Shame

In seiner eindringlichen Psychostudie „Shame“ über Beziehungsunfähigkeit und Einsamkeit zeigt Videokünstler Steve McQueen beunruhigend, wie sich ein Mensch, gefangen in seiner Sexualität, haltlos verliert. Brillant verkörpert der deutsch-irische Schauspieler Michael Fassbender dabei einen New Yorker Großstadthelden, der ständig nach der schnellen Befriedigung giert. Nicht umsonst wurde der 34jährige Charakterdarsteller mit der nonchalanten Ausstrahlung eines Gentlemans dafür auf dem Filmfest Venedig mit der Coppa Volpi als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet und bereits als Oscar-Kandidat gehandelt.

Webseite: www.prokino.de

USA, UK 2011
Regie: Steve McQueen
Drehbuch: Abi Morgan, Steve McQueen
Darsteller: Michael Fassbender, Carey Mulligan, James Badge Dale, Nicole Beharie, Hannah Ware, Amy Hargreaves
Länge: 101 Minuten
Verleih: Prokino Filmverleih
Kinostart: 1. März 2012

PRESSESTIMMEN:

Ein erfolgreicher New Yorker versucht sich mit manischem Sexualverhalten von seiner leeren Existenz abzulenken. An Intensität kaum zu überbietender filmischer Fiebertraum, der einen schwer wieder loslässt. Einer der besten Filme der jüngeren Zeit.
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Wenn jemand aus der bildenden Kunst ins Filmfach wechselt, kommen nicht selten überfrachtete Filme heraus. Nicht so bei dem britischen Quereinsteiger und Turner-Preisträger Steve Mc Queen. Bereits sein Regiedebüt „Hunger“ über den Hungerstreik des IRA-Aktivisten Bobby Sands war unglaublich fesselnd. Für seinen Hauptdarsteller Michael Fassbender bedeutete das klaustrophobische Kammerspiel, das die Qualen der Haft und den unbedingten Willen der Gefangenen weiterzumachen beinahe wortlos erzählt, eine körperliche Tour de Force. Diesmal zeigt der britische Regisseur seinen Helden zwar in Freiheit. Das Gefängnis für Körper und Seele heißt jetzt jedoch: Zwanghafte Sexualität, die ihn fast zerstört. Formale Kühnheiten, wie die sehr lange Gesprächsszene in „Hunger“ versagte sich McQueen. Sein Vertrauen zu Fassbenders grandioser Schauspielleistung ist freilich erneut mehr als gerechtfertigt.

Der 30jährige Brandon (Michael Fassbender) wirkt nach außen hin erfolgreich. Willkürlich verführt der attraktive New Yorker Yuppie wahllos Frauen. Da er keine emotionale Nähe aushält flüchtet er in schnellen Sex mit Unbekannten, kauft sich Prostituierte, konsumiert Internetpornos. Um seine Sucht loszuwerden joggt der einsame Midnight Cowboy verzweifelt durch die nächtliche Stadt. Vergeblich. Seine harten Wutausbrüche richten sich gegen seine jüngere Schwester (Carey Mulligan), die sich bei ihm einquartiert. Er hasst es, dass sie ihre Schwächen zeigt, glaubt an ihrer Zuneigung zu ersticken. Als sie in einer Bar eine traumhaft traurige Version von „New York, New York“ singt, durchbricht sie für einen Moment seinen emotionalen Panzer.

„Ich fühle mich wohl in meiner Haut“, sagt Fassbender. „Deshalb macht es mir nichts aus, beim Sex in ,Shame’ hässlich auszusehen.“ Der 34jährige liest Drehbücher wieder und wieder, bereitet sich akribisch vor – um sich dann in die Rolle wie in ein Extremabenteuer zu stürzen. Nicht zuletzt deshalb gilt der Deutsch-Ire als große Hoffnung unter den Charakterdarstellern. Mit „Inglourious Basterds“ und „X-Men: Erste Entscheidung“ landete er bereits zwei beachtliche Publikumserfolge. „Die Körpersprache ist mein wichtigstes Werkzeug“, erklärt der in Heidelberg geborene Schauspieler. „Mit ihr kann ich den Gemütszustand eines Menschen besser zum Ausdruck bringen als mit einer Dialogzeile.“ Seine nonchalante Ausstrahlung eines Gentlemans, gepaart mit irischem Raubein und deutscher Akkuratesse kommt derzeit gut an. Kein Wunder, dass er bereits für einen Oscar im Gespräch ist. Das und die Rolle als neuer Bond würde ihn endlich in die erste Liga Hollywoods katapultieren.

