Señora Teresas Aufbruch in ein neues Leben

Für ihren Auftritt in „Gloria“ gewann die Chilenin Paulina Garcia 2013 den Silbernen Bären der Berlinale. Nun spielt sie an der Seite des Argentiniers Claudio Rissi in einem Selbstfindungsdrama, das ganz auf darstellerische Feinheiten abzielt. „Señora Teresas Aufbruch in ein neues Leben“ der Regisseurinnen Cecilia Atán und Valeria Pivato handelt vom zufälligen Roadtrip einer orientierungslosen 54-Jährigen und wartet mit hübschen Bildern des argentinischen Hinterlands auf.

Webseite: www.arsenalfilm.de

OT: La Novia del Desierto
Argentinien, Chile 2017
Regie: Cecilia Atán, Valeria Pivato
Drehbuch: Cecilia Atán, Valeria Pivato, Martín Salinas
Darsteller/innen: Paulina García, Claudio Rissi
Laufzeit: 78 Min.
Verleih: Arsenal Filmverleih
Kinostart: 30. November 2017

FILMKRITIK:

Nach drei Jahrzehnten verliert Teresa (Paulina Garcia) ihren Job als Haushälterin in Buenos Aires, weil der Sohn der Familie das Haus verlässt. Um eine neue Anstellung anzutreten, nimmt Teresa einen Bus ins rund 1000 Kilometer entfernte San Juan und bleibt unterwegs in einem abgelegenen Bergdorf stecken. Als sie auch noch ihre Tasche im Wohnmobil des Straßenhändlers „Gringo“ (Claudio Rissi) vergisst, beginnt tags drauf eine Rundfahrt durch die umliegende argentinische Wüste, da Gringo die Tasche in einem seiner Außenlager vermutet. Im Verlauf der Suche wandelt sich die Zufallsbekanntschaft zur schicksalhaften Begegnung.
 
Der Originaltitel „La Novia del Desierto“ – die Braut der Wüste – liefert einen Hinweis darauf, dass der Schauplatz in der argentinischen Wüste eine besondere Rolle spielt. Cecilia Atán und Valeria Pivato nutzen weitwinklige Landschaftstotalen als Stilelement, das die Figuren wie verloren im weiten Land erscheinen lässt. „Wir sind wie zwei Kieselsteine auf der Straße,“ meint Gringo einmal, was die visuelle Strategie des Films auch auf der Dialogebene ausdrückt. Zu den Panoramen gesellen sich halbnahe und nahe Aufnahmen, die mitunter auffällig verschwommen ausfallen. Wiederholt belässt Kameramann Sergio Armstrong („La Nana – Die Perle“) handelnde oder sprechende Personen in der Unschärfe, ohne dass dies erzählerisch motiviert ist. Die technischen Unvollkommenheiten stören die emotionale Wirkung aber kaum.
 
Sehr entscheidend für das Gelingen des Dramas ist das harmonische Zusammenspiel der Hauptdarsteller Paulina Garcia und Claudio Rissi, die ihr schwerfälliges Kennenlernen und die langsam aufschimmernde Romanze glaubhaft darstellen. Der Fokus liegt auf Teresa, deren Vorgeschichte in knappen Rückblenden aufgerollt wird. Anfangs wirkt die Mittfünfzigerin so verschlossen und traurig, dass es schon als große Geste erscheint, wenn sie ihre Haare nach einer Weile offen trägt. Solche und andere Feinheiten konturieren das nuancenreiche Spiel von Paulina Garcia, die das Selbstfindungsdrama im Innersten zusammenhält.
 
Christian Horn

Für ihren umwerfenden Auftritt in „Gloria“ bekam Pauline Garcia vor vier Jahren auf der Berlinale den Silbernen Bären als Beste Darstellerin. In Cannes stellte die Chilenin nun abermals ihr Talent unter Beweis. In der minimalistischen Lovestory gibt sie eine verzweifelte Heldin, die bei einer Reise durch die Wüste ihre Tasche samt aller Habseligkeiten verliert. Ein fahrender Händler bietet spontan seine Hilfe an. Die gemeinsame Suche gerät zum Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Die charmante Road-Movie-Romanze lebt von leisen Tönen, hübschen Bildern sowie einem leinwandpräsenten Duo, das in der Wüste sein Leben und die Liebe neu entdeckt. An solch entschleunigter Erzählweise hätte vermutlich auch Jim Jarmusch sein entspanntes Vergnügen.

