She, A Chinese

Mit ihrem ersten Spielfilm legt die in China geborene, in Europa ausgebildete Regisseurin Guo Xiaoli eine enigmatische Charakterstudie vor. In losen Szenen wird der Weg von Mei beschrieben, die in der chinesischen Provinz lebt und von einem undefinierten Glück träumt, dass sie im Westen zu finden hofft. Der Gewinner des Goldenen Leoparden, des Hauptpreises von Locarno lebt ganz erheblich von seiner Hauptdarstellerin und den starken Bildern, die meist vergessen lassen, wie unterentwickelt das Drehbuch letztlich doch ist.

Webseite: www.programmkino.de

Großbritannien, Frankreich, Deutschland 2009, 98 Minuten
Regie: Guo Xiaoli
Drehbuch: Guo Xiaoli
Kamera: Zillah Bowes
Schnitt: Andrew Bird
Musik: John Parish
Darsteller: Huang Lu, Wie Yi Bo, Geoffrey Hutchings, Chris Ryman, Hsinyi Liu
Verleih: Camino Filmverleih
Kinostart: 4. Febraur 2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Bevor sie zum Film kam, schrieb Guo Xiaoli Romane und Gedichte. Ihre ersten filmischen Versuche waren wiederum Dokumentationen. Aus diesen beiden Bereichen formt sie nun ihren ersten Spielfilm, der ambitioniert und originell ist – und in seiner ungewöhnlichen Form nur bedingt funktioniert. Guo erzählt in Vignetten, die literarische Kapitelüberschriften haben, in denen der Inhalt des folgenden Kapitels umrissen, manchmal auch ironisch gebrochen wird. Diese Vignetten zeigen den Werdegang von Mei, die eine Art filmischen Entwicklungsroman durchlebt.

Es beginnt in einem kleinen Dorf irgendwo in China. Mei lebt mit ihrer Mutter in eher ärmlichen Verhältnissen, ganz geprägt von den Traditionen. Das Mei von mehr träumt, wird immer wieder angedeutet, durch westliche Modehefte, ihre Faszination mit den Erzählungen von Freunden, die die Möglichkeiten des (nicht immer legalen) Kapitalismus genutzt und Geld gemacht haben. Distanziert und unemotional zeigt der Film das Schicksal Meis: Eine Vergewaltigung, die Androhung einer Zwangsheirat werden ebenso beiläufig geschildert wie ein kurzer Job in einer Fabrik. Bald ist Mei die Geliebte eines Gangsters, der getötet wird. Mit seinem Geld gelingt Mei der Sprung in den Westen, doch auch dort findet sie nicht was sie sucht. Wobei das Problem ist, dass sie nach nichts sucht, dass sie einer losen Vorstellung von Glück hinterherläuft, die mehr mit den Hochglanzbildern in Magazinen zu tun hat als mit der Realität des Lebens. In London geht die Reise, die Suche weiter. Mei heiratet einen älteren Mann, um ein Visum zu bekommen, doch auch dieses finanziell gesicherte Leben bringt ihr Verdruss. Ein paar Entwicklungsstufen später bricht der Film recht abrupt ab, eine Auflösung gibt es nicht, das Ende kann so oder so gelesen werden, so wie der ganze Film.

Folgt man dem Titel, muss man Mei als Stellvertreter der modernen chinesischen Frau sehen, die zwischen Tradition und Moderne lebt und ihren Platz in einer zunehmend kapitalistischem Gesellschaft sucht, in der jegliche Ordnung über den Haufen geworfen ist. Insofern passt es, dass die Hauptdarstellerin Huang Lu wie eine enigmatische Projektionsfläche wirkt, deren Emotionen kaum einmal ans Äußere kommen. Scheinbar stoisch und ungerührt erträgt sie ihr Schicksal, dass zwar nicht als so furchtbar geschildert wird wie in einem viktorianischen Entwicklungsroman, aber auch nicht wirklich schön ist. Was sie denkt und fühlt bleibt ebenso vage wie alles andere in diesem Film.

Man kann diese offene Struktur, die darauf baut, dass der Zuschauer die vielen Lücken mit eigenen Gedanken füllt, fraglos als Qualität betrachten, als Bruch mit einem überdeterminierten Kino, das keinerlei Raum zur Interpretation lässt. Dennoch kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, dass in „She, A Chinese“ etwas fehlt, das hier mit eindrucksvollen, dokumentarisch beiläufigen Bildern eine Geschichte erzählt wird, der ein gewisses Maß an Substanz eben doch fehlt. Ein interessantes, ambitioniertes Debüt, allerdings ein nur bedingt gelungener Film.

Michael Meyns

Das Mädchen Mei lebt in der chinesischen Provinz. In ihrem Dorf geht es eher trostlos zu, außer einem kleinen Billard-„Salon“ gibt es nichts. Die Straßen sind voller Schmutz und Schlamm, ein architektonisches Ensemble existiert nicht. Ab und zu geht Mei mit einem Kerl ins Kino, muss sich aber dafür auch vergewaltigen lassen.

Mei hat vom Dorf die Nase voll. Sie haut ab in die nächste Stadt, wo sie als Näherin anfängt. Aber wegen ungenügender Nähfähigkeit wird sie wieder entlassen.

Sie trifft auf Spikey, einen grobschlächtigen Kerl, Schläger und sogar Auftragskiller für die Mafia. Sie verfällt ihm. Eines Tages kommt er schwer verwundet heim und stirbt.

Mit Spikeys Erspartem wagt sie die Reise in den Westen. Sie trifft in London ein, wo sie sich durchschlagen kann. Per Zufall begegnet sie dem alten Engländer Hunt, der Gefallen an der Frau findet und sie heiratet. Eine Zeitlang geht das gut. Doch keine Liebe ist unendlich.

Mei landet bei einem jungen Kioskbesitzer, einem Inder. Wieder die „große Liebe“. Doch Rachid, so der Name des Mannes, hat nicht vor, in Großbritannien zu bleiben. Er will nach Indien zurück.

Mei steht wieder auf der Straße. Und das Kind, das sie erwartet, ebenfalls. Aber überleben ist alles.

Guo Xiaolu ist eher eine rebellische Independent-Filmemacherin und entsprechend sozial, pessimistisch, bitter, aber auch realistisch ist ihr Film. Meis Leben ist ein fast aussichtsloser Kampf, die trostlosen Situationen sind viel häufiger als die positiv romantischen. Vielleicht ist es nicht unabdingbar, immer alles so zu sehen – doch von der „subkulturellen“ Wirklichkeit, wie viele (Chinesen und andere) sie erleben, ist, was hier passiert, doch nicht allzu weit entfernt.

Die Regisseurin hat an „She, a Chinese“ lange gearbeitet. Es hat sich gelohnt. Der Film ist „prima“ geworden. In Locarno gab es 2009 gar den Goldenen Leoparden, in Hamburg einen wichtigen Drehbuchpreis.

Die Schauspielerin Huang Lu trägt den Film. Bravo! Aber auch Spikey (Wei Yi Bo), Mr. Hunt (Geoffrey Hutchings) und Rachid (Chris Ryman) machen ihre Sache sehr gut.

Thomas Engel