Regisseur Steve McQueen zeigt alles, ohne es je voyeuristisch auszustellen. Seine kühlen Bilder eines leeren, gefühlskalten Lebens, die dennoch wohlkomponiert sind verraten seine große Stilsicherheit. Sein Faible für lange Einstellungen in Schlüsselszenen zahlt sich nach „Hunger“ einmal mehr aus. Eine selten intime Dialogszene zwischen Bruder und Schwester wirkt fast wie sein Kommentar zur sexualisierten Gesellschaft, der die transzendierende Kraft fehlt. Übrig bleibt das wahnsinnig-verzweifelte Suchen nach dem Körper, dem eigenen und dem des anderen, in einer fremd gewordenen Welt. Ein Abgesang auf die moderne Gesellschaft, der an Bertoluccis Kult-Klassiker „Der letzte Tango“ erinnert. Auch seine Figuren, wurden zu deformierten, schmerzerfüllten Kreaturen, auf der Suche nach Freiheit und Identität.

Luitgard Koch

Brandon ist im besten Alter und sieht gut aus. Er hat in Manhattan einen tollen Job, könnte also glücklich sein. Und doch: Er ist es nicht. Er lebt allein, meidet Kontakte – und leidet: an seiner Sexsucht. Sein Computer ist voller Pornos, immer wieder sucht er schnellen Sex, schickt die Mädchen oder Prostituierten, mit denen er schläft, sofort nach getaner „Arbeit“ wieder weg.

Im Büro hat man auf seinem Rechner die Sexdateien entdeckt. Brandon kann sich jedoch herausreden, alles auf seinen Praktikanten schieben. Mit seinem Chef David geht Brandon ab und zu in einem Club einen trinken. David hat Frau und Kinder, ist aber kein Kostverächter.

Er schnappt sich auch Sissy, Brandons Schwester, die als Sängerin auftritt. Sissy, soeben unter Tränen von ihrem Freund getrennt, wohnt bei Brandon. Das Verhältnis ist allerdings alles andere als gut. Mehr als einmal brennt es lichterloh.

Brandon versucht es mit seiner Kollegin Marianne. Sie ist eine reizende Frau. Sogar Gefühle scheinen mit im Spiel zu sein. Doch als es zum Sex kommen soll, versagt Brandon. Typisch. Nicht um Liebe geht es bei ihm, sondern einzig und allein um den Trieb. Den er denn auch unmittelbar darauf befriedigt – wie schon so oft. Danach ebenfalls wie schon so oft grenzenlose Scham („Shame“).

Brandon weiß, dass er aus seinem bisherigen Leben fliehen muss, „aus seiner Unfähigkeit, menschliche Nähe zuzulassen, aus dem Gefängnis, das er selbst geschaffen hat“.

Wird es ihm gelingen, oder wird er untergehen?

Die Autoren (Abi Morgan und Steve McQueen) haben es sich, wie sie sagen, nicht leicht gemacht und lange über die Sexsucht recherchiert. Kein leichtes Thema, aber eines , das real ist und in unserer Zeit wahrscheinlich noch aktueller ist als je zuvor.

Psychologisch ist das beklemmend und sicherlich von Interesse. Dazu kommt, dass Michael Fassbender den armen Brandon derart verinnerlicht, dass man unmittelbar mitgeht. Sicherlich eine darstellerische Extraleistung. Mutatis mutandis gilt dies übrigens auch für Carey Mulligan, die die haltlose Sissy spielt.

Gut gespieltes Sexsuchtdrama.

Thomas Engel