Score – Eine Geschichte der Filmmusik

Was Sie schon immer über Filmmusik wissen wollten: Wie kamen die berühmten ba-dam! ba-dam! ba-dam!“-Klänge in „Der Weiße Hai“? Warum benötigte der Komponist von „Mad Max“ sieben Monate für seine Arbeit? Derweil der Score zu „Chinatown“ in nur zehn Tagen entstand? Was ist das geniale Geheimnis der eigentlich sehr schlichten „Indiana Jones“-Melodie? Welchem glücklichen Zufall verdankt die 20th Century Fox ihr berühmtes Logo? Und warum schießen sich nervöse Komponisten zur Erfolgskontrolle heimlich in den Toiletten von Kinos ein? Statt drögem Wikipedia-Eintrag bietet diese Doku einen kurzweiligen Einblick in das Soundtrack-Geschäft. Mit aufschlussreichen Interviews, hübschen Anekdoten sowie einer eindrucksvollen Best-of-Parade berühmter Film-Ausschnitte. Da Capo!

Webseite: www.score-derfilm.de

USA 2017
Regie: Matt Schrader
Darsteller: David Newman, Hans Zimmer, Howard Shore, John Barry, Moby, Quincy Jones, Danny Elfman
Filmlänge: 93 Minuten
Verleih: NFP marketing & distribution
Vertrieb: Filmwelt Verleihagentur GmbH
Kinostart: 4.Januar 2018

FILMKRITIK:

„Spinnst du? Das ist ein ernster Film!“ meckert Steven Spielberg, als ihm John Williams seinen ersten Score-Vorschlag zu „Der Weiße Hai“ unterbreitet. Natürlich erkennt das Regie-Genie schnell die Qualität dieses musikalischen „ba-dam! ba-dam! ba-dam!“-Entwurfs seines nicht minder genialen Komponisten. Etwas unscharf sind jene Archivaufnahmen von diesem Gespräch, gleichwohl ein vergnüglich eindrucksvolles Zeitdokument. Später wird der junge Spielberg im altbackenen Zopfmotiv-Strickpullover mit Williams am Klavier noch vergnügt die berühmte „E.T.“-Melodie pfeifen, derweil der Film-Projektor dazu rattert – näher kann man am Objekt der dokumentarischen Begierde nicht sein!  
 
Die Doku von Matt Schrader versammelt das Who-is-Who der Soundtrack-Schöpfer. Zu den klingenden Namen der Klang-Koryphäen gehören Hans Zimmer, Quincy Jones, Rachel Portman, Howard Shore, John Barry, Moby, Quincy Jones, Alexandre Desplat oder Danny Elfman. Sie plaudern aktuell oder in Archivaufnahmen entspannt über ihre Arbeit, aber auch über ihre Ängste vor dem leeren Notenblatt. Dazu gibt es Auskünfte von Sudio-Managern, Filmhistorikern und sogar eine Neurowissenschaftlerin versucht dem Phänomen der Filmmusik auf die Spur zu kommen.
 
Mit einem cleveren Auftakt wird die Macht der Kino-Klänge eindrucksvoll vorgeführt: Schwarzes Bild und dann ertönt Bill Contis „Rocky“-Thema. „Wenn ‚Rocky’ erklingt, weiß jeder im Publikum sofort, was Sache ist!“, erläutert ein Experte. „Musik ist die Seele des Films“, schwärmt ein anderer.
 
Bereits die Brüder Lumière hatten die Vorzüge der musikalischen Begleitung erkannt, wie ein kleiner Ausflug in die Stummfilmzeit zeigt. Organisten spielten live an Kinoorgeln von Wurlitzer in den Lichtspielhäusern. Zum Meilenstein der Filmmusik gerieten 1932 Max Steiners Orchester-Klänge zu „King Kong“, die das Publikum erst so richtig in Angst versetzten. Zu jener Zeit komponierte Alfred Newman auch die Erkennungsmelodie für ein Studio-Logo. Bei Auftraggeber Goldwyn fand das wenig Anklang, erst Darryl Zanuck erkannte das Potential – und so ward die berühmte „Fox Fanfare“ geboren.
 
An akustischen Wiedererkennungseffekten herrscht kein Mangel in dieser Doku. Im Füllhorn von berühmten Filmausschnitten finden sich „Unheimliche Begegnungen der dritten Art“, „Der Herr der Ringe“. „Der rosarote Panther“, „James Bond“, „Zwei glorreiche Halunken“, „Vertigo“ und „Psycho“, „Harry Potter“, „Jurassic Park“ oder „Star Wars“. Natürlich darf in dieser Best-of-Parade auch „Indiana Jones“ nicht fehlen: „Das ist eine ganz einfache Notensequenz“, erklärt Komponist John Williams. „Aber ich habe sehr lange an diesem musikalischen Satzbau getüftelt, bis es so und nicht anders klingen musste.“ Viel Zeit benötigte auch Tom Holkenborg, bis er nach sieben Monaten schließlich die Klänge zu „Mad Max“ fertig hatte. Da war Jerry Goldsmith schneller, der seinen Score für „Chinatown“ in nur zehn Tagen ablieferte.   
 
Zeitdruck zählt zu den großen Hürden im Soundtrack-Geschäft. Trevor Rabin bekam bei seiner Arbeit für „Armageddon“ von Produzent Jerry Bruckheimer eigens eine Countdown-Uhr vorgesetzt, die er ständig vor Augen hatte. Für den mehrfachen Oscar-Preisträger Hans Zimmer gibt es gleichfalls nie Routine: „Ich habe keine Ahnung, wie ich das machen soll. Oh Gott!“ plaudert er über seine Angst vor dem leeren Notenblatt. Die Nervosität mancher Künstler reicht bisweilen bis nach der Premiere. „The Avengers“-Komponist Brian Tyler etwa schleicht sich im Kino in die Klo-Kabine und wartet gespannt, ob die Zuschauer nach der Vorführung seine Melodie summen: „Für mich ist das das ultimative Lob.“ Da hatte es Trevor Rabin einfacher: Er wurde in den TV-Nachrichten überrascht, als Barack Obama seine pompösen Klänge aus „Gegen jede Regel“ in der Nacht seines Wahltriumphs nutzte.
 
Neben solchen Anekdoten und Plaudereien der illustren Herrenrunde (Frauen haben in dieser Branche auffallend wenig zu melden!), gibt die Doku spannende Einblicke in das Handwerk. Wie entsteht aus den ersten Noten langsam der fertige Score? Was passiert bei den Aufnahmen mit den großen Orchestern? Welche Rolle haben die wiederkehrenden Motive, die helfen, der Story zu folgen? Der enormen Bedeutung des Soundtracks zollt James Cameron größten Respekt: „Jede andere Arbeit war umsonst, wenn die Musik nicht stimmt.“ zieht der Regisseur Bilanz. Ihm bleibt zum Abspann auch die Ehrung für den verstorbenen James Horner vorbehalten – mit einer wunderbaren Anekdote, wie verblüffend banal es zur berühmten Melodie von „Titanic“ kam.
 
Dieter Oßwald