Sea of Shadows – Der Kampf um das Kokain des Meeres

Ein Film mit Leonardo DiCaprio an Bord, dazu der Publikumspreis vom Sundance Film Festival – das ist keine schlechte Bilanz für einen Dokumentarfilm aus Österreich! Der Superstar aus Hollywood steuert seinen klingenden Namen werbewirksam als Executive Producer bei und erweist sich einmal mehr als Öko-Aktivist. Erzählt wird das Drama der Jagd auf den seltenen Totoaba-Fisch im Golf von Kalifornien. Dessen Schwimmblase werden Heilkräfte angedichtet, auf dem chinesischen Schwarzmarkt sind die Eingeweide wertvoller als Gold. Mexikanische Drogenkartelle und chinesische Mafia plündern das Meer ohne Rücksicht auf Verluste. Eine Gruppe Naturschützer leistet Widerstand. Das bewegende Öko-Drama zeigt erstmals Bewegtbilder des kleinsten Wals der Welt, dessen putziges Aussehen ihm den Titel „Panda der Meere“ verschaffte.

Webseite: www.camino-film.com/filme/seaofshadows/

Österreich, Australien, Deutschland, USA 2019
Regie: Richard Ladkani
Darsteller: Romel Eduardo Ledezma Abaroa, Rafael Pacchiano Alamán, Hector Capetillo
Filmlänge: 103 Minuten
Verleih: Camino Filmverleih GmbH
Kinostart: 23.Juli 2020

FILMKRITIK:

Der Auftakt dieser Doku erinnert an einen Thriller. Mit einer Drohen und Nachtsichtgeräten ausgestattet, spüren die Öko-Aktivisten an Bord der „Sea Sheperd“ eine Gruppe illegaler Fischer auf. Als die alarmierte mexikanische Marine anrückt, lassen die Wilderer ihre Beute zurück und machen sich hektisch auf die Flucht in ihren kleinen Booten. Die verbotene Jagd auf den seltenen Totoaba-Fisch verspricht enormen Profit: Gut 100.000 Dollar werden für eine einzige Schwimmblase auf dem chinesischen Schwarzmarkt gezahlt. Nicht umsonst wird der Totoaba als „Kokain des Meeres“ bezeichnet. Prompt mischen Drogenkartelle und Mafia massiv bei diesen Raubzügen mit. Auf der Gegenseite scheinen die mexikanischen Behörden allzu zögerlich gegen das kriminellen Treiben einzuschreiten. Deswegen hat sich eine Gruppe aus Journalisten und Umweltschützern gefunden, die Wilderer mit moderner Technik systematisch zu behindern und deren Netze zu zerstören. Der Kampf gegen die Kartelle gleicht freilich einem Kampf gegen Windmühlen.

Als gravierender Nebeneffekt der rigorosen Raubzüge der „Kokain-Fischer“ erweist sich, dass als Beifang viele andere Lebewesen der maritimen Wilderei zum Opfer fallen. Besonders dramatisch ist die Lage für den kalifornischen Schweinswal, auch Vaquita genannt, der massiv vom Aussterben bedroht ist und von dem es weniger als 30 Exemplare gibt. Lediglich das Umsiedeln in geschützte Gebiete scheint kurzfristige Abhilfe zu schaffen – doch das Rettungsprojekt für den kleinsten Wal der Welt scheint allem idealistischen Einsatz zum Trotz letztlich zum Scheitern verurteilt.

Im Stil der mit dem Oscar prämierten Doku „Die Bucht“ über das Abschlachten von Delfinen in Japan, erzählt der österreichische Dokumentarist Richard Ladkani sein Öko-Drama mit Thriller-Elementen. Der italienische Journalist Andrea Crosta, Mitbegründer der Earth League International (ELI), führt als Erzähler durch den Film. Er trifft sich mit Gewährsleuten, die mit verpixelten Gesichtern über Mafia-Verbindungen plaudern. Er zeigt 22 der wertvollen Schwimmblasen, die beim Schmuggel entdeckt wurden. Oder er unterhält sich mit einem Offizier über die offiziellen Maßnahmen der Behörden. Last not least schließt er sich mit seinem mexikanischen Kollegen, dem Star-TV-Moderator Carlos Loret de Mola zusammen, um die Missstände im Fernsehen öffentlich zu machen und eine wichtigen Drahtzieher, den „El Chapo der Totoaba“, zu entlarven.

Die Auftritte des Aktivisten und seiner Mitstreiter geraten bisweilen allzu aufdringlich, fast klischeehaft. Manche der Ermittlungsszenen fallen unnötig reißerisch auf, derweil die Botschaft nicht selten etwas plakativ daherkommt. Doch solche Macken ändern wenig am Mehrwert dieser Doku, die sich als packende Parabel um Kapitalismus, Kriminalität und Ökologie erweist. Der Publikumspreis von Sundance ist der beste Beweis, welchen Nerv dieser rigorose Tierfilm-Thriller trifft. Als Sahnehäubchen bekommen die Zuschauer die ersten Bewegtbilder des bedrohten Vaquita zu sehen: Mit Stupsnase samt großen, schwarz umrandetet Augen erinnert der kleinste Wal der Welt an eine Mischung aus Panda und Nemo

Fast als Happy End vermeldet der Nachspann, dass Behörden in Mexiko und China gleichermaßen Verhaftungen vorgenommen haben. Dass lokale Fischer mehr als 800 Fangnetze der Mafia zerstörten. Last not least ergaben DNA-Studien, dass die Population des Mini-Wals sich trotz der extrem geringen Zahl erholen könnte. „Es sind weniger als 15 Vaquita auf der Erde übrig geblieben“ lautet die letzte Botschaft an das Publikum.

Dieter Oßwald