Sibylle

Langsam, ganz langsam tut sich was im deutschen Genrekino: Immer mehr – oft junge – Regisseure bewegen sich in oft verpönten Bereichen wie Thrillern oder Geistergeschichten. So auch Michael Krummenacher mit "Sibylle", in dem Anne Ratte Polle eine Frau spielt, die von zunehmenden Wahnvorstellungen geplagt wird, die ihre heile Welt zerstören.

Webseite: www.sibylle-film.de

Deutschland 2015
Regie: Michael Krummenacher
Buch: Silvia Wolkan, Michael Krummenacher
Darsteller: Anne Ratte Polle, Thomas Loibl, Dennis Kamitz, Levi Lang, Heiko Pinkowski, Andreas Lust, Thomas Fränzel, Elisabeth Rath, Thomas Bestvater, Franziska Rieck
Länge: 87 Minuten
Verleih: [eksystent distribution] filmverleih
Kinostart: 4. Februar 2016
 

FILMKRITIK:

Sibylle (Anne Ratte Polle) ist das Paradebild einer erfolgreichen, modernen Frau: Zusammen mit ihrem Mann Jan (Thomas Leibl) leitet sie ein erfolgreiches Architekturbüro und hat mit David (Dennis Kamitz) und Luca (Levi Lang) zwei leidlich gut geratene Söhne. Bei einem gemeinsamen Urlaub am Gardasee versucht Sibylle ein wenig zu entspannen, sie macht lange Spaziergänge, bei dem ihr eines Tages eine Frau entgegenkommt, die ihr zum Verwechseln ähnlich sieht. Ein paar Momente später liegt die Frau tot am Boden, eine steile Klippe heruntergestürzt – oder gesprungen. "Alles verändert sich" sagt die Doppelgängerin noch, bevor sie stirbt, ein Satz, der Sibylle lange verfolgt. Sie versucht herauszufinden, wer die Frau war, doch deren Mann kann nur berichten, dass seine Frau in den letzten Wochen irgendwie komisch war, irgendwie anders, merkwürdige Sehprobleme hatte, die medizinisch nicht zu erklären waren.

Ihren Alltag wieder aufzunehmen fällt Sibylle angesichts der Ereignisse schwer, nach dem Urlaub scheint alles verändert: Ihr Mann wirkt auf einmal distanzierter, die Söhne scheinen ihr zu entgleiten, ja, ihr ganzes Leben scheint nicht mehr das zu sein, was es einmal war. Einen Burn Out attestiert ihr ein Arzt und ordnet Ruhe an, doch je mehr Zeit Sibylle hat, sich mit sich selbst und dem Leben, das sie aufgebaut hat, zu beschäftigen, um so fremder wirkt das alles auf sie.

Wie eine vermeintlich heile Welt nach und nach aus den Fugen gerät, wie sich hinter der Normalität Mysteriöses offenbart, ist klassisches Sujet von Psycho- oder Horrorthrillern. Erstaunlich souverän bedient sich Michael Krummenacher den Genremustern, versteht es, mit langsamen Kamerabewegungen und einer markanten Tonspur ein Gefühl der Bedrohung zu etablieren, eine drückende Atmosphäre, die seine Hauptfigur immer verstörter werden lässt. In dieser Rolle ist Anne Ratte Polle ideal besetzt, die gleichermaßen Stärke verkörpert, aber auch eine Verletzlichkeit, die nach und nach zum Tragen kommt.

Dass Krummenacher sich mit den Klassikern des Genres auskennt, merkt man seinem Film an – bisweilen auch etwas zu sehr: viele Szenen und Motive in "Sibylle" erinnern überdeutlich an große Vorbilder wie Roman Polanskis "Der Mieter", Stanley Kubricks "The Shining" oder die mysteriösen Figuren aus der Welt von David Lynch. Kein Film und erst recht kein Genrefilm entsteht natürlich in einem Vakuum, in jedem Film lassen sich Bezüge zu anderen finden. Gerade wirklich gelungene Genrefilme zeichnen sich jedoch dadurch aus, die Vorbilder nicht einfach zu zitieren, sondern sie weiterzuentwickeln, zu überraschen. Genau an diesem Punkt hapert es jedoch bei Krummenacher, wie bei so vielen anderen deutschen Genrefilmen (noch). Zu sehr bewegen sie sich im Bekannten, wagen es nur selten, eigenständig zu erzählen, sich von den berühmten und in aller Regel auch mit viel mehr finanziellen Mitteln produzierten Vorbildern zu lösen und etwas Originäres zu entwickeln. Eine Stilübung ist "Sibylle" dadurch vor allem, ein stilistisch überzeugender Psychothriller mit einer starken Hauptdarstellerin, bei dem man sich manchmal wünschte, er hätte mehr Mut, sich von den Vorbildern zu lösen.
 
Michael Meyns