„Wenn Du glaubst es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her“ – solch optimistische Philosophie gehörte bislang kaum zur Lebenserfahrung der 54-Jährigen Teresa (Pauline Garcia). Brav und ohne Murren  hat sie sich stets in ihr Schicksal gefügt. Nachdem sie plötzlich ihren langjährigen Arbeitsplatz als Hauswirtschafterin verliert, begibt sie sich klaglos zu einem neuen Job ins weit entfernte San Jose. Doch ihr Bus hat mitten in der Wüste eine Panne. Im nächsten Dorf erfahren die Reisenden, dass die Weiterfahrt erst am nächsten Tag erfolgen wird. Auf der Suche nach einem Telefon gerät Teresa in die Hände des aufdringlichen El Gringo (Claudio Rissi), einem fliegenden Händler, der ihr ein Kleid aufschwatzen will. Widerwillig lässt sich die Gestrandete zur Anprobe im Caravan des Verkäufers überreden. Ein plötzlich aufkommender Sturm sorgt für großes Chaos auf dem kleinen Markt. Kaum hat die Kundin den Caravan verlassen, fährt der Händler hektisch davon. Zu spät bemerkt Teresa, dass sie ihre Reisetasche mit sämtlichen Wertsachen im Fahrzeug vergessen hat.
 
Nach einer Nacht auf einer unbequemen Bank macht sich die mittellose Frau auf die Suche nach dem Verkäufer. Eine kleine Odyssee beginnt, die am Ende tatsächlich zu dem Caravan führt. Doch von der Tasche fehlt jede Spur. In der verzweifelten Lage erweist sich El Gringo als echter Gentleman. Er bietet an, gemeinsam all seine Verkaufsorte vom Vortag abzuklappern, vielleicht geriet die Tasche beim Ausladen unbemerkt in seine Ware. Zögernd ergreift Teresa den Strohhalm, ihre Habseligkeiten wieder zu finden. Die Suche beginnt mit einer Serie von Misserfolgen, dafür kommt sich das Duo bei diesem Road-Trip durch die Wüste langsam immer näher. Dann allerdings sorgt eine Überraschung für eine neue Wendung der aufblühenden Lovestory.
 
Die Regisseurinnen Atán und Pivato gönnen sich bei ihrem Spielfilm-Debüt den Luxus des ruhigen Erzählens und behutsamen Beobachtens. Trotz solcher Langsamkeit kommt keine Langeweile auf, kleine Überraschungen halten die Dramaturgie ständig in Schwung. Sei es durch Teresas Begegnungen mit Fremden, bei denen die schüchterne Heldin regelrecht aufblüht. Oder mit Rückblenden, bei denen wenige Federstrichen ihr Psychogramm skizzieren: Für das liebevolle Verhältnis zum erwachsenen Sohn etwa genügt es, dass sie ihn zum Abschied an den Türrahmen stellt, um wie in Kindheitstagen mit einem Bleistift seine Größe zu markieren.
 
Wie schon in „Gloria“, gelingt es Pauline Garcia, ihre Figur mit kleinen Gesten glaubhaft großes Leben einzuhauchen. Wenige Blicke genügen, um die Gefühle dieser verschlossenen Frau zu vermitteln. Widrigkeiten des Lebens erträgt sie stets klaglos mit stoischer Ruhe. Umgekehrt werden auch die neuen Glücksmomente zunächst mit leiser Bescheidenheit quittiert. Und plötzlich blüht diese Heldin auf wie das berühmte Blumenmeer der Atacama-Wüste.
 
Visuell vermag das weibliche Regie-Duo gleichfalls zu überzeugen. Jene Parkbank, auf der Teresa die Nacht verbringt, steht vor einem fast surreal wirkenden roten Gebäude mit riesengroßer Toiletten-Aufschrift. Als sie den Verkäufer ausfindig macht, wirkt die Totale wie der Showdown eines Widescreen-Western. Das intime Gespräch das Pärchens in einer Bar mit rotem Fensterrahmen erinnert an ein Gemälde von Edward Hopper. Last not least gibt es zum verblüffenden Schluss noch einen Heiligenschrein der ganz besonderen Art – Olé!
 
Dieter Oßwald