Schellen-Ursli

In der Schweiz fast so berühmt wie Heidi ist der „Schellen-Ursli“ genannte Junge, der mit seinen Eltern auf der Alm lebt und aufregende Abenteuer erlebt. In Xavier Kollers angenehm altmodischer Verfilmung wird die kurze Geschichte kinogerecht ausgebaut und zu einer moralischen Fabel um einen rebellischen Bub, seine Ziege und eine große Glocke.

Webseite: www.schellenursli.com

Schweiz 2015
Regie: Xavier Koller
Buch: Stefan Jäger & Xavier Koller, nach dem Kinderbuch von Selina Chrönz & Alois Carigiet
Darsteller: Jonas Hartmann, Marcus Signer, Leonardo Nigro, Tonia Maria Zindel, Peter Jecklin, Julia Jeker, Herbert Leiser, Sarah Sophia Meyer, Laurin Michael
Länge: 105 Minuten
Verleih: DCM
Kinostart: 25. Februar 2016
 

Auszeichnungen / Pressestimmen:

Ausgezeichnet im Rahmen des Internationalen Kinderfilmfestivals LUCAS mit dem ECFA-Award.

"…mit wunderschönen Bildern, die auch die begleitenden Erwachsenen mitten ins Herz treffen."
Brigitte

FILMKRITIK:

1945 veröffentlichten die Autorin Selina Chrönz und der Zeichner Alois Carigiet das Kinderbuch „Schellen-Ursli“, das von dem ländlichen Brauch des Chalandamarz inspiriert war. Am 1. März trieben die Kinder des Engadin mit lautem Glockengeläut den Winter aus, eine Tradition, bei der auch der junge Uorsin (Jonas Hartmann) immer vorne mit dabei ist. In der Almhütte seiner Eltern hängt zudem die größte Glocke der Region, die der Vater (Marcus Signer) einst zum Dank bekam, nachdem er vier Menschen aus einer Lawine befreite.

Zu Beginn von Xavier Kollers Neuverfilmung des Stoffs, die das kurze Kinderbuch deutlich erweitert, hütet Uorsin auf der Alm die Ziegen und freut sich des Lebens. Während der Vater große Käseräder herstellt, bereitet die Mutter (Tonia Maria Zindel) den bald anstehenden Abstieg ins Tal vor. Die Saison ist vorbei, der Winter naht, die Familien verlassen die Almhütten und mit ihnen die Freiheit der Natur. Doch diesmal passiert beim Abstieg ein Unglück: Der Wagen mit Heu und Käse stürzt in den Abgrund, die Käseräder scheinen verloren, die Familie vor dem finanziellen Ruin.

Im Tal kann der Dorfvorsteher Armon (Leonardo Nigro) dagegen sein Glück kaum fassen, als beim Angeln nicht die Forellen anbeißen, sondern plötzlich Käse auf ihn zuschwimmt. Statt den Fund seinem rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben, verkauft er den Käse selbst in seinem Krämerladen. Sein Sohn Roman (Laurin Michael) geht mit Uorsin in dieselbe Klasse der Dorfschule und buhlt um die Gunst der lieblichen Seraina (Julia Jeker), die zwar immer wieder versucht, Uorsin zu unterstützen, ihn dabei aber oft unwillentlich in die Bredouille bringt. Als schließlich der Chalandamarz naht und er nur eine kleine Schelle statt einer großen Glocke tragen darf, trifft Uorsin eine folgenschwere Entscheidung.

Nur äußerlich, nur angesichts der malerischen, erst sonnendurchfluteten, dann schneebedeckten Landschaft zeigt „Schellen-Ursli“ eine heile Welt. Denn so schön die Oberfläche, so kompliziert ist die Welt, in der Uorsin aufwächst, in der er mit seiner rebellischen, aufmüpfigen Art oft aneckt. Die Geschichte, die sich Xavier Koller und sein Co-Drehbuchautor Stefan Jäger ausgedacht haben, ähnelt mit ihrer Darstellung des Machtgefüges eines abgelegenen Dorfes, aus der Sicht eines Kindes betrachtet, einem zeitgenössischen Film wie „Sivas“. Um den Platz in der Gesellschaft geht es hier wie da, um die Macht eines Dorfvorstehers, der seine Position mit allen Mitteln verteidigt, dessen Willen sich sämtliche Bewohner fügen. Nicht gerne zwar, aber am Ende bleibt die Welt so wie sie ist, so wie sie schon lange war.

Im Gegensatz zum konsequent düsteren, skeptischen „Sivas“, in dem zwar Kinder die Hauptfiguren waren, der aber dennoch kein Kinderfilm war, strebt Koller einen Film für ein vor allem junges Publikum an. Was bedeutet: Am Ende siegt die Gerechtigkeit. So gefällig, wie sich das anhört, ist „Schellen-Ursli“ allerdings nicht. Im Kern folgt Koller der Moral der Vorlage und zeigt eine Welt, in der Handlungen oft unbeabsichtigte Konsequenzen haben, in der gut gemeinte Taten manchmal das Gegenteil bewirken. So malerisch die Oberfläche von „Schellen-Ursli“ oft wirkt, im Kern ist dieser Kinderfilm eine im besten Sinne moralische Geschichte.
 
Michael Meyns