputtes Leben, Eva Mattes spielt die verdrückte Marita.

Thomas Engel