Searching

Immer mehr Zeit verbringt der durchschnittliche Mensch vor Monitoren, in den so genannten sozialen Netzwerken, bei der virtuellen Kommunikation. Insofern ist es nur konsequent, dass das Kino diese Entwicklung aufgreift und Filme wie „Searching“ entstehen, die eine Thriller-Handlung ausschließlich über das erzählt, was auf Monitoren zu sehen ist.

Webseite: www.searching-film.de

USA 2018
Regie: Aneesh Chaganty
Buch: Aneesh Chaganty & Sev Ohanian
Darsteller: John Cho, Debra Messing, Joseph Lee, Michelle La, Sara Sohn, Roy Abramsohn, Brad Abrell
Länge: 102 Minuten
Verleih: Sony
Kinostart: 20. September 2018

FILMKRITIK:

Mit dem typischen, sanften Sound öffnet sich der Blick auf den Bildschirmhintergrund, den jeder Windows XP-Nutzer kennt: Eine grüne Landschaft, sanfte Hügel, ein blauer Himmel mit ein paar Wolken. In rasanter Montage sieht man nun, wie David Kim (John Cho) im Lauf der Jahre seinen Computer benutzt, immer neue, moderne Programme benutzt, für seine gerade geborene Tochter ein Facebook-Profil einrichtet, Fotos postet, sein und ihr Leben online teilt.
 
Schon dieser Prolog vermittelt einen gleichermaßen eindrucksvollen wie erschreckenden Eindruck von dem Einfluss, den Computer, das Internet, die sozialen Medien über unser Leben gewonnen haben, wie immer mehr Menschen alle Aspekte ihres Lebens mit tatsächlichen und nur virtuellen Freunden teilen, alles über sich preisgeben. Wirklich alles?
 
Wie sehr die virtuelle von der tatsächlichen Persönlichkeit abweichen kann ist das unterschwellige Thema von Aneesh Chagantys faszinierendem Film „Searching“, der auf dem Papier eine klassische Thriller-Geschichte erzählt: Eines Tages ist Margot (Michelle La), Davids Tochter, die er nach dem Tod der Mutter alleine aufzieht, nicht mehr erreichbar. Anfangs macht sich der Vater noch keine großen Sorgen, versucht sie via Messenger zu kontaktieren, spricht ihr auf die Mailbox, doch als sich Margot auch nach Stunden nicht meldet, beginnt aus der Sorge Gewissheit zu werden: Etwas muss passiert sein, Margot verunglückt, entführt oder Schlimmeres. Die Polizistin Rosemary Vick (Debra Messing) steht David zur Seite, sie ist auf Fälle verschwundener Jugendlicher spezialisiert, doch das reicht nicht: Immer intensiver recherchiert David in den für ihn oft neuen, kaum verständlichen Kommunikationswegen der Generation seiner Tochter und muss feststellen, dass er seine Tochter nicht wirklich gekannt hat.
 
Einige Filme sind in den letzten Jahren gedreht worden, die versuchen weitestgehend über Monitore zu erzählen: „Unfriended“, „Open Windows“ oder „Profile“ sind hier zu nennen, „Searching“ ist also Teil eines neuen Genres, dessen Bildsprache sich auf erstaunliche Weise entwickelt. Keinen starren Blick auf den Monitor wirft Aneesh Chaganty, sondern lässt die Kamera immer wieder über die Fenster von Messengern, Instagram, Facebook oder Google streifen, stellt so einzelne Informationen heraus, zoomt in Fotos hinein, um Details zu zeigen, bleibt aber dennoch dem Konzept treu, nur das zu zeigen, was auf einem Computer-Monitor zu sehen sein könnte.
 
Eigentlich sollte diese Erzählweise viel zu eingeschränkt sein, einem spannenden, komplexen Erzählfluss im Wege stehen, doch das ist nicht der Fall. Wie Chaganty mit den visuellen Möglichkeiten moderner Kommunikationsformen jongliert, ist bemerkenswert und lässt auch darüber hinwegsehen, dass die Thriller-Geschichte, die er erzählt, ein ums andere Mal ein wenig hölzern und übermäßig konstruiert daherkommt. Was gestört hätte, wenn sie auf konventionelle Weise erzählt worden wäre, was jedoch weit weniger ins Gewicht fällt, da die visuelle Umsetzung von „Searching“ so eklatant aufzeigt, wie sehr sich das Leben inzwischen schon online abspielt. Vor allem aber, wie groß die Diskrepanz zwischen online und realer Persönlichkeit sein kann, wie sehr das Internet dazu verleitet, sich Illusionen hinzugeben und sich hinter ihnen zu verstecken.
 
Michael Meyns