Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes

Der beste deutsche Film der diesjährigen Berlinale lief nicht etwa im großen Wettbewerb, sondern in der Sektion Perspektive Deutsches Kino, wo der junge Filmemacher Julian Radlmair seinen neuen Film „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ vorstellte. Der ist mit seinem skurrilen, selbstironischen Humor zwar ein Nischenprodukt, aber ein besonders originelles.

Webseite: grandfilm.de

Deutschland 2016
Regie & Buch: Julian Radlmair
Darsteller: Julian Radlmair, Deragh Campbell, Beniamin Forti, Kyung-Taek Lie, Ilia Korkashvili, Zurab Rtveliasvili
Länge: 99 Minuten
Verleih: grandfilm
Kinostart: 8. Juni 2017

FILMKRITIK:

Julian (Julian Radlmair) ist angehender Filmemacher, natürlich in Berlin, der mit den alltäglichen Problemen von jungen, noch nicht etablierten Filmschaffenden in Deutschland zu kämpfen hat: Er hat Probleme mit der Finanzierung seines neuen Projektes. Die Filmförderung gibt kein Geld und so sieht sich Julian genötigt, einen Job als Erntehelfer anzunehmen. Doch ganz der Kreative macht er aus der Not eine Tugend, zumal er ein schüchternes Auge auf die liebreizende Kanadierin Camille (Deragh Campbell) geworfen hat, die wie so viele Expats in Berlin ihr Zelt aufgeschlagen hat: Er behauptet kurzerhand, der Job sei Recherche für seinen nächsten Film, der die Arbeitsbedingungen in einer quasi kommunistischen Gemeinschaft zum Thema haben soll – und verspricht Camille die Hauptrolle.
 
So verbringt das Duo zusammen mit anderen merkwürdigen Gestalten – einem Vietnamesen namens Hong, was bezeichnenderweise Ho ausgesprochen wird, diversen polnischen Erntehelfern und Berliner Hipstern – den Sommer auf einer Apfelplantage in Brandenburg, wo die Träume vom filmischen und kommunistischen Kollektiv mit der Realität kollidieren.
 
Ein neuer Geist weht durch das deutsche Kino, der sich langsam zu einer neuen Schule entwickelt. Junge Regisseure wie Max Linz, Roman Zürcher oder nun Julian Radlmaier, die meist an Berliner Filmhochschulen studiert haben, legen erste Filme vor, die sich in vielerlei Hinsicht von dem unterscheiden, was einst als „Berliner Schule“ bekannt war. Betont ernst nahmen sich jene Filme, verhandelten bedeutsame Fragen in oft asketisch anmutenden Bildern und wirkten oft so, als wollten sie alles, nur nicht leicht und humorvoll sein.
 
Ganz anders die junge Garde, deren Filme vor Witz und Originalität sprühen, was nun allerdings nicht heißt, dass ihre Filme oberflächlich wären. Max Linz thematisierte in „Ich will mich nicht künstlich aufregen“ etwa die Entwicklungen auf dem (Berliner) Wohnungsmarkt und die Fallstricke der Subventionspolitik. Nicht nur thematisch ähnelt er dadurch Julian Radlmairs Film, auch stilistisch wählen beide Regisseure meist starre, betont einfache, aber doch durchdachte Kompositionen. Die bei Radlmair durch die Wahl des klassischen 4:3 Formats zusätzlich an das klassische Kino erinnern, womit wiederum der Bogen zum russischen Stummfilm angedeutet wird. Und damit zu den Ideen und Idealen des Kommunismus, die sich angesichts der zunehmend offensichtlich werdenden Probleme des Konsumkapitalismus neuer Beliebtheit erfreuen.
 
Doch Radlmaiers Film ist keineswegs ein unreflektiertes Plädoyer für das Leben in der Kommune und einer Rückkehr zu Produktionsgenossenschaften. Das Schöne an „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ ist die Selbstironie mit der Radlmaier sich und die Welt, in der er sich bewegt, zeigt. Präzise skizziert er das Berliner Hipsterleben, meist junge Menschen aus aller Welt, die irgendwie im Kunstbereich aktiv sind, mit allerlei Projekten jonglieren und sich allzu oft furchtbar ernst nehmen. Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen ist Radlmaier augenscheinlich bewusst, in welch privilegierter Blase er sich bewegt und ist reflektiert genug, sich und seine Generation mit liebevoller Selbstironie zu porträtieren.
 
Michael Meyns