Séraphine

Der große Gewinner der diesjährigen César-Verleihung (dem französischen Oscar) kommt nun in Deutschland in die Kinos. Yolande Moreau brilliert in der Titelrolle als Séraphine Louis, französische Malerin, die sich als Putzfrau verdingt und vom deutschen Kunstsammler Wilhelm Uhde entdeckt wird. Ein ruhiger, sehenswerter biographischer Film.

Ausgezeichnet mit 7 Césars:
Beste Hauptdarstellerin, Bester Film, Bestes Drehbuch, Beste Kamera, Beste Kostüme, Beste Ausstattung, Beste Musik

Webseite: www.arsenalfilm.de

Frankreich 2008
Regie: Martin Provost
Drehbuch: Martin Provost, Marc Abdelnour
Darsteller: Yolande Moreau, Ulrich Tukur, Anne Bennent, Genevièe Mnich, Nico Rogner, Adélaide Leroux, Serge Larivière
Verleih: Arsenal Filmverleih
Kinostart: 17. Dezember 2009
125 Minuten
 

PRESSESTIMMEN:

…erzählt in einer Klarheit und stillen Schönheit, die so verzaubert wie das eindringliche Spiel seiner Hauptdarstellerin Yolande Moreau. Ein Kunstwerk, in vielerlei Hinsicht.
STERN

FILMKRITIK:

In vielen Überblicksdarstellungen der Kunstgeschichte sucht man vergeblich nach dem Namen Séraphine Louis. Sie ist eine Randfigur mit tragischem Leben und als solche prinzipiell interessant für das Kino. Der in diesem Jahr mit sieben Césars – darunter die Preise für den besten Film und die beste Hauptdarstellerin – ausgezeichnete Film folgt den bekannten Fakten des Lebens Séraphines, bedient sich eines distanzierten Stils und verzichtet weitestgehend auf eine unnötige Dramatisierung eines ohnehin schon dramatischen Stoffes.

In der Hauptrolle kann man sich niemand anderes als Yolande Moreau vorstellen, die das zwischen Naivität und Wunderlichkeit wechselnde Gesicht einer Einsiedlerin hat, die abseits der Gesellschaft ein karges Dasein fristet. Zu Beginn sieht man nur den Broterwerb von Séraphine, sieht, wie sie Wäsche wäscht und putzt, sich von wohlhabenden Hausherrinnen zurechtstutzen lässt, ihren kargen Lohn zwei Mal zählt, ganz in ihrer eigenen Welt versunken ist. Beim Metzger lässt sie eine Kanüle Blut mitgehen, in der Kirche bedient sie sich nach einer Bekreuzigung beim flüssigen Kerzenwachs und dann sieht man wozu sie diese Zutaten braucht. Des Nachts, in einer kleinen Kammer mischt sie, wie eine Hexenmeisterin vor dem Altar hockend, Farben, mit denen sie kleine Holzbretter bemalt.

Natürlich nimmt niemand sie und ihre Malerei für voll, bis der in das Dorf gezogene deutsche Kunstsammler Wilhelm Uhde (Ulrich Tukur) eines der Bilder Séraphines zu Gesicht bekommt. Sofort ist er vom Talent der Putzfrau begeistert und beginnt sie zu fördern. Doch immer wieder kommt das Schicksal in den Weg und verhindert den breiten Erfolg, den Séraphine sonst vielleicht gehabt hätte. Zunächst ist es der Erste Weltkrieg, der den Deutschen dazu zwingt Frankreich zu verlassen, später, nach seiner Rückkehr in die französische Provinz, verhindert die Weltwirtschaftskrise, das Séraphine die Einzelausstellung bekommt, die ihr Uhde stets versprochen hatte. Kurze Zeit später landet die stets etwas wunderliche Séraphine in der Nervenheilanstalt und wird nie wieder malen.

