Sicario 2

Nach dem Überraschungserfolg von Denis Villeneuves Drogenthriller „Sicario“ kommt mit dem im Original „Day of the Soldado“ betitelten Sequel nun der zweite Teil einer geplanten Trilogie ins Kino. Mit dem ersten Film hat die Fortsetzung kaum noch etwas zu tun, losgelöst davon ist „Sicario 2“ allerdings erneut ein verdammt harter Film über das Leben an der mexikanischen Grenze.

Webseite: Sicario2-film.de

OT: Sicario: Day of the Soldado
USA/IT 2018
Regie: Stefano Sollima
Darsteller: Josh Brolin, Benicio Del Toro, Catherine Keener, Isabela Moner, Matthew Modine, Jeffrey Donovan, Shea Whigham, Ian Bohen
Länge: 122 Minuten
Verleih: Studiocanal
Kinostart: 19.07.2018

FILMKRITIK:

An der Grenze zwischen den USA und Mexiko eskaliert nicht nur der Drogenkrieg, immer wieder schleusen Menschenhändler auch Terroristen unbemerkt von einem Land ins andere. Die Agenten Matt Graver (Josh Brolin) und Alejandro Gillick (Benicio Del Toro) stellen sich der Gefahr der mexikanischen Kartelle und holen von der amerikanischen Seite zum Gegenschlag aus: Um einen Krieg der verfeindeten Drogenclans anzuzetteln, soll das Mädchen Isabela (Isabela Moner), Tochter eines mächtigen Kartellbosses, entführt werden. Da Alejandro noch eine ganz persönliche Fehde mit ihm auszutragen hat, setzt er sich besonders dafür ein, dass Isabela dieses Manöver heil übersteht. Doch in dem Milieu treiben bis an die Zähne bewaffnete Kriminelle ihr Unwesen, für die Mord und Totschlag zum Alltag gehört…

Wer die Filme des gebürtigen Italieners Stefano Sollima kennt, der weiß: Dieser Mann macht keine halben Sachen. In Filmen wie „A.C.A.B.“ oder „Suburra“, aber auch der gefeierten Serie „Gomorrha“ sezierte er vor laufender Kamera ganze Milieus und begab sich tief ins Herz krimineller Verflechtungen innerhalb mafiöser Clans. Für das „Sicario“-Sequel „Sicario: Day of the Soldado“ – hierzulande unter dem simplen Titel „Sicario 2“ in die Kinos kommend – durfte der bislang vor allem unter Filminsidern bekannte Regisseur Denis Villeneuve („Prisoners“) beerben. Nach einem bei aller Bosheit fast poetischen ersten Teil, in dem Kameramann Roger Deakins zwischen all der Gewalt auch eine gehörige Portion Ästhetik einzufangen vermochte, ist die Fortsetzung nun, ganz dem Regisseur entsprechend, ein ausschließlich dreckig-brutaler Crime-Thriller. Ohne Emily Blunt, die in Teil eins den personifizierten Silberstreif am Horizont verkörperte, ist von der zwischenzeitlich aufblitzenden Menschlichkeit nun fast nichts übrig. Und somit kaum noch etwas davon, was „Sicario“ überhaupt ausmachte. Betrachtet man Teil zwei hingegen für sich alleine, bleibt eine starke, wenngleich völlig andere Art von Suspense und Atmosphäre, was zum Großteil auch dem wiederkehrenden Drehbuchautor Taylor Sheridan („Hell Or High Water“) zu verdanken ist.

Ging es in „Sicario“ ausschließlich um den brutal ausgetragenen Drogenkrieg, stehen in der Fortsetzung nun vorwiegend der Handel mit Migranten und den darunter befindlichen Terroristen im Fokus, die Schleuserbanden im Verborgenen über die Grenze schmuggeln. Um diese Prämisse zu etablieren, wird der Zuschauer auch sehr früh Zeuge einer Gewalttat, wie sie uns heutzutage nahezu täglich erreicht: In einem Supermarkt sprengt sich ein Attentäter in die Luft – es ist der Auslöser dafür, den Krieg gegen die Terroristenschleuser nun auf derbere Weise fortzuführen. Der Film könnte in Zeiten der Regierung Donald Trumps, der den angestrebten Bau seiner Mauer zu Mexiko ja auch immer wieder damit rechtfertigt, Kriminelle von „seinem Amerika“ fernhalten zu wollen, aktueller nicht sein. Und tatsächlich hat sich etwas verändert: Man kann den Wechsel von der Prä-Trump- zur Trump-Ära förmlich greifen. In „Sicario 2“ ist alle Hoffnung auf ein friedliches, gewaltfreies Amerika erloschen – und selbst, wer entgegen aller Erwartungen einen Kopfschuss überlebt, ist in diesem menschenfeindlichen Land trotzdem verloren. Stefano Sollima quetscht mit seinem Film die Seele Amerikas aus, bis kein Tropfen Hoffnung auf eine bessere Welt mehr übrigbleibt – und erst danach beginnt sein Film.

Anhand der ehrgeizigen Kate Macer ließ sich im ersten Teil noch ganz gut nachvollziehen, weshalb in dieser Umgebung überhaupt noch Jemand versucht, gegen die allgegenwertige Gewalt anzugehen. In „Sicario 2“ gibt es nun nur noch ein Wiedersehen mit den beiden Agenten Graver und Gillick, die schon vor drei Jahren erkannt haben, dass sie hier gegen Windmühlen kämpfen. Das macht es diesmal schwieriger, mit irgendjemandem im Film zu sympathisieren. Letztlich ist „Sicario 2“ nur ein Abstieg in finsterste menschliche Abgründe; aber in solche, die tatsächlich existieren. Denis Villeneuve konnte so viel Spannung und Aggression noch mit seinem unbedingten Stilwillen abfedern. Sein Film konnte durch die fiebrigen Bilder Roger Deakins‘ immer auch betören, die Bilder aus dem Sequel stammen nun von Dariusz Wolski („Alles Geld der Welt“), der immer draufhält und das Geschehen unverfälscht zeigt. Hier gibt es keine inszenatorische Überhöhung mehr, was wir hier sehen, ist das echte Leben. Und das ist bei aller Brillanz bisweilen nur schwer zu ertragen.

Antje Wessels