Shot in the Dark

Bei der Recherche zu einem Film über eine junge blinde Frau stieß der Kameramann Frank Amann auf die Arbeiten diverser blinder Fotografen, die trotz ihrer Einschränkung erstaunliche Kunstwerke schaffen. Drei dieser Fotografen porträtiert er in seiner ersten Regiearbeit „Shot in the Dark“, die zeigt, wie viel man sehen kann, auch wenn man blind ist.

Webseite: www.shotinthedark-film.com

Dokumentation
Deutschland 2016
Regie & Buch: Frank Amann
Länge: 79 Minuten
Verleih: deja-vu Film
Kinostart: 19. Januar 2017

FILMKRITIK:

Blinde Fotografen. Das hört sich zunächst wie ein Oxymoron an, schließlich geht es bei der Fotografie eigentlich darum, etwas zu sehen – Menschen, Landschaften oder Objekte – und diesen Sinneseindruck per Fotografie einzufangen und diesen anderen Menschen zu zeigen. Wenn der Fotograf also nicht sehen kann, ist das Verhältnis von Künstler, Kunstwerk und Zuschauer durchbrochen. Sollte man zumindest meinen, doch wie die drei in Frank Amanns Dokumentation „Shot in the Dark“ porträtierten Fotokünstler Sonia Soberats, Bruce Hall und Pete Eckert beweisen, gibt es bemerkenswerte Ausnahmen.
 
Besonders erstaunlich ist, dass weder Sonia Soberats noch Pete Eckert fotografierten, bevor sie als Erwachsene komplett blind wurden. Eckert, der an der degenerativen Krankheit Retinitis Pigmentosa leidet, arbeite als Bildhauer, hatte also zumindest gewisse künstlerische Erfahrungen, bevor er zur Kamera griff. Seine Bilder findet er durch sein Gehör, schnippt mit den Fingern und klopft mit dem Blindenstock auf den Boden, um die ihn umgebenden Räume oder sogar Landschaften wahrzunehmen und die Kamera dementsprechend auszurichten. Die Ergebnisse kann er natürlich nicht sehen, vor allem seine Frau Amy gibt Hinweise, doch letztendlich verlässt sich Eckert ganz auf seine Intuition.
 
Die wir Sehenden laut Sonia Sobertas ohnehin viel zu wenig nutzen. Viel zu sehr verlassen wir uns auf das, was wir mit unseren Augen sehen, eine scheinbar objektive Realität, die jedoch nicht mehr als eine subjektive Wahrnehmung ist, die ebenso sehr durch den Verstand geformt wird, wie durch die Augen. Sobertas, deren Blindheit tragischerweise auch noch durch den Tod zweier Kinder begleitet wurde, bedient sich in ihrer Fotografie einer alten Technik: In kompletter Dunkelheit nähert sie sich ihren Subjekten und bittet ihre Assistenten nach und nach, das Subjekt mit unterschiedlich hellen Lichtquellen zu beleuchten, die ihre rein imaginären Vorstellung entsprechen. Die Ergebnisse sind mysteriöse Bilder, auf denen Menschen von einem fast geisterhaften Schleier umgeben sind und wirken, als sähe man Besucher aus einer Zwischenwelt.
 
Der dritte im Bunde ist Bruce Hall, der etwas aus der Reihe fällt. Zwar gilt er offiziell als komplett blind, hat aber noch eine geringe Sehkraft. Seine Fotos kann er zwar nicht in Gänze wahrnehmen, aber doch im Detail. Während Sobertas und Eckert also in einer ganz eigenen Welt operieren, einer Welt, die für den Sehenden kaum vorstellbar ist, arbeitet Hall mit Nahaufnahmen, Detailaufnahmen etwa von Unterwasserpflanzen, an die er ganz nah herangeht. Auch wenn sein Portfolio das am wenigsten Ungewöhnliche ist, fügt er sich gut in den Film ein.
 
Drei bemerkenswerte Persönlichkeiten hat Frank Amann hier porträtiert, drei Menschen, die das was man schnell als schweres Schicksal bezeichnet, erlitten haben, aber dennoch zu einer erstaunlichen künstlerischen Ausdruckskraft gefunden haben.
 
Michael Meyns