Sein letztes Rennen

Als „Didi“ wurde Dieter Hallervorden zur Kult-Figur, nicht nur im Fernsehen auch im Kino lockte er als schusselige Ulknudel ein Millionenpublikum. Die Witzfigur hat Hallervorden zwar vor über zwanzig Jahren abgelegt, aber das „Nonstop Nonsens“-Image scheint unkaputtbar. Nun tritt „Grimme“-Preisträger Kilian Riedhof den Gegenbeweis an. Er engagiert Hallervorden für seine bewegende Tragikomödie als Marathon-Mann, der mit allen Mitteln dem Schicksal Altersheim davon laufen will. Es wäre ein schlechter Witz, würde Hallervorden für seine famose Reifeprüfung mit 77 Jahren nicht mit Schauspiel-Preisen bedacht.

Webseite: www.sein-letztes-rennen.de

D 2013
Regie: Kilian Riedhof
Darsteller: Dieter Hallervorden, Tatja Seibt, Heike Makatsch, Katharina Lorenz, Otto Mellies,
Heinz W. Krückeberg, Frederick Lau, Katrin Sass
Filmlänge: 114 Minuten
Verleih: Universum
Kinostart: 10.10. 2013

PRESSESTIMMEN:

"Ein schöner, kluger Film, ganz rührend zuweilen und sehr zielstrebig."
Süddeutsche Zeitung

"In seinem neuen Kinofilm rührt Dieter "Didi" Hallervorden als gealterter Marathonläufer zu Tränen. …ein ernster, stimmungsvoller Spielfilm, dem eine wunderbare Balance zwischen Ernst und Komik."
NDR KulturJournal

"…ein wunderschöner, rührender Auftritt für Dieter Hallervorden."
Süddeutsche Zeitung

"Hallervorden darf endlich mal mehr als blödeln und wächst fulminant über sich selbst hinaus. Dieser Film macht mainstreamtauglich einen alten Menschen zum Helden, was im deutschen Film längst mal fällig war."
Stern

FILMKRITIK:

„Dieser Film hat mit Didi so viel zu tun wie ein Kuhstall mit einem Konzerthaus“ witzelte Hallervorden bei den Dreharbeiten. Der Komiker meint das absolut ernst und spricht von der „wichtigsten Rolle meines Lebens“. Dass er viel mehr kann als „Palim Palim“- oder „Kuh Elsa“-Sketche, wollten die Deutschen jahrzehntelang einfach nicht glauben. Dabei hat Hallervorden im grandios perfiden Thriller „Springteufel“ einst einen der besten Psychopathen aller Zeiten gegeben. Von seinem Auftritt als grandios rigoroser Killer im „Millionenspiel“ von Wolfgang Menge ganz zu schweigen. Mit 77 Jahren endlich kann der Schauspieler nun nochmals alle Register ziehen und beweisen, dass er mehr als den Didi-Trottel aus „Nonstop Nonsens“ zu bieten hat.

Mit der gemütlichen Rentner-Idylle des Ehepaars Averhoff ist es aus heiterem Himmel vorbei. Während Paul im Garten werkelt, deckt Gattin Margot den Tisch. Doch mit dem Essen wird es nichts. Margot erleidet einen Schwächeanfall. Fortan wird sie den Haushalt nicht mehr so führen können wie früher. Von Tochter Birgit ist auf Dauer wenig Hilfe zu erwarten, sie fliegt als Stewardess um die Welt So bleibt dem betagten Paar nur eine Lösung: Endstation Altersheim. Für den agilen Paul gerät die neue Umgebung schnell zur Qual. Kastanienmännchen soll er basteln, wie ein kleines Kind. „Und irgendwann hat man sich tot gebastelt“ kommentiert er die missliche Lage.

Während die anderen Senioren sich in ihr Schicksal fügen, plant Paul den Aufstand. Einmal noch in seinem Leben will er es wissen. Anno 1956 hatte er als Marathonläufer olympisches Gold geholt und ist zur Sport-Legende geworden. Den Erfolg von einst will er wiederholen und meldet sich als Läufer beim Berlin Marathon an. Die anderen Senioren reagieren zunächst mit Spott, die Heimleitung mit Skepsis und seine Ehefrau mit großen Zweifeln. Schließlich lässt Margot sich aber doch überreden, ganz so wie damals das Training zu übernehmen. Täglich dreht Paul seine Runden im Park. Als er den Pfleger Tobias zum Wettrennen herausfordert kommt neues Leben in das Altenheim. Die anderen Bewohner haben entdeckt, welch berühmter Champion unter ihnen weilt – und dessen Energie wirkt ansteckend auf alle. Diverse Niederlagen und Schicksalsschläge bleiben nicht aus, doch Paule gibt nicht auf. Er will seinen Traum verwirklichen. Er läuft und läuft und läuft. Und irgendwann ist er der Zieleinlauf im Olympiastadion zum Greifen nahe.

Welches Zuschauerpotenzial in Filmen über ältere Menschen steckt, haben zuletzt „Und wenn wir alle zusammenziehen?”, „Best Exotic Marigold Hotel” oder „Bis zum Horizont, dann links!“ erfolgreich gezeigt. Dass würdelose Zustände in hiesigen Altersheimen durchaus als Kulisse für eine Komödie dienen können, beweist Grimme-Preisträgers Kilian Riedhof („Homevideo“) mit einem Kinodebüt, das gekonnt die Balance aus Nachdenklichkeit und befreiender Komik hält. Da gibt es die biestige, profitorientierte Heimleiterin ebenso wie den jungen, idealistischen Pfleger – Katrin Sass und Frederick Lau erweisen sich dafür als Idealbesetzung. Das Figurenkabinett der Senioren kann sich gleichfalls sehen lassen. Die Mischung reicht vom sturen Spießer über die schrullige Chaotin bis zu jener eleganten Dame, die von ihrem Sohn erst dann Besuch bekommt, nachdem sie ihm, leicht beschwipst, Nazi-Lieder auf den Anrufbeantworter trällert: „Die hat ihr Leben lang doch SPD gewählt, wie konnte das geschehen?“ verlangt der verdutzte Nachwuchs Auskunft zum Stimmungswandel im Seniorenheim. Die Tochter von Paul (Heike Makatsch) hat ebenfalls Probleme mit den emsigen Aktivitäten ihres Vaters, erst recht als der spontan bei ihr einzieht und ihr Leben durcheinanderwirbelt.

So angenehm apart die Nebenfiguren ausfallen und kurzweilige Kontrapunkte bieten, die Hauptlast liegt klar bei Hallervorden. Er gibt den liebenswerten Sturkopf Paul mit unaufdringlichem Charme, lässt ihn gekonnt zwischen Verzagtheit, Hoffnung und Triumph pendeln. Auf den bekannten „Öhm-Öhm-Öhm“-Slang verzichtet er, lediglich beim Kastanienbasteln blitzt kurz der alte Didi durch. Im Seniorensport-Outfit mit kurzer Hose, weißem Trägerhemdchen, bis zur Wade hochgezogenen Strümpfen sowie blauem Stirnband erscheint des Dieters neue Seriosität optisch zwar nicht ganz unkomisch, doch der Schauspieler meint es ernst – und er macht seine Sache brillant. Nicht nur „Kuh Elsa“-Fans werden staunen!

Dieter Oßwald