Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien

Schreien, laut sein, provozieren: Das war für viele die Essenz von Christoph Schlingensief. Dass der vor zehn Jahren viel zu jung verstorbene Regisseur und Künstler mit zunehmender Bekanntheit auch immer häufiger nur als Pausenclown wahrgenommen wurde ist eine Tragik, die in Bettina Böhlers Porträt „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ mitschwingt, der sehr persönlichen Würdigung eines vielschichtigen, suchenden, streitbaren Menschen.

Website: www.schlingensief.com

Dokumentation
Deutschland 2020
Regie & Buch: Bettina Böhler
Länge: 124 Minuten
Verleih: Weltkino
Kinostart: 2. April 2020

FILMKRITIK:

Der Künstler in seinen eigenen Worten, könnte der Untertitel von Bettina Böhlers Montagefilm auch lauten. Während viele biographische Porträtfilme möglichst viele Wegbegleiter und Freunde des Porträtierten interviewen, je nach Sujet Wissenschaftler und Historiker befragen, die das Schaffen einordnen, wählt Böhler einen anderen Weg: Als erfahrene Editorin, die mit Christian Petzold, Valeska Griesbach oder Nicolette Krebitz zusammengearbeitet hat, aber auch etliche Filme von Christoph Schlingensief in Form brachte, liegt es wohl nahe, sich nicht an einen klassischen biographischen Film zu wagen, sondern sich in die Archive zu stürzen.

Ausschließlich auf Archivmaterial stützt Böhler sich in ihrer ersten langen Regiearbeit, hatte augenscheinlich Zugang zu praktisch allem was von und über Schlingensief gefilmt wurde – und das ist eine ganze Menge. Schon als Kind begann Schlingensief mit den Nachbarskindern eigene Filme zu drehen, schaffte es zwar nicht auf eine Filmschule, aber bald zur Berlinale, wo sein zweiter Film „Menü Total“ für erhebliche Verstörung und leere Kinos sorgte. Doch ab da lief es rund, mit enormem Tatendrang drehte Schlingensief einen Film nach dem anderen, wurde zur Ikone des Undergrounds und gerade im richtigen Moment für die Berliner Volksbühne entdeckt.

Hier konnte sich Schlingensief dank der großzügigen deutschen Kulturförderung austoben und immer aufwändigere, immer wütendere Projekte starten. Sei es der Aufruf, dass sich die sechs Millionen arbeitslosen Deutschen am Wolfgangsee, dem Urlaubsort Helmut Kohls, versammeln sollten, um in den See zu springen, sei es sein Big Brother-Container in Wien, in dem Österreicher die Möglichkeit hatten, Ausländer raus zu wählen, seien es TV-Shows oder sogar eine Wagner-Inszenierung. Schlingensief war ein Tausendsassa, der mit seinen Aktionen und Performances provozierte und aneckte.

Und der doch so klug war, wie vor allem in den Gesprächen mit Alexander Kluge deutlich wird, die Böhlers Film in dieser Form erst möglich machen. Im Gegensatz zu vielen anderen nimmt Kluge Schlingensief auch intellektuell ernst, aus diesen Gesprächen zitiert Böhler ausgiebig, sie bilden den roten Faden. In den zahlreichen Talkshows, in die Schlingensief mit zunehmendem Bekanntheitsgrad gerne eingeladen wurde, scheint er dagegen vor allem als etwas exzentrischer Pausenclown eingeladen worden zu sein, eine Rolle, die Schlingensief mit seiner unverblümten, direkten Art auch scheinbar passte. Das hinter dem Exzess, hinter der Provokation, ernste Anliegen lagen, Schlingensief Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit gerade auch für sozial schwächer Gestellte, aber auch Behinderte forderte, ging im Krawall dabei oft unter.

Eine gewisse Tragik haftet Böhlers Film dadurch an, der es mit seinem geschickt montierten Material immer wieder versteht, die Vielschichtigkeit Schlingensiefs anzudeuten. Erst seine ganz besondere Art machte Schlingensief so berühmt, aber genau diese Art machte es allzu leicht, die Substanz seiner Kunst zu übersehen. So oder so, der Verlust von Christoph Schlingensief, der mit nur 49 Jahren an Krebs starb, wiegt schwer. Ohne es aussprechen zu müssen, ohne dass es Freunde und Wegbegleiter direkt sagen, wird am Ende von Bettina Böhlers „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ überdeutlich: Er fehlt.

Michael Meyns