Ganz zurückhaltend inszeniert Martin Provost, der bislang als Regisseur nicht aufgefallen war, diese Geschichte, entzieht sich jeglicher Wertung des Verhaltens Uhde, doch wo seine Sympathien liegen ist nicht zu übersehen. Er macht aus Séraphine ein verkanntes Genie, deren Brillanz von ihren Mitmenschen nicht erkannt wird, die mit ihrer naiv genannten Malerei der Zeit voraus war. Bisweilen etwas schlicht werden hier die Welten der reichen Oberschicht und die Armut Séraphines kontrastiert, ihre improvisierten Farbmischtechniken, ihr autodidaktischer Stil verklärt. Das hätte es gar nicht bedurft, denn die Geschichte eines solch unerklärlichen Talentes, das sich zudem in einer einfachen Frau aus dem Volk manifestiert ist eine ideale Geschichte fürs Kino. Mit seiner dezenten Zurückhaltung und seinen exzellenten Darstellerin macht „Séraphine“ genau das richtige aus dieser bemerkenswerten Lebensgeschichte.

Michael Meyns

Anfang des 20. Jahrhunderts, Senlis, französische Provinz. Dort lebt Séraphine. Sie macht bei den Leuten sauber, führt den Haushalt, ist für Besorgungen zuständig. Sie lebt in einer ärmlichen Behausung sehr bescheiden.

Das ist ihr eines Leben. Sie hat noch ein anderes. Sie malt. Hochbegabt ist sie. Ihre Farben und das übrige Material beschafft sie sich heimlich. „Was würden die Leute sagen!“ Blumen, Naturbilder, naive Malerei – das ist die Welt der Séraphine.

Der deutsche Kunstsammler und Kunstkritiker Wilhelm Uhde zieht nach Senlis. Er will hier in Ruhe arbeiten. Er ist verschlossen, eigenbrötlerisch, homosexuell, gescheit.

Durch Zufall entdeckt er ein Bild von Séraphine. Er erkennt das halbgeniale Talent. Von nun an fördert er die Frau.

Der Erste Weltkrieg bricht aus. Uhde verlässt Frankreich. Séraphine ist wieder allein, auf sich selbst gestellt, vergessen. Aber sie malt. Und zwar wunderbare Bilder.

Nach Jahren kehrt Uhde zurück. Sein Verhalten gegenüber Séraphine war in letzter Zeit eher schäbig, unkorrekt. Aber er rafft sich wieder auf, besucht die Malerin, setzt sich für sie ein. Jetzt hat Séraphine es geschafft.

Sie lebt sogar in Saus und Braus. Uhde dagegen verliert offenbar viel Geld in der damaligen Wirtschaftskrise (Ende der 20er Jahre). Es kommt zu Unstimmigkeiten.

Doch noch etwas viel Schlimmeres taucht am Horizont auf. Séraphine, schon immer mit religiösen Wahnvorstellungen lebend und sich einbildend, Engel hätten ihr den Auftrag zum Malen gegeben, gerät immer mehr in den Sog zwischen Genie und Wahnsinn. Sie endet im Irrenhaus.

Von Uhde organisierte Ausstellungen ihrer Gemälde folgen.

Personenzeichnung, Lebensschilderung, Umfelddarstellung, Regie und Ausstattung, so ziemlich alles ist hier exzellent gelungen. Yolande Moreau als Séraphine spielt diesen Charakter, wie man ihn nicht besser hätte spielen können. Ein Bravourstück! Ulrich Tukur als Uhde bietet ihr bestens Paroli. Ein rundum geschlossenes Werk – abgesehen davon, dass man einiges über eine Malerin erfährt, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten zu sein scheint.

Für den Film gab es denn auch nicht weniger als sieben „Césars“: Beste Hauptdarstellerin, Bester Film, Bestes Drehbuch, Beste Regie, Beste Kostüme, Beste Ausstattung, Beste Musik. Was will man mehr?

Thomas Engel