Short Cut To Hollywood

„Jeder sollte einmal im Leben das Gefühl haben zu leben“, heißt es zu Beginn in Jan Henrik Stahlbergs und Marcus Mittermeiers Mediensatire „Short Cut To Hollywood“. Wer dieses Ziel in der gefräßigen TV-Maschinerie anstrebt, sollte auf das Kleingedruckte achten. Der kurze Moment des Ruhms muss in diesem Roadmovie to hell mit dem Tod bezahlt werden. Die beiden Regisseure legen die Mechanismen der Sensationsgier offen in einer Persiflage auf Castingshows und andere Selbstentblößungsformate, die mit derbem Zynismus operiert, aber auch im Fahrwasser des Trash-TVs segelt.

Webseite: www.short-cut-to-hollywood.de

Deutschland, Österreich, USA 2009
Regie: Jan Henrik Stahlberg, Marcus Mittermeier
Buch: Jan Henrik Stahlberg
Darsteller: Jan Henrik Stahlberg, Marcus Mittermeier, Christoph Kottenkamp, Marta McGonadle
Länge: 94 Minuten
Verleih: Senator
Kinostart: 24. September 2009
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Buchautor Stahlberg, der in „Muxmäuschenstill“ schon einmal die Größenwahn-Fantasien von Underdogs in Szene setzte, bleibt in seinem neuen Film nah an der medialen Realität. Drei Berliner Jungs, Mitte 30 und als Musiker erfolglos, fliegen in die USA, um berühmt zu werden. Der Start ist zäh, doch John F. Salinger (Jan Henrik Stahlberg), der Anführer des Trios, ruht nicht eher, bis er durch eine spektakuläre Aktion die Aufmerksamkeit des Fernsehens für seine trostlose Truppe erregt. Danach stehen den Bagdad Boys, wie sich die Jungs nun nennen, die großen Bühnen für ihre belanglose Musik offen. Und Salinger macht einen lukrativen Deal. Etappenweise lässt er seinen Körper verstümmeln – bis zum tödlichen Finale. Das Fernsehen ist immer dabei, weltweit fiebern die Fans mit, die Werbeindustrie steigt ein und ein Boulevardblatt titelt: „Wir sind John“.

Wer nichts kann, muss alles geben, im Extremfall auch das eigene Leben. Stahlberg und Mittermaier bringen das Prinzip der Showformate für No Names auf den Punkt. Es besteht in der totalen Verfügbarkeit. Die Kandidaten müssen machen, was man ihnen sagt, und zwar klaglos. Leute mit piepsiger Stimme lassen sich von Dieter Bohlen verhöhnen. Junge Frauen in Bikinis posieren auf Heidi Klums Geheiß vor grölenden Bauarbeitern. Ständig wird ausgesiebt. Man steht mit Haut und Haaren ein. Wer rausfliegt, gilt als Versager. Wenn man den Bohlens den kleinen Finger reicht, nehmen sie die ganze Hand. Was im übertragenen Sinne stimmt, wird in „Short Cut To Hollywood“ als Verstümmelungsorgie auf die reale Ebene gehievt. Das ist gut. Auch gut ist, dass die Ruhmsüchtigen nicht als Opfer gezeigt werden. John F. Salinger hat das Anforderungsprofil der Medienmaschine verstanden und bedient es. Mitleid kommt da nicht auf, nicht mal muxmäuschenstill.

Der Film macht fröhlich seine Späße über diesen aufgeregten Zirkus, der um ein Nichts kreist. Es kann herzhaft gelacht werden. Doch die Persiflage löst sich nicht recht von dem, was sie geißelt. „Short Cut To Hollywood“ ist auch Trash-TV, nur besser gemacht. Sex sells auch hier. Explizite Szenen mit nackter Haut haben keine dramaturgische Funktion, sie sollen wohl nur Aufmerksamkeit für den Film erzeugen. Dass Stahlberg und Mittermeier es nicht so ganz ernst meinen und das Spiel mitspielen, wird am Ende deutlich. Im Abspann taucht eine Brauerei als Sponsor auf, deren Produkte im Film auffallend oft im Bild sind.

Volker Mazassek

Promis, VIPs, Starlets, Roter Teppich, Stars und solche, die sich dafür halten, beherrschen die Szene, vor allem die mediale. Vieles, was früher als wertvoll galt, ist in den Hintergrund getreten. Spaß, Party, Feiern, Urlaub sind gefragt. Das ist der geistige Nährboden, auf dem dieser Film möglich wurde.

Drei Berliner, zusammengeschlossen in einer ebenso winzigen wie windigen Boy Group, haben die Schnauze voll. Sie wollen ein anderes Leben, wollen berühmt werden, berühmt um jeden Preis, „Promis“ eben.

In den USA werden sie das alles durchziehen. Hauptperson ist Johannes Sellinger, der sich ab jetzt „John F. Salinger“ nennt. Er will, immer mit der Unterstützung seiner beiden Freunde Mattias Welbinger, jetzt „Matt Welby“, und Christian Hannawald, jetzt „Chrismon“, aufs Ganze gehen, wirklich bis zum äußersten.

Da das mit Gesang wenig Erfolg verspricht und es auch sonst Absagen hagelt, muss der Holzhammer her. Man könnte ja beispielsweise Berühmtheit erlangen, indem man sich selbst verstümmelt. Das Fernsehen wird dann schon anbeißen.

Und so geschieht es. Salinger opfert zuerst einen Finger, und als das wenig nützt, einen Arm. Als nächstes ist der Fuß dran. Und dann der Clou: Salinger wird vor der Kamera seinen Tod inszenieren, keinen Scheintod, sondern den echten.

Beinahe geht alles schief, denn John F. Salinger trifft auf die schöne Shannon, die er von Herzen zu lieben anfängt. Sie aber möchte nicht den Tod, sondern das Leben. Matt Welby und Chrismon sorgen auf rüde Weise dafür, dass Salinger nicht schlapp macht.

Und dann geht’s schließlich ans Eingemachte, an den Tod.

Eine verrückte Satire auf das Berühmt-werden-wollen. „Muxmäuschenstill „ist noch in guter Erinnerung, hier sind die
gleichen Macher am Werk. Hinter der Absurdität steckt eine gute Portion Entlarvung. Mit kleinem Budget wurde verhältnismäßig viel Effekt erzielt: in diesem Road Movie, diesem Musik-Movie, diesem Moral-Movie vom Superstar, in dem der Wahnsinn Methode hat.

Grauenhaft und einfallsreich, abscheulich und wertvoll – alles gilt für diesen Film. Die Massenszenen in Las Vegas, so getürkt sie sind, stellen eine logistische und inszenatorische Leistung dar. Aber auch im übrigen Ablauf erlischt das künstlerische Interesse nicht.

Böse Satire über ein schon fast geisteskrankes Berühmt-werden-wollen.

Thomas